Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1907)
- Date
- 1907-01-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449247--63168-2505697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2. 10. Januar 1907 Seite 8. standen hat, durch seine Verleumdungen über unsere Mission hiesigen Juden — darunter wohl auch Ihr Korrespondent ist — über 100 Mark an Geld und Geldesrvert abzunehnieu. Die angeblich vom Hausvater Neu ausgesteltteu Ouittungen über 12 Mark und 24 Mark für geleistete Vorschüsse auf Schulden, wodurch wir die jungen Leute an uns gefesselt haben sollten, sind vor: demselben Zögling unter Entwendung etlicher Iirmabriesbogen und unter Mißbrauch unseres Stempels gröblich gefälscht! Das vernulten wir nicht nur, sondern darüber haben wir eine protokollarische Aussage von einem andern Heimzögling, der mit j nem entlassen war und dami als willenloses Werkzeug von demselben in Mitleidenschaft gezogen wurde, der aber kürzlich, von Gewissensbissen getrieben, den ganzeil Schlvindel aufgedeckt hat, riicht bloß uns, sondern auch zlvei jüdischeil Herren, die sich von delil Schwindler io haben hinein legen lassen und die Ihre Korrespoiideliz entweder selbst geschrieben oder veranlaßt habeii. Wir nehmen an, daß die betrefsendeii Herreil gegen derl Betrüger, der sich zur Zeit in seiner Heimat Ezernowitz aushält, gerichtlich Vorgehen werden, sonst behalten wir uns solches vor. Der Vorstand des Westdeutschen Vereins für Israel zu Cöln. I. A. (i. Wagner. Hierzu bemerken wir, daß unser Korrespondent im guten Glauben gehandelt, aber nach obiger Erklärung die Ueberzengung geivonnen hat, daß er selbst, sowie seine Gewährsmänner, durch eine grobe Urkundenfälschung getäuscht wurde. Wir stehen nicht an, das rückhaltlos zri erklären. Den Schwindler vor Gericht zu stellen, dürste allerdiiigs so leicht nicht möglich sein, da derselbe sich nicht in Czernoivitz auszuhalten scheint. Eine dorthin an seine Adresse gerichtete Karte karr: als unbestellbar zurück. Im Uebrigen ist für unseren Korrespondenten und seine Gewährsmänner, sowie für llns, die Angelegenheit hiermit erledigt. Oesterreich. Rzeszow, 1. Januar. Der hiesige Staatsanwalt hat sich nicht damit begnügt, gegen das freisprechende Erkeniltnis der Geschworenen in Sachen des wegen Meuchelmords unschuldig angeklagten achtzigjährigen Gastwirts Jakob Stern Nichtigkeitsbeschwerde zu erheben, sondern er hat den unglücklichen alten Mann auch noch weiter in Hast behalten llnd gegen 2 Entlastungszeugen — natürlich ebenfalls Juden — bei der Ratskammer Alltrag auf Verhaftlnlg wegell Ver- . dachte falscher Zeugenaussage gestellt. Die Kammer hat diesem Antrag Folge gegeben. Das ist rlm so merklvürdiger, als die beiden Zeugen schon vorher wegen falscher Aussage in Untersuchlmgshaft gezogell wordell waren und die Untersuchung eingestellt werden nlußte. Die „Oestreichisch-Jsraelitische Union" hat die Aufmerksamkeit der zuständigen Stelle auf diese soilderbare Art der Rechtsverfolgung gelenkt. Sie weist auch darauf hin, daß die Gendarmerie in Rzeszow Erhebungen darüber angestellt hat, ob und von welcher Seite für die Vertretung Sterns „Geld gesandt lvordeil sei" und ob die Rzeszower Jndeil nach dem Freispruch Stern „freudi - erregt gewesen seien." Man sieht, daß der Oesterreichiche Antisemitismus ganz nach mittelalterlichem Rezept a beitet. Rußland. St. Petersburg, 2. Januar Ein Vertreter der New-Aorker Abendpost, Garlau d, der die russischen Provinzen in denen zur Zeit Hungersnot herrscht, bereist hat, erstattet einen erschütternden Bericht über die dort herrschenden Zustände. Etwa 30 Millionen Menschen bewohnen die Hungerdistrikte. Vieh ulld Ackergeräte sind verkauft,- die Bauern ernähren sich von Gras und verkaufen selbst ihre Frauen und Der Israelin__ Töchter. 'Das Interessanteste ist von wem diese ärmsten der Armen bewuchert werden! Nicht etwa voll Jllden, die ja aus jenen heiligen Distrikten völlig oerbannt sind, .sondern von Gutsbesitzern und Popen. Diese Herren lasseil sich nach dem genannten Blatte bis zu 300 Prozent Z i n 's e il bezahlen. Einem armen Bauern hatte ein Pope 200 Mk. geliehen wofür er sich 0 Morgen Land auf 6 Jahre verschreibeil ließ. Das bildet einen drastischen Kommentar zu der staren Abneigung die gerade jene Gutsbesitzerkreise gegen die Aufhebung des Ansiedlnngsrayons empfinden. St. Petersbll rg, 6. Januar. Wie die „Nietsch" llritteilt «240 vom 19/12 11) ist der Antrag des Ministerrats wegen einiger Gesetzeserleichterugen für die Inden zurückgewiesen worden. Odessa, 4. Jan. Die sogenannte „weiße Garde", die durch Gewalttaten an Juden hier bereits eine trailrige Berühnitheit erlailgt hat, kündigt für die Zeit der Wahlbewegung neue Pogrome ail. Zu diesem Zwecke sind 500 Revolver und 50 Flinten verteilt worden) unter der jüdischen Berölkerung herrscht Panik. — General Kaulbars, der berüchtigte Protektor des „Verbandes der russischen Leute" ist nach Orenberg versetzt wordeil; sein Nachfolger ist General Skugarevsky. England. London, 4. Januar. Das erste Einigungsamt einer rein jüdischen Gewerkschaft ist dieser Tage hier zustande gekonlmell und zwar im Schneidergewerbe. Als oberster Grundsatz wurde einstimmig die völlige Abschaffung der Samstagarbeit verkündet Das Amt führt ben 9!amen: „Federated Jewish Beoard of Conciliation for the tai’oring industry " — Der Schnhmacherstrike hält leider an obgleich er, weil ohne Fühlung mit der ellgtischell Schuhmachergewerkschaft llllternommerl, ganz aussichtslos ist Spanien. Madrid, 3. Januar. Die Nllterwerfung llnd Vernichtung der Raisuli'schen Rebellenscharen scheint sicher, und die Juden Marokkos werden das keineswegs bedauern. Raisuli hatte seinem Statthalter in Arzila Befehl erteilt, die gesamte jüdische B e v ö l k e r u ll g, falls sich der Platz nicht mehr halteil könne, vor der Uebergabe niederzumetzeln. Nähere Nachricht bleibt abzuwarten. Amerika. Ll e w -?) o r k, 4. Jallllar. Ein Vertreter der jüdischen Emigrantenhülssgesellschaft auf E l l i s Island, Alexander Har kan y, ist auf eilier Reise nach Europa begriffen, um mit den verschiedenen jüdischen Hülfsgesellschaften, die an der Auswanderung russischer Juden beteiligt sind, Fühlllng zu nehmen. Es handelt sich hauptsächlich darum, den nlaßgenden Faktoren eine genauere Kenntnis der Bedingungen, unter denen die Einwanderung in Amerika möglich ist, zil verschaffell, damit die Zahl der Unglücklichen, die zwangsweise zurückgeschickt werden, womöglich immer mehrreduziert Nord. New-Uork, 4. Januar. Der amerikanische Handelsminister Oscar Straus hat eine Kommission zum Studium der gesetzlichen Vorschriften über die Behandlung von Zwischendeck-Passagieren ernannt. Er glaubt, daß die zur Zeit in Amerika geltende Akte von 1882 einer zeitgemäßen Revision bedarf. üermiscbtes. Frankfurt a. M., 9. Januar. Am 7. u 8. Januar beschloß die hiesige Realschule der Jsr. Religionsgesellschast die Winterferien mit einem „Winterfest«-". Im Sommer feiern die Schulen ihre Sommerfeste irr der freien Natur, um Geist und Körper zu erfrischen — so darf denn auch im Winter die Schule ihr Alltagsgcwand einmal oblegen, um die Freude als solche auf den Thron zu erheben. Und was die Frellde betrifft, so kamen Schauspieler und Zuhörer auf ihre Kosten bei den Aufführungen, die in den schönen Sälen der Frankfurt-Loge dargebolen wurden. Ja, man sah es den Mitwirkenden, zu denen alle Klaffen der. Real- und Mädchenschule ihr Kontingent stellten, an, daß sie selbst sich erfrischten an den Darbietungen, mit denen sie das Publikum erfreuten. Das Programm war ein reichhaltiges: Klavierstücke, und zwar keine leichten, wurden vorgetragen. Ein Prolog eröffnete dann die szenischen Vorführungen. Ein französisches Singspiel, der 3. Aufzug aus „Maria Stuart", ein allerliebstes deutsches Singspiel und verschiedene Tanzeinlagen wurden so aufgeführt, daß sie auch dem Urteil einer strengen Kritik standhalten konnten Eine prächtige Svmphonie, ausgeführt von 42 kleinen und großen Künstlern und Künstlerinnen „Heitere Schlittenfahrt," bildete den Schluß. Reicher Beifall lohnte die Darsteller, auch fehlte es nicht an Kranzspenden für diejenigen, die sich um das Zustandekommen des Festes verdient gemacht hatten. — Prolog und deutsches Singspiel waren von ehemaligen Schülerinnen der Schule verfaßt. Zur Hauptprobe am Sonntag waren die Schülerinnen und Schüler der Schule geladen gewesen. —b.— Frankfurt a M., 8. Januar. Der hiesige Bibliothekar Dr. A. Frei mann hat in der Stadtbibliothek eine interessante Broschüre aus dem Jahre 1804 aufgefunden, die zwei Gutachten in Sachen des Verkaufs der Synagoge und des Friedhofs zu Griesheim bei Höchst enthält. Die Gutachten entstammen der Feder von Rabbi Pinchas Hurvitz und des bekannten Rabbi David Sinzheim. Im Anhang ist eine ausführliche Darstellung der Familienbeziehungen der Frankfurter Familie Kann, in deren Besitz Synagoge und Friedhof ursprünglich waren, enthalten. Die Aufmerksamkeit weiterer Kreise ist auf den historisch sehr interessanten jüdischen Friedhof zu Griesheim zuerst gelenkt worden als vor 9 Jahren die Exhumierung der dort befindlichen Leichen stattfand und au diesem Anlaß ein Mitglied der hiesigen tfBrqp *TQn Herr Jsaac M. Mainz, in einer fesselnden Schrift die Geschichte des Griesheimcr Friedhofs erzählte. Der gleiche Herr hat jetzt auch veranlaßt, daß von der aufgefundenen Broschüre Neudrucke hergestellt, unter die Mitglieder der joDn verteilt und im Archiv der joDfl niedergelegt worden sind. Darmftadt, 7. Jattuar. In den sechs Jahren 1901 bis 1900 gingen von den hessischen Gymnasien 76 und von den Realgymnasien und Oberrealschnlen 15 jüdische Schüler mit dem Zeugnis der Reife ab. Davon wählten als künftigen Beruf: 28 Rechtswissenschaft, 27 Medizin, 7 Philologie, 5 Chemie, 3 Mathcmathik, 3 Architektur, 3 Kaufmannschaft, 2 Jngenieurwissenschast, 2 Maschinenbau, 2 Bergbau, je 1 Elektrochemie, Bankfach, Nationalökonomie, Naturwissenschaften, Staatswissenschaften, Kunstgeschichte. Bei drei lagen keine Angaben vor. Ungefähr ein Drittel der jüdischen Abiturienten widmet sich der Rechtswissenschaft, ein zweites Drittel der Medizin, das dritte Drittel verteilt sich aus die verschiedensten Berufe. Nur ausnahmsweise wurde die Kaufmannschaft (viermal) gewählt. Bei der Vorliebe für das juristische und medizinische Studium ist es auch nur natürlich, daß die jüdischen Schüler die Gymnasien den Realanstalten vorziehen. München, 4. Januar. Das Ministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten hat am 29. November 1906 betreffs der israelitischen Kultusgemeinden und ihrer Rabbiner eine Entschließung erlassen, welche in einer viel erörterten Frage Klarheit geschaffen hat und für alle israelitischen Kultusgemeinden Bayerns von größter Wichtigkeit ist. Bekanntlich hat die Kultusgemeinde Zweibrttcken schon vom Jahre 1899 an die Entlassung des von dem Rabbinatsbezirke Zweibrückcn angestellten Bezirksrabbiners angestrebt. Die Kgl. Regierung der Pfalz hat sich für unzuständig erklärt und die Gemeinde auf den ordentlichen Rechtsweg der Zivilgerichte verwiesen. Das Kgl. Landgericht Zweibrücken hat aber die Klage wegen Unzulässigkeit des Rechtsweges gleichfalls zurückgewiesen und die Zuständigkeit der Verwaltungsbehörde betont. Gegen dieses Urteil wurde Berufung zum Kgl. Oberlandesgerichte Zweibrückcn eingelegt. Noch vor der Entscheidung dieses Gerichts hat die Gemeinde sich an das Kgl. Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten um Abhilfe gewendet. Dieses hat mit Erlaß vom 29. November 1906, rvie der Pfälzischen Preffe berichtet wird, im wesentlichen folgende Grundsätze ausgestellt: Die Kgl. Regierung kann, wenn sich Grunde hiefür ergeben, jederzeit die von ihr erteilte Bestätigung des Rabbiners zurücknehmen. Es kann dies selbst gegen den Willen der Gemeinden verfügt werden. Im vorliegenden Falle wurden die vorgebrachten Gründe für genügend erachtet, daß die beteiligten 16 Gemeinden, bzw. deren Mitglieder die Entlastung erklären. Da die Mehrheit dieser Mitglieder sich aber gegen die Entlassung ausgesprochen hat, so konnte dem Anträge der Gemeinde Zweibrücken eine Folge nicht gegeben werden. Bezüglich des von dieser Gemeinde ein- §ebrachten Eventualantrages, die Entlastung nur für ihren Teil zu erklären, wurde die Verfügung der Kgl. Regierung, welche hierzu ihre Zustimmung versagte, aufgehoben. Zugleich wurde die Kgl. Regierung angewiesen, falls *ote