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Der Israelit · 1907-01-10 · Heft 2 (10.1.1907) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 2 (10.1.1907)
Date
1907-01-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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10. Januar I Seite s Der JSraeltt.' Korrespondenzen und ^nchrichten. DerrtMes Hei4). Berliner Stimmungen. (Don unserem Korrespondenten.) E. B. Berlin, 7. Jan. Eine arbeits- und, teilweise wenigstens, auch ereignisreiche Woche liegt hinter uns hier in der Reichshauptstadt. Nicht weniger als vier und, rechnet man die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" auch noch hinzu, sogar sünf jüdische Bereinigungen haben sich in der Jahreswende hier ein Rendezvous gegeben, um jüdisch-öffentliche Angelegenheiten zu erörtern. Den Reigen eröffnete am 31. Dezember und 1. Januar die überaus zahlreich besuchte General- Versammlung der „Vereinigung tradit i on e l l - g e s e tz e s t r e u e r R a b b i n e r", welche, neben zahlreichen, anderen wertvollen Ergebnissen, vor Allen den Erfolg zeitigte, den Gedanken einer engeren Zusammenfassung aller zu gemeinsamem Rat und gemeinsamer Tat durch ihre einmütige tind begeisterte Begrüßung der bisher auf diesem Wege geschehenen Schritte, ein recht erhebliches Stück gefördert zu haben. Und Not tut uns dieser Zusammenschluß wahrlich wie das liebe Brot, von dem der Mensch und gar der Jehudi und f ü r das allein er ja doch nicht leben kann. Es wäre Thorheit sich einreden zu wollen, daß die Resolution der „Rabbinervereinignng" die großen Schwierigkeiten, die dem großen Werke gegenüberstehen, mit einem Schlage aus dem Wege geräumt hat. Aber sie hat den Beweis erbracht, daß der ehrliche Wille zum Ziele zu gelangen, ans allen Seiten vorhanden ist — und wo ein Wille, da ist immer auch schon ein Weg. Dann tagte am 1. Januar der „Liberale Rabbinerverband." Hier versagt meine Chronistenfähigkeitdenn von dem, was die Herren beraten und beschlossen, ist bislang nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen. Ob sie viel dabei verliert? Ich möchte es bezweifeln. Ein „liberaler" Rabbiner ist heutzutage ein Anachronismus. Die terren kennen und erkennen nicht nur den chulchan-Aruch, sondern auch den Geist der Zeit nicht ansonst wüßten sie, daß sie ihren Beruf vollständig verfehlen, daß auch ihre Gemeinden gar keine „liberalen" Rabbiner wünschen. Gewiß, insoweit er ihnen freie Hand läßt in der Zerstörung des Alten, sich höchlich hütet durch Tadel und Zurechtweisung die zarten, ästbetisierend-religiösen Empfindungen seiner Herde zu chokieren, den lieben Gott einen guten Mann und den Herrn Vorsteher einen besseren sein läßt, ist er ihnen willkommen. Aber Gnade ihm, wenn er sich einfallen ließe, seine „liberalen" Ideen auch in die Tat umzusetzen, etwa auch am Samstag seine Zigarre zu rauchen, im Kasino zu dinieren und ähnliches mehr, was der „liberale" Herr Vorsteher unbestritten als Ausdruck seiner religiösen Anschauung für sich in Anspruch nimmt. Dann würde ihm der Unterschied zwischen Theorie und Praxis sehr -bald handgreiflich vor Augen und zu Gemüt geführt, man würfe ihm, der doch nur den Durchschnitt der religiös-sittlichen Anschauungen seiner Gemeinde widerspiegelte, Verletzung der Standespflichten und Berufsehre vor und man ließe ihm keinen Zweifel darüber, daß er für das Gehalt, das er empfängt, ein gut Teil seiner religiösen Willensfreiheit zu opfern habe. Gutes für die miDK, für rrnnn T\zh, für die rrwvrpfDy von den Beratungen dieser Männer erwarten, hieße Trauben lesen wollen von den Dornen, und so dürfte Ihren Lesern der Verzicht auf die Kenntnis des Ergebnisses derselben wohl nicht allzu schwer werden. Eine Probe dessen, was wir, was der rmnn von diesen Männern zu gewärtigen hat, gab auf der Tagung des „Allgemeinen Rabbiner-Verbandes", die am 2. und 3. d. Mts. stattfand, Herr Dr. Jacob-Dortmund, der, wenn wir recht unterrichtet sind, zu den ersten Leuchten des „Liberalismuffes" zählt. Wenn selbst ein Thema, wie das von ihm gewählte, das den „Anteil der Wissenschaft des Judentums an der Emanzipation der Juden" zur historischen Darstellung bringen sollte, vom „liberalen" Standpunkte nicht behandelt werden kann, ohne unsere heiligsten Güter und Empfindungen zu brutalisieren, wenn die Ausfälle, die der Herr- Redner gegen das glaubentreue Judentum und seine Ueberzeugung bei dieser Gelegenheit glaubte anbringen zu müssen, so heftig waren, daß selbst die nichtkonservativen Mitglieder des Rabbinerverbandes ihre Mißbilligung zum Ausdrucke brachten, dann muß es doch selbst dem blödesten Auge wohl klar, erschreckend klar zu werden beginnen, daß ein ehrlicher, wahrhaftiger Frieden zwischen diesen beiden „Richtungen" nimmer herrschen kann, daß jeder Versuch, eine gemeinsame Plattform zu schaffen, auf der orthodoxe Rabbiner und liberale Seelsorger vom Schlage des Herrn Dr. Jacob sich als Führer in Israel betätigen könnten, mit untauglichen Mitteln unternommen wird. Wir zweifeln nicht, daß unsere Freunde, die sich solange haben täuschen und, von besten Intentionen geleitet, zu unangebrachtem Entgegenkommen haben bestimmen lassen, die richtige Konsequenz aus diesem Tatbestände ziehen werden. Dann würde diese Generalversammlung des „Rabbiner-Verbandes in Deutschland" einen Markstein in der Geschichte der deutschen Judenheit bedeuten, ein Prädikat, das ihren sonstigen Beratungen und Beschlüssen keineswegs gebührt. Am 1. und 2. tagte auch die Delegiertenversammlung des „Verbandes der Sabbatfreunde". Auf den Inhalt der Beratungen sei hier nicht eingegangenaber ein einzigartiger, erhebender Eindruck war es doch, den diese ganz von dem Ernste des Bewußtseins ihrer Pflicht gegen ^2 ViW* getragene Versammlung von Männern aller Stände und Berufe und Altersklassen erweckte, die nur in dem Gedanken lebte und von ihm getragen wurde: der rotP kann, uns erhalten bleiben, wenn wir es nur recht und fest und gewissenhaft wollen und wir wollen es! . . . Ein Kongreß mit dieser Tendenz und Sinnesart im Jahrhundert der Elektrizität und drahtlosen Telegraphie, in der deutschen Reichshauptstadt, dem Vororte der geistigen und materiellen Energie unserer Zeit, in dem Sitzungssaale der jüdischen Gemeinde, der bereitwilligst zur Verfügung gestellt wurde — das sind fürwahr und gewiß Zeichen der Zeit, an denen der gewissenhafte Berichterstatter, welcher religiösen Geistesart auch immer, nicht achtlos vorübergehen darf. Doch Ihre Leser verlangen mit Recht von dem Berichterstatter von der Spree auch noch etwas anderes als Versammlungsstimmungsbildersie wollen aus der Kehillah etwas hören. Es ist zwar nicht viel, was da zu berichten, aber es ist diesmal etwas recht Erfreuliches. Eine große Sorge ist von uns genommen worden. Seit vor zwei Jahren durch Unvorsichtigkeit in einer nro Feuer ausgekommen war, ging die Polizei mit rigoroser Strenge vor, um die Jnnehaltung von Polizeivorschriften zu erzwingen, ^ie die Erfüllung dieser unmöglich zu machen geeignet waren. So sollte jede Sukkah mindestens 5 Mtr. von bewohnten Baulichkeiten stehen, ein festes Dach haben, das Laub alle paar Tage gewechselt werden usw. usw. Die Uebertretungen wurden nicht nur mit harten Geldstrafen geahndet, sondern überdies die zwangsweise Abtragung der erbauten rviDD angeordnet. Dank dem energischen Eingreifen des Rabbinates unserer Adaß Jisroel, das, gestützt auf das religiöse Moment, lediglich diesen Gesichtspunkt an zuständiger Stelle mit der nötigen Wärme vertrat, ist diese Gefahr nunmehr von uns abgewendet. Am 28. Dezember ist dem Rabbinat folgender Bescheid des Kgl. Polizeipräsidiums (gez. Zocher) zugegangen, der alle Bedenken beseitigt: „Die vorübergehende Aufstellung von Holzlauben mit Tannenreiserbedachung auf den Höfen der Berliner Grundstücke aus Anlaß des jüdischen Laubhüttenfestes soll, wie dem Rabbinat der Israelitischen Synagogengemeinde (Adaß Jisrael) auf die an den Leiter der Abteilung für Feuerwehr, Herrn Branddirektor Reichel, gerichtete Eingabe vom 9. Oktober d. I. erwidert wird, in Zukunft unter der Bedingung gestattet werden, daß die Laube von allen Seiten umschritten werden kaun und daß zur Ausschmückung und Beleuchtung der Laube leicht entflammbare Stoffe und Beleuchtungskörper nicht verwendet werden." Berlin, 4. Januar. Zu dem in voriger Nummer gebrachten Bericht über den Delegiertentag des Verbandes der Sabbatfreunde ist zunächst noch der versehentlich nicht aufgeführte Delegierte der Ortsgruppe Köln a. Rh. als anwesend zu erwähnen. Am ersten Verhandlungstag wurde noch der Antrag der Ortsgruppe Frankfurt a. M. auf Errichtung eines Kreditinstitutes diskutiert und zwar leider in Abwesenheit des durch Krankheit am Erscheinen verhinderten Referenten, Moritz A. Loeb-Frankfurt a. M. Die Debatte endete mit der Niedersetzung einer aus den Herren Moritz A. Loeb-Frankfurt a. M., A. Kober-Breslau, Elie Lazarus-Berlin und den Bankiers Merzbach- Berlin, Joseph-Halberstadt und Marx-Königsberg, bestehenden Kommission zur Vorberatung des im „Sabbat" ausführlich dargestellteu Projektes. Auch am zweiten Tag erwiesen sich, obwohl die Reihen der Delegierten schon etwas gelichtet waren, die Verhandlungen, deren Anfang schon auf 4 Uhr angesetzt war, außerordentlich fruchtbar. Der Antrag der Ortsgruppe Breslau, die Herausgabe eines Adreßbuches der Gew er betreibenden und Handwerker, die den Sabbat heiligen, zu beschließen, ruft eine lebhafte Debatte hervor, in der hauptsächlich der Gewinn betont wird, der dem Verband aus der Sammlung aller einschlägigen Adressen für die Stellenvermittlung, sowohl der Zentrale als auch der privaten, erwachsen würde. Es wurde beschlossen, ein Adressenverzeichnis im Sinne des Antrages zusammenzustellen und auf Wunsch den Ortsgruppen Abzüge zu behändigen. Bei Beratung des Punktes 4. Herausgabe und Verbreitung der Sabbatvorschriften, Entsendung von Wanderrednern, erfährt der Antrag Breslau: Vervielfältigung des Materials der die Sabbatheiligung betreffenden Bestimmungen der Schulg es etzgeb nng rc. eine Erweiterung. Es sollen Formulare ausgearbeitet werden, die von den Eltern ohne weiteres an die betreffenden Stellen gerichtet werden können, um die Kinder vom Schreiben oder dem Gesamtunterricht am Sabbat zu dispensieren. In der Diskussion tritt die ungeheuere Tragweite des passiven Widerstandes der unteren Schulbehörden gegenüber dem berechtigten Verlangen der Eltern besonders scharf in die Erscheinung, und es wurde von allen Seiten die Abstellung dieser Krebsschäden durch den Verband als sehr wohl möglich bezeichnet. Die Ortsgruppe Schwabach wünscht Zusammenstellung der Vors chriften üb er den Sabbat im Haushalte. Es wird erwogen, ob nicht eine vollständige Darstellung der Sabbatgebote in volkstümlicher Form von größerem Nutzen sei. und der Antrag wird in dieser erweiterten Form angenommen. Hinsichtlich der Verbesserung der Stellenvermittlung für Kaufleute und Handwerker ist beab-

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