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Der Israelit · 1907-01-10 · Heft 2 (10.1.1907) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 2 (10.1.1907)
Date
1907-01-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 18. No. 2. Der Israelit. 10. Januar 1907 stimmtheit der Handlung würden Achtung vor Volk und Gesetz und Gott erwecken. Die im Spiegelbild seines Gesetzes erglänzenden Charaktereigenschaften seiner Söhne, im praktische»» Leben betätigt, würden der Menschheit jeden einzelnen Jakobssohn als Jdealgestalt erscheinen lassen, als eine verehrungswürdige Person, an deren Denk- und Handlungsweise sie erst den eigentlichen nmsassenden Inhalt des Wertes zu erkennen vermöchte: „Mir zum Volke." Trauungen. Es ist die natürliche Folge davon, daß, wenn Handlungen falsch benannt iverden, auch die Auffassung von ihrem Wesen bis zur Entstellung und zum vollendeten Gegensatz sich von ihrer ursprünglichen Bedeutung entfernt. Mit dem Augenblick, mit dem wir beginnen, religiöse Handlungen mit dem verderbllisschwangern Namen „Ceremonie" zu benennen, mit demselben Augenblick ist der Kern verloren, nur die Schale, die leere und inhaltlose, bleibt. Welche Kluft scheidet die zu einem „kirchlichen Akt" degradierte „Trauung" voll ihrer jüdischen Bezeichnung, welche die ganze Erhabercheit und sowohl die moralische als auch rechtliche Tragweite, ihres Wesens in sich schließt: nsin ptsrnpi! Ist es dasselbe, ob ein dritter m e n s chl i ch e r Mund dazu erforderlich ist, eine Ehe für geschlossen zu erklären, oder ob in freier Wahl der freie Mann hintritt und zur frei sich entschließenden Frau spricht: „sei mir angeheiligt"? Sei mir geheiligt und geweiht, mein teuerstes Gut, sei mir geheiligt in Treue imb Liebe, sei mir geweiht im Wollen ulld Denken, sei Teilhaber meines Sollens und Habens, meines Daseins und meines Zweckes. Ist es dasselbe, ob ein dritter, menschlicher Mund, den „Segen" ihrem Hause erteilt, oder ob Mann und Frau aus freier Wahl gemeinschaftlich die Hülle des Lebells sich umgeben uild selbst ihr Haus bauen und selbst unter die schützende Decke sich stelleil, die ihr TlUl und Lassen über sie breitet, wodurch sie des göttlichell Segens sich selbst teilhaftig machen? Wir »vollen lins heute llicht über die Gedanken verbreiten, mit denen der jüdische Gatte und die jüdische Gattin sich ihr Haus gründen und bauen sollen, Gedanken unverlierbarer Bestimmung, die die Einzelehe hinausheben aus der kurzen Spanne der Zeitlichkeit, sie der Ewigkeit angliedern, nicht verbreiten über den großzügigen Gemeinsinn, der aus den sieben Segenssprüchen, die bei der Chuppoh gesprochen werden, zu den Herzen des jungen Paares spricht, nicht zu eiuzu haben, die Kleine sah »licht aus, als ob sie ohne Grund jemand verhöhnen möchte. Tannenberg erwartete den Freund in der Nähe in einen» Cafe. Es war heute christlicher Feiertag, die Nniversitatsvorlesnngen sielen aus, die beiden Freunde wollten die freie Zeit zu einem tüchtigen Spaziergang benutzen. Es war herrliches Mailvetter, alles strömte hinaus ins Freie. Bär hatte von der Umgebung der Stadt noch nichts gesehen und war ganz überrascht von den landschaftlichen Reizen, die sich schon nach kurzer Fahrt mit der Stadtbahn zeigten. Es war dort ein schöner großer See, dunkle Buchen- Mialdungen rahniten die Ufer ein, und dazwischen verstreut lagen reizende Landhäuser, gar verlockend zu behaglichem Aufenthalt. Ein besonders stattlicher Bau ans grauem Saudsteiit erregte Bars Aufmerksamkeit, das Haus war größer als die meisten, und nach Süden zu befanden sich große Veranden. „Es ist die Lungenheilstätte der jüdischen Gemeinde", sagte Tannenberg, „sie ist jetzt neu eingerichtet, aber schon bis' auf den letzten Platz besetzt. Die Einrichtung soll mustergiltig sein." Bär bewunderte diese Wohltätigkeitsaustalt. „Ein Tropfen auf den heißen Stein", seufzte Tannenberg, „fünfzig werden ausgenommen und zehnmal so viel bitten vergebens. Man baut bereits an einer zweiten Anstalt. Aber komm weiter, wir wollen ein bischen rudern." maligem Ueberdenken, zu einmaligem Empfinden, sondern zu dauerndem Nutzen und zu lebenslänglicher freudig-ernster Betätigung. In kurzen Worten findet der geneigte Leser die Bedeutung dieser Segenssprüche und ihren Inhalt in den „Versuchen über Jißroels Pflichten" von Samson Raphael Hirsch, Kap. 111. Im Rahmen dieser Blätter möchten wir nur darauf Hinweisen, eine welche Verkennung der Bedeutung der jüdischen Eheschließung sich eingeschlichen hat. Und die Unkenntnis des Inhaltes hat diese Handlung der Eheschließung zu einer Nachahmung fremder Gebräuche mit Abstreifung der besonderen Eigentümlichkeiten außerjüdischer Religionskreise gemacht, daß mal» vielfach diesen Akt zu solch nichtssagender Aeußerlichkeit gewandelt, daß er, weder jüdisch, noch nicht jüdisch — einfach unsinnig geworden ist. Wie es in der ganzen Gesetzgebung der Thora nichts gibt, was nur — besonders für die Zeiten der Diaspora — im Entferntesten an eine „kirchliche" Einrichtung streift, so ist auch die jüdische Eheschließung nur unter dem Gesichtspunkt eines zivilrechtlichen Vertrages zu verstehen. Indem der Mann sich die Frau „anheiligt", und damit alle Verpflichtungen ihrer Versorgung in vollstem Umfang übernimmt, gibt es zum Ausdruck dessen für das Gesetz keine andere symbolische Handlung, als dieselbe, die für jede Rechtserwerbung üblich ist. Damit ist die „Weltlichkeit" dieses „Trau aktes" für alle Zeit gesichert und hat ganz eigentlich jeder mißverständlichen Auffassung den Riegel vorgeschoben. Natürlich, auch die welt lichste Handlung des Einzelnen steht innerhalb des jüdischen Gesetzes unter dem Diktat Gottes. Das gerade ist ja der Vorzug des jüdischen Gesetzes, das Irdischste des Irdischen mit dem immlischen zu durchdringen, das ja gerade das iel des Gottesgesetzes, jede Handbreit Erde zu eiirem Altar des Geistig-Sittlichen zu erheben. Eben darum wird von selbst eine nochmalige „kirchliche" Handlung zur — Komödie, da sie innerhalb des Judentums keinen Platz hat. Und nun gar, wenn man künstlich Stände und Berufe schafft, die nun lediglich das Recht, eine „Trauung", die sie nicht vollziehen können, zu vollziehen in Anspruch nehmen! Und wenn nun gar diese Stände lind Berufsklassen einen Kompetenzstreit vor den Augen der Welt bcginnell, der zum Lachen wäre, wenn diese Sache nicht so ungemein traurig läge! Aber das ist der Fluch der bösen Tat des Ehristianisierens nnd des Nachahmens fremder Sitten. Oben begann es. Das Beispiel gaben und geben die sich gesetzgeberische Befugnis anmaßenden Reformhelden, die sich gleich den wirklichen Gesetzeslehrern in Israel „Rabbiner" nenneil. Warum foflten die Lehrer nicht dasselbe Recht haben zu tun, was diejenigen Sie nahmen ein Boot irnd fuhrell hinaus. Das landschaftliche Bild bot sich noch anmutiger von der Mitte des Sees ans dar, man sah dort rings die sanft ansteigenden Höhen, die überall schmucke, schloßähnliche "Villen trugen, darüber der leuchtend blaue Himmel und auf dem Wasser die luftigen, flinken Boote mit all den fröhlichen Menschen. Hier und da keuchte auch ein Vergnügungsdampfer dazwischen; das war ein Kribbeln und Krabbeln, ein Lachen und Scherzen ans dem Deck. Die bunten Frauenkleider, die jungen Mädchen in den lichtesten Gewändern erhöhten noch den Reiz des Bildes. In den Gärten der Uferrestaurants wurde es immer lebhafter, von überall her erschallte Musik,- es war dem Feiertag zu Ehren Ball, und die vergnügungssüchtige Menschheit drehte sich der strahlenden Maiensonne zum Trotze im Schweiße ihres Angesichts in den dumpfen Sälen. Die beiden Studenten hatten ziemlich abseits ein einfaches Gasthaus aufgejucht; Tannen berg kannte es von früher her und wußte, daß sie von Tanzmusik ungestört bleiben würden. Sie saßen behaglich am Ufer und verzehrten zu ihrem Glase Bier die mitgebrachten Brötchen. „Das ist doch mal was anders als der Straßenstaub, und Rudern ist auch 'ne schöne Sache, ordentlich 'ne Wohltat, die körperliche Bewegung nach all dem Sitzen die Woche über." Markus sah lächelnd den Freund an. Eine prächtige Gestalt, dem wohl niemand den über den Büchern ihnen vortun, die ihnen maßgebend sein wollen? Sind sie ja nur dabei die gelehrigen Schüler. Wir wollen uns aber bei leibe nicht rn diesen Streit mischen. Die Autorität liegt für uns nicht im Namen nnd nicht im Stand, in keiner Zunft als solcher. Wir achten den Satz: „Nicht der Platz ehrt den Menschen, sondern der Mensch den Platz". Wir wollen und brauchen uns die Wahrheit der letzte»» Mischnah in Sota nicht z»» verhehlen: „Seit dem Tage, da das Heiligtum verödet ward, fingen die Gelehrten an, Kinderlehrer zu werden, die Lehrer »vurden Gemeindediener, die Gemeindediener wurden wie das gewöhnliche Volk und dieses sank immer tiefer." Wenn man als wesentlich bei der jüdischen Trauung die Rede des „Geistlichen" betrachtet, warum soll dann nicht jeder diese Rede halten, der reden kann? Ist hinwiederum der Talar das Bedeutsame, so mag Jeder, der dieses Gewand anlegt, ebenso gut als Trauungsredner sich fühlen, »vie er als Seelsorger hinter der Leiche zugelassen wird. Mögen die sich nicht wundern, die mit der Hervorhebung dieser Aeußerlichkeiten ihrer Person einen Nimbus zu geben trachteten, daß sie nun diesen ihren persönlichen Glanz an andereabtreten müssen, die für billigeres Geld dasselbe leisten. — Eine jüdische Eheschließung geschieht so wie so dann nicht. Zu einer jüdischen Eheschließung, die, wie wir oben andeuteten, eine jüdisch-rechtliche Grundlage hat, gehören zunächst als wesentlichste, unentbehrliche Persönlichkeiten nicht sehr entbehrliche Prediger, sondern z»vei Zeugen. Diese Zeugen müffen namentlich bestimmt werden »»nd müssen dein Ehepaar als Zeugen bezeichnet sein. Diese Zeugen dürfen zunächst weder »nit dem Ehepaar in verwandtschaftlicher Beziehung stehen, noch dürfen sie untereinander verwa»»dt sein. Daß sie tvenigstens über 13 Jahre alt sein müssen, ist selbstredend. Da es sich aber um eitlen jüdisch-rechtlichen Akt handelt, so müssen die Zeugen auch die Eigenschaften besitzen, die erforderlich waren, »»m vordem jüdischen Gericht als Zeuge zu erscheinen: Sie müssen nämlich einen einwandfreien religiösen Lebens- »vandel führe»». Schon allein die Beurteilung der Eigenschaften der Zeugen bildet ein Studium, das in den wenigsten Fällen heute betrieben worden ist und dessen Ergebnisse gewissenhaft beachtet werden von denjenigen, die an die verantwortungsvolle Funktion leichten Herzens Herangehen, „Trauungen zu vollziehen." Nun kommt aber noch die viel schwierigere Untersuchtt»»g hinzu, die bei Uebernahme einer Trauung zunächst anzustellen ist, ob die ange- »neldete Ehe religionsgesetzlich geschlossen Werder» hockenden Rabbiuatskandidaten ansah. „Du, Bauer, Du hast ganz andere Muskeln als ich, mir t»»n die Arme förmlich weh." „Gerade desrvegen solltest Du aber so etwas öfters »nachen. D»l machst es »vie die meiste»» jüdischen Jungen,' vor lauter Lernen vernachlässigt Ihr körperliche Hebungen. Ma»» kann doch das vereinen. Turnen war sicher das einzige Fach, i»» dem Du, Musterknabe, es nicht zur ,1' gebracht hast!" spottete Tannenberg. „Noch nicht einmal z»»r II", lachte Bär, „ich will »»»ich bessern. Sieh' mal, »ver da kommt", unterbrach er sich aufspringend, „ist das nicht Rektor Stein?" Tannenberg sah auf. „Richtig, sie sind es. Ich gedenke meiner Sünden, meines versäumten Semesterbesuches nämlich. Weißt Du, »nir ist inimer ein bischer» ungemütlich dort." „Aha, der Schüler hat noch Angst vor dem Herrn Lehrer." Beide lachten, Schüchternheit war Tannei»- bergs Fehler nicht. Der Rektor kam inzwischen näher, seine Frau und Kinder waren bei ihm. Die Studenten grüßten ehrerbietig. „Bitte, lassen Sie sich nicht stören, meine Herren, oder vielleicht leisten Sie uns Gesellschaft? Mirjam, gestatte, daß ich Dir Herrn Bär vorstelle, dem Namen nach ist er Dir ja aus den Briefen unseres Schwagers bekannt." (Fortsetzung folgt.)

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