Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1907)
- Date
- 1907-01-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449247--63167-2505696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
sichtigt, L ie Ortsgruppen zu intensiverer Tätigkeit auf diesem Felde heranzuziehen. Es soll sich in der Hauptsache um die Mitwirkung der Lokalgruppen bei der Besetzung von Lehrlings stellen und Unterbringung von Handwerkern handeln, wobei auch informatorische Dienste für die Stellenvermittlungszentrale in Frankfurt a. M. zu leisten sind. Weitere Anträge auf Schaffung eines Führers für die Berufswahl, Statutenänderungen, Neuregelung der die Wahl der Delegierten betreffenden Bestimmungen werden an eine Kommission, bestehend aus 2 Mitgliedern des geschäftsführenden Ausschusses, je einem der Ortsgruppen Breslau, Frankfurt q. M. und Posen überwiesen. Nach sechsstündiger Beratung dankt Herr Kober-Breslau dem geschäftsführenden Ausschuß für die glückliche Geschäftsführung, durch welche dem Verbände schon in der kurzen Zeit des Bestehens dauernd Wertvolles geleistet worden. An Stelle des auf Wunsch ausscheidenden verdienten Herrn Karger wurde Herr Max Neuberger-Berlin in den geschäftsführenden Ausschuß gewählt. Herr Dr. Bamberg er-Hanau dankt namens der Erschienenen für die Gastlichkeit der Berliner Ortsgruppe. Er möchte die Tagung den „Sabbattag" nennen. „Laffen Sie uns hinausgehen in unfern Ortsgruppen und dort ein leuchtendes und erwärmendes Sabbatlicht anzünden, damit die Erkenntnis immer mehr wachse von der Größe und von der Ausführbarkeit unserer Aufgabe." Berlin, 4. Januar. Am 2. und 3. Januar tagte in den Räumen der Gesellschaft der Freunde die 4. Generalversammlung des „Rabbinerverbandes in Deutschland" (sogen, allgemeinen Rabbinerverbandes). Dieselbe war von etwa 100 Mitgliedern besucht - der Mitgliederstand beträgt ca. 160. Obwohl eine Vorbesprechung am i. Januar alles Technische in Bezug auf den Tagungsmodus geregelt hatte, erwies es sich bis zur Evidenz, daß eine Mitgliederversammlung bei aller Vorsicht Ueberraschungen bringen kann. Der Bericht des Vorstandes, sowie auch derbes Kassiers gaben zu Debatten keinen Anlaß. Ganz anders wurde das Bild beim dritten Punkt der Tagesordnung, Vortrag des Herrn Dr. Jacob-Dortmund „über den Einfluß der jüdischen Wissenschaft auf die Emanzipation der Juden". Der Vortrag wird wohl durch den Druck der Oeffentlichkeit übergeben werden, und es wird dann Zeit sein, ihn in seinen Einzelheiten zu besprechen. Heute nur soviel, daß der Vortrag weniger ein abschließendes Referat über die historisch feststehende Stellung der Wissenschaft im Emanzipationszeitalter, denn eine stellenweise sehr scharfe Kritik der Entwicklung der jüdischen Wissenschaft bis auf die heutige Zeit enthielt. Unter anderem kam der Redner auch aus die Bibelforschung und gelangte dabei zu der Behauptung, daß eine mit dogmatischen Voraussetzungen behaftete Bibelforschung den Bankerott der jüdischen Wissenschaft bedeutete. Nachdem schon an dieser Stelle der Vortrag durch energische Protestrufe unterbrochen worden war, kam es nach Abschluß desselben zu einer erregten Debatte. Auf Seite der Orthodoxen wurde dieselbe hauptsächlich von Kaatz-Zabrze und Kohn-Ansbach geführt. Es wurde jedoch betont, daß sich der Vorwurf nicht gegen den Vortragenden, richte, der ja, nachdem ihm vom Vorstand freie Hand gelassen wurde, lediglich seiner Ueberzeugung Ausdruck gegeben habe. Aber die Tatsache lag nun einmal vor, daß der bekannte § 16, die für die orthodoxen Mitglieder grundlegende Bestimmung des Statuts, durchbrochen war, daß also eine Sicherheit nicht mehr gegeben sei. Die Debatte, frei von persönlichen Momenten, erreichte stellenweise dramatische Höhe. Die Existenz des Rabbinerverbandes in seiner jetzigen Zusammensetzung schien in Frage zu stehen, bis endlich Dr. Werner-München durch einen Antrag auf Einsetzung einer Kommission, welche bis zum andern Tag eine Resolution vorlegen sollte, der Diskussion vorläufig ein Ende setzte. In diese Kommffsion wurden delegiert: Maybaum - Berlin, Guttmann-Breslau, Kaatz-Zabrze, Kohn-Ansbach, Bogelstein-Stettin. Kohn-Ansbach erklärte, dag er durch die Annahme des Mandates seiner endgültigen Entschließung in der Angelegenheit nicht präjudizieren wolle. Bevor nun über den weiteren Verlauf der Rabbinerverbandstagung berichtet wird, möge eine Mitteilung über die Entwicklung der oben beregten Allgelegenheit Platz finden. Es wird lnls berichtet, daß die orthodoxen Mitglieder noch anl Nachmittage des 2. Januar eine Besprechung hatten, in der sie ihren Delegierten Weisungen betreffs der Resolution zu geben versuchten. In später Abendstunde fand dann eine Kommissionssitzung statt, die sich schließlich nach langem Hin lind Her aus eine Resolution einigte. Wie am anderen Morgen im Auftrag der Kommission Kohn-Ansbach im Plenum mitteilte, sei die Kommission bei ihrem Beschlüsse von der Hoffnung getragen gewesen, daß die von ihr vorgelegte Resolution einstimmige Annahme finden würde, daß ferner der Rabbinerverballd niemals wieder ill die Lage kommen würde, sich mit derartig unerquicklichen Dingeil beschäftigen zu müssen. Am Morgen des 3. Januar war es nun abermals nicht möglich, die Sache ohne Debatte zu Ende zu bringen,- es entsprach der Gerechtigkeit, Herrn Dr. Jacob nochmals Gelegenheit zu geben, sich zu äußern. Indem derselbe, wie schon am gestrigen Tage, inhaltlich auf dem Staildpunkte seines Vortrages stehen blieb, versicherte er, daß ihnl jede verletzende Absicht fern lag ulld betonte außerdem, daß die orthodoxeil Mitglieder des . Verbandes durchaus objektiv in der Sache vorgegangen wären. Die Konnilission einigte sich daraufhin, der Versammlung folgende Resolution vorzuschlagen: „Die Versammlung erklärt, daß durch das Hinausgehen über das Thema des Vortrages "unter Außerachtlassung der Bestimmungen der Verbandssatzungen (§ 16) Anschauungen zu Tage traten, welche die religiöseil Empfindungen eines Teiles ihrer Mitglieder zu verletzen geeignet waren. Die Versammlung nimmt mit Befriedigung von der Erklärung des Vortragenden Kenntnis, daß demselben jede verletzende Absicht durchaus fernlag." (Für den Wortlaut kanll eine Garantie nicht gegeben werden, da bei der schlechten Akustik es unmöglich war, den Verhandlungen genau zu folgen.) Aber auch in dieser gemilderten Form fand die Resolution nicht e i n - stimmige Annahme. Etwa 16 Herren votierten dagegen, lieber die Konsequenzen dieser Abftimmuilg wird wohl noch ein Wörtlein zu sagen sein. Am 2. Jan. hatte auch Samuel- Essen sein Referat über die Stellung des Rabbinerverbandes zllr Organisatioilsfrage gehalten. Nach kurzer Debatte wurden die organisationsfreundlichen Thesen des Referenten einer fünf^iedrigen Kommission überwiesen. Diese Thesen lauten: 1. Der Rabbiner-Verband in Deutschland begrüßt die Bestrebungen des D. I. G. B. zur Schaffung einer gesetzlichen Gesamt-Organisation der preußischen Juden als ein Werk von staatsmännischer Einsicht, das zur Festigung der jüdischen Religionsgemeinschaft in Preußen nach innen wie nach außen führen muß und mit aller Kraft unter Benutzung der politischen Faktoren und dem zu erhoffenden Wohlwollen der hohen Staatsregierung zu gedeihlichem Abschluß zu bringen ist. — 2. Die Hauptprinzipienfrage ob eine Art synodaler Verfassung anzustreben, oder die Autonomie der Einzelgemeinde in allen religiösen Dingen voll aufrecht zu erhalten und nur Verwaltungs-Instanzen zu schaffen seien, oder welche Wege soust zur Abstellung der vorhandenen Mißstände zu wählen seien, muß erneuter Prüfung unterzogen werden. Jedenfalls möge das zu schaffende Zentral-Organ der Staatsregierung gegenüber das repräsentative, den Einzelgemeinden übergeordnete sein. — 3. Die Generalversammlung des R. V. i. D. vom 2. Januar 1907 erwartet zu den weiteren Verhandlungen die Hinzuziehung der von ihr erwählten Delegierten als der sachkundigen Vertreter des Judentums. Sie erteilt diesen Delegierten behufs Wahrung der Jntereffen des Rabbinerstandes die Direktive, nach Möglichkeit dafür Sorge zu tragen, daß die unhaltbare Stellung des Rabbiners in den altpreußischen Provinzen als eines nach Gutdünken anzustellenden Privatbeamten beseitigt und dem preußischen Rabbiner der Charakter des Geistlichen (Religionsdieners oc.) im Sine des Gesetzes verliehen werde." Dr. Vogelftein legte sechs neue Thesen vor, die zusammen mit denjenigen Dr. Samuels einer Kommission überwiesen wurden. Dann sprach Dr. Kopfstein-Benthen über Bezirksrabbinate auf Grund folgender Leitsätze: „1. Zur Wahrung und Förderung der religiösen, erziehlichen und sozialen Aufgaben, deren Erfüllung jeder jüdischen Gemeinde obliegt, ist die Mitwirkung des Rabbiners dringendes Erfordernis. Es soll darum jede Gemeinde einem Rabbinate zugereilt sein. 2. Kleine Gemeinden, die kein selbständiges Rabbinat bilden können, find entweder an bestehende Rabbinate anzugliedern oder zu einem eigenen Rabbinat zusammenzusassen. 3. In Verbindung mit den Provinzial Gemeindeverbänden sollen Rabbiner, die vom Verbände entsendet werden, in den einzelnen Kreisen durch Genieinde-Bersammlungen die Schaffung von Bezirks-Rabbinaten herbeiführen. 4. Die Kosten der durch Angliederung oder durch Zusammenfassung entstehenden Rabbinate werden durch Beiträge seitens der kleinen angegliederten oder ein selbständiges Rabbinat bildenden Gemeinden ausgebrachtwo dies nicht angängig ist oder nicht ausreicht, soll der Zuschuß aus einer zu schaffenden Kasse des zu gründenden Zwerkverbandes geleistet werden. 5. Der Zweckverband setzt sich aus Rabbinern und Mitgliedern der beitragenden Gemeinden zusammen. 6. Die innere Verwaltung eines Bezirks-Rabbinats isi einem Bezirks-Borstande unterstellt." Dr. Horovitz-Frankfurt beantragte: „Jede Gemeinde ist verpflichtet, sich einem Bezirks- Rabbinate anzuschließen Es bleibt ihr aber die freie Wahl, welchem Rabbinate sie beitreten will." Dieser Antrag wurde mir großer Mehrheit angenommen. Die übrigen von der Versammlung behandelten Gegenstände (Schächtfrage und Sabbatheiligung bezw. Sonntagsruhe) sind durch die Presse und die häufige Behandlung in zahlreichen Verbänden so vielseitig beleuchtet, daß kaum niehr Neues zutage gefördert werden konnte und sich eine Berichterstattung daher erübrigt. Anl 4. Januar wurde eilt Referat von Freudenthal-Danzig über die neu ins Leben tretende Reliktenkaffe erstattet. Näheres darüber in nächster Numnter. Berlin, 4. Jan. Die zur Frage der Bczirksrabbinate von der „Vereinigung traditionellgesetzestreuer Rabbiner" angenommenen Thesen lauten: 1. Jede rabbinerlose Gemeinde soll einem von ihr s e t b st z u b e st i m m e n d e n Rabbinat angegliedert werden. 2. Die Gemeinden, welche einen Rabbinatbezirk bilden, sollen Proportionellen Einfluß auf die Besetzung des Rabbinats erhalten. 3. Das Ausscheiden einer Gemeinde aus dem Rabbinatsbezirke ist während der Amtsperiode des zeitigen Rabbiners nur unter der Voraussetzung zulässig, daß sie den eingegangenen finanziellen Verpflichtungen bis zum Schluffe seiner Amtsperiode nachkommt. Cöln a. Rh., 22. Dezember. Der Westdeutsche Verein für Israel in Cöln schreibt uns: Da Ihr Korrespondent in seiner Erwiderung auf unsere Berichtigung in No. 48 Ihres Blattes die Angriffe auf die Eölner Judenmission fortsetzt, so müssen wir Sie um Abdruck folgender Erklärung ersuchen: 1. Es ist nicht ivahr, daß Frau Neu Bibelstunden abgehalten hat. — Sie spricht das Tischgebet, wie jede andere christliche Frau, wenn der Mann abwesend ist. 2. Es ist nicht wahr, daß geplant war, irgend einen Juden am 14. Oktober in der Trinitatiskirche zu taufen. 3. Es ist nicht wahr, daß ein Schuhmacher G. im Aufträge der Anstalt oder des Hausvaters Neu tätig ist und uns Juden zugeführt hat. 4. Es ist nicht wahr, daß das Legen der Gebetsriemen und der Besuch der Synagoge verboten wurde. — Juden, die in eine christliche Missionsanftalt eintreten, haben für beides kein Bedürfnis mehr. 5. Es ist nicht wahr, daß die Inden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen oder unter Versprechung von Geldzahlungen oder gar unter Gewährung von Geldmitteln zur Schuldentilgung in das Missionshaus gelockt worden sind. Die ganze Darlegung unter „ad 1" Ihres Korrespondenten ist von Anfang bis Ende erdichtet und beruht ebenso wie sämtliche andere Angaben auf den lügenhaften Aussagen eines von uns entlassenen Heimzöglings, der es ver-