Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1907)
- Date
- 1907-01-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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3. Jahrgang. M I. üdxechcr Volheframd Monats-Veilage rum „Zrraelit" Terantwortlicbe Redaktion: Rabbiner Dr. B. CHolf in Kein. „Mir zum Volke." „Darum sprich zu den Kindern Israel, Ich bin Gott- Ich werde euch hinausführen nnter den Lasten Aegyptens hinweg, Ich werde euch retten von ihrem Dienst, Ich werde euch erlösen mit ausgestrecktem Arm und mit großen Strafgerichten. Ich werde euch mir zum Volke nehmen, Ich werde euch zum Gott sein und ihr werdet erkennen, daß Ich Gott, euer Gott bin, der euch herausführt aus den Lastarbeiten Aegyptens." Ein herrliches Erlösungswort, mitten in die Welt der Macht- und Kraftvergötterung hineingerufen! Hinein gerufen in eine Welt von Herren und Knechten. Fortan soll der Schwache mächtig sein, der Sklave frei, der Gehaßte gefürchtet, gleichberechtigt der Unterdrückte, schutzbefohlen der Vogelfreie. Versteht Ihr, was es heißt, Jude zu sein? Jude sein heißt Mensch sein, ein Mensch, der Recht und Gerechtigkeit übt, ein Mensch, der Gewalt haßt, weil er Liebe zu bringen berufen ist, ein Mensch, der Menschenfurcht nicht kennt, derweil sein Gott lebt, der das Unrecht straft an den Hohen und Höchsten der Menschheit. „M i r z u m V o l k!" Einen Einzigen fürchten, Ihn ehren, Ihn verehren, Ihn vor Augen haben aus allen Wegen des Lebens, an Seinem Gesetz messen und beurteilen den Weg, den der Mensch zu gehen hat, den Schritt, den er unterlassen soll! „Mir zum Volk!" Eine Ehrengarde soll das jüdische Volk sein. Mit seinen Fahnen zog es in die Wüste, mit seinem Feldlager eroberte es sein Land. Sein König war nicht sichtbar an seiner Spitze. Kein Bild von Ihm wurde voraufgetragen. Was mit mächtigem Schall die Luft erdröhnen ließ und die Herzen der Völker erzittern machte, es war kein rollender Donner erzgegoffener Geschütze. Der in seinem eigenen Herzen widerhallende Tori seiner Posaunen ließ des Feindes Mauern in Trümmer finken. Welch' moderne Welt liegt da vor uns! Eine Welt und eine Weltauffafsung, die bis heute nur von den Wenigsten der Wenigen, die den Ruf „Mir zum Volk", an sich ergangen fühlen, in allen Lebensbeziehungen betätigt wird. Dinge und Verhältnisse kann man nur verstehen, wenn man sie in ihrer geschichtlichen Entstehung und Entwickelung betrachtet. Nun denn, mit dem dieswöchentlichen Thoraabschnitt liegt das Dokument vor uns ausgeschlagen, das unserm Volk die Bestimmung gab und es auf den Weltenplan berief, um seine Berufsallfgabe ihm zuzuerteilen. War je stärker der Druck, der aus unsernr Volke lastete, als damals, da wir „im Tigel Aegyptens" für unfern goldreinen Münzwert des Lebens „geläutert" wurden? Haben wohl unsere Altvordern nicht geseufzt? Hat doch der Stamm Ephrajim nach einer Neberlieferung wirklich zu den Waffen gegriffen. Er befreite sich aus den Banden Aegyptens, um — int Philisterland die Waffen zu strecken und das Schicksal der in Aegypten zurückgebliebenen Brüdern durch grausameren Druck unerträglich zu gestatten, „damit diese nicht auch aus dem Lande hinaufgehen und sich zu Aegyptens Feinden fügen könnten." Aber das ist der Gedanke, den das an die Spitze dieser Zeilen gestellte Berufungswort unseres Wochenabschnittes unterstreicht. Die wirtschaftlichen und politischen* .Verhältnisse des jüdischen Volkes sind nicht unter dem Gesichtspunkt ihrer eigenen Zweckmäßigkeit zu betrachten. Wie unsere Befreiung aus Aegyten, die die Tat umgesetzte Antwort Gottes „Ich bin Gott" aus die vermessene Frage Pharaos war, „Wer ist Gott?", wie unsere erste Erlösung dem Zweck diente, „damit ihr erkennet, daß Ich Gott euer Gott bin, so „bringt" Gott dereinst den späten „Kindeskindern" jener zum ersten Ma Erlösten — nach dem Ausdruck unserer Schmoneh- Eßrei den Erlöser — um Sei nes Namens willen." HW Der ganze Kampf der Menschheit, die ganze Entwicklung der Geschichte, hat zum Inhalt: die Anerkennung Gottes. Diesen Besitz soll die Menschheit sich selbst erringen. Das Ziä nicht zu verlieren, dazu genügt das Dasein weniger, deren Gegenwart mtd Lebensführung die Menschheit daran erinnert. Die verhältnismäßig geringe Gliederzahl dieses Volkskörpers reizt die Machtgrößeu, ihren Stolz an Israel zu messen. So wird der Eingriff Gottes in den Werdegang der Geschichte herausgefordert, und jeder Angriff gegen Jissroel und seine Verteidigung regt zur Prüfung der Weltanschauung an und festigt und fördert den Gedanken an Gott und sein Gesetz im Busen der Menschheit. Freilich, würde Israel einmütig einmal die Erhabenheit und Unantastbarkeit seines Gesetzes verkünden, eine solche Gemeinsamkeit der Tat würde einen tiefen und unverlierbaren Eindruck machen. Der Ernst, der Nachdruck und die Be« Ferrittrton. Maasser. (Fortsetzung.) So kam Markus Bär in das Haus des Bankiers Löwenberg. Es war ihm ein wenig unbehaglich zu Mute, als er seinen Antrittsbesuch machte. Zum ersten Male in seinem Leben betrat er eine elegant eingerichtete Wohnung, und die parfümdurchschwängerte Luft der durch schwere Vorhänge verdunkelten Zimmer stößte ihm ein fast beängstigendes Gefühl ein. Aber als die gnädige Frau mit ihm sprach, wurde diese Empfindung schnell durch eine schwer zu bekämpfende Heiterkeit verdrängt. Sie war in ein modernes loses Gewand im Jugendstil gehüllt, das ihre reichliche Korpulenz noch mehr hervorhob, ihre rundlichen, brillantenfunkelnden Finger hielten ein Lorgnon, durch das sie ihren Gast zu mustern bemüht war. Dabei zwinkerten die Aeugelchen, die dtrrch fettgepolsterte Backen fast versteckt waren, so angelegentlich, daß Bärleichtes Mitleid mit der Frau empfand, die durch die Mode zum Tragen des Glases gezwungen war. Er hatte in den Witzblättern öfters solche Karrikaturen gesehen, in der Wirklichkeit noch nie. Nun redete sie lebhaft in ihn hineiy, gebrauchte mit solchem Talente falsche Fremdwörter, daß ihr Partner Mühe hatte, das Lachen zu unterdrücken. Als ihr Wortschwall endlich erschöpft war, ließ sie ihre Tochter, ihren Stolz, rufen. Markus Bär erwartete gespannt deren Erscheinen. Sie kam gerade aus der Schule und machte eigentlich keinen anderen Eitrdruck als jedes andere gleichalterige Mädchen. Sie war durchaus nicht auffallend gekleidet, und ihre schönen schwarzen Zöpfe hinget: glatt gekämmt über den Rücken. Aber als sie den: künftigen Lehrer die Hand reichte und ihn dabei mit ihren dunklen Augen ansah, merkte dieser am Ausdruck, daß es kein Durchschnittsmensch war, der vor ihm stand. Es lag so etwas Forschendes, dabei fast Flehendes in dem schmalen Gesichtchen: „ob Du mir wohl gibst, wonach ich mich so sehne, ach so sehr sehne?" Es wurde Markus Bär ganz sonderbar dabei zu Mute. Die Mutter redete nun wieder ununterbrochen. „Na, Ernachen, wie wär's? Natürlich hast Du wieder die beste Arbeit im Französischen. Herr Doktor, Sie wissen gar nicht, was das Kind alles lernt, die ganze Bildung, Mathematik und alle Sprachen von der Welt, natürlich, auch sonst Astrologie, Philosophie, die griechische, natürlich, die moderne ist ja nichts für junge Damen, die sind ja alle verrückt, nicht, Ernachen? Na, einer ist doch im Irrenhaus gestorben, wie hieß er doch gleich, Ernachen?" Sie wartete gar keine Antwort ab. „Utld habt Ihr denn heute wieder die platonische Liebe gelernt? Da halten sie nämlich gerade. Und bei einem richtigen Professor von der Universität, tratürlich, es ist ja die allerfeinste Schule. Aber sie lernen nur das Moralische", flüsterte sie recht laut dem Studenten ins Ohr, „wenn einer eine Geliebte gehabt hat, das brauchen sie natürlich nicht zu wissen." Bär hatte bei diesen: Erguß der Bankiersfrau das junge Mädchen beobachtet, die Mutter konnte einer Heranwachsenden Tochter nicht viel Respekt einflößen. Erna zupfte nervös an der Tischdecke herum, sie litt sichtlich unter der Situation. Markus Bär erhob sich, sie verabredeten die nächste Stunde, und dann sollte er auch die Knaben sprechen, die noch in der Schule waren. Der junge Mann atntete auf, als er wieder auf der Straße wardas war eine seltsame Familie. Ein größerer Gegensatz als zwischen Mutter und Tochter ließ sich kau::: denken. Schon äußerlich. Die Frau mit ihrer kleinen, dicken Gestalt und dem hoch aufgebauschten Lockenhaar und den unruhigen Bewegungen, und das Mädchen lang aufgeschossen, dabei fast überschlank und das schmale, zarte Gesichtchen mit den großen, dunklen Augen und dem glatt gescheitelten Haar. Er freute sich jetzt, den Unterricht übernommen