Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1907)
- Date
- 1907-01-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Januar WWW Der JSraelit. Sethe 5. Nr. 2. bei dem badischen Gebetwerke nicht der Fall ist, mögen uns einige Stichproben beweisen: l22ro nV2? tSD3 heißt: „Laß uns fortan in Reinheit vor dir wandeln!" 2Tip2 nyitr' 12^ rtOXD: „Würdige uns, das Heil derMenschheit^u schauen!" Bald entspricht der deutsche Satz überhaupt nicht dem hebräischen, bald wird in der Uebersetzung etwas hinzugefügt, bald ebenso willkürlich etwas weggelassen. Dann ttidi mm 2'VQ tvird mit dem Satze wiedergeben: „Du sendest Sturm und Regen hernieder, und neue Saaten keimen in der winterlichen Erde." Was ist nicht alles an einem solchen Satze anszusetzen! Du sendest Sturm hernieder, die Saaten keimen, neue Saaten und dazu noch in der winterlichen Erde! Gegen eine solche Uebertragung muß man sich verwahren und zwar nicht nur vom Standpunkte des Uebersetzers, sondern auch des Stilisten und des Naturbeobachters aus. Daß Dy nicht „Israels Glaubense m e i n d e" ist, war den Bearbeitern des uches wohl bekannt, und wenn sie es aus gewissen Rücksichten wissentlich falsch übersetzen, so haben sie es schon dadurch dem Lehrer unmöglich gemacht, das Buch den Kindern in die Hand zu gebcn, die er doch zur Wahrheit erziehen soll! Wie heißt es doch auf Seite 580 mit Bezug auf Wahrheitsliebe imb Geradheit? „Dein Ja sei wahr und dein Nein sei wahr, daß nichts anders im Munde und anders im Herzen sei!" — „Eh' ein Atom war, ist der Herr gewesen." Ist dieser Satz für Kinder verständlich? Ebensowenig wie die vielen teilweise recht hübschen poetischen Uebertragungen der Psalmen und die zahlreichen Phrasen, die mit abstrakten Begriffen das umschreiben wollen, was der hebräische Text in wenigen klaren Worten veranschaulicht. Nicht einmal für die breiten Schichten des Volkes ist jener inhaltlose Wortschwall, jenes öde Phrasengeklingel und die salbungsvolle, Pastorale Sprache geeignet, g schweige denn für Kinder im schulpflichtigen Alter. Also das Beten, das Beten mit A n d a ch t, das Beten aus reinem Herzen, das können die Kinder aus diesem Buche nicht lernen. Wenn es aber in der Schule und im schulpflichtigen Alter nicht geschehen kann, glauben dann die Verfasser, daß es im späteren Leben erlernt wird? — Der badische Oberrat beabsichtigt ferner, sein Werk dem systematischen Religionsunterrichte dienstbar zu machen. Darum schickte er ihm die „zehn Worte" imb eine Reihe von Citaten voraus, die vom Werte des Gebetes handeln, und fügte einen besonderen Abschnitt hinzu, der „Gebote und Lehren" überschrieben ist. Da unsere Gebete Bezug haben auf verschiedene religiöse Pflichten, auf die Gedenktage des Jahres und auf allerlei Vorgänge im religiösen Leben, so ist es an und für sich leicht, Religionslehren an das Gebetbuch anzuschließen, und so eine gewisse Konzentration zu schaffen, die leider so häufig unsrem Religionsunterrichte fehlt. Das vorliegende Werk jedoch läßt in seinem deutschen Texte so viel spezifisch Jüdisches fort, daß es eher einem konfessionslosen Moralunterrichte als dem jüdischen Religionsunterrichte zu Grunde gelegt werden könnte. Die Stellen, die sich auf den Messias und aus den Opferdienst beziehen, sind weggelassen worden. Viele Partieen scheinen mehr eine Verteidigung gegen antisemitische Angriffe und eine Liebedienerei gegen Andersgläubige, als eine treue Wiedergabe unserer altehrwürdigen Gebete zu beabsichtigen. Und in dem Abschnitte „Gebote und Lehren" fehlen alle Vorschriften, die sich auf religiöse Nebungen beziehen. Es finden sich da ausschließlich ethische Lehren, die heute Gemeingut aller modernen Religionen geworden sind, die aber in ihrer schönen Zusammenstellung ihren Eindruck auf den oft gegen die jüdische Ethik voreingenommenen gebildeten N i ch t j u d e n nicht verfehlen werden. Was unsre Schüler aber brauchen, das was sie verarbeiten und verwerten können, das ist etwas ganz anderes. Anschaulichkeit ist ein Hauptprinzip des Unterrichts. Abstrakte Lehren machen auf Kinder keinen Eindruck. Oder könnte vielleicht der Lehrer beim Rechenunterrichte der Gegenstände und Beispiele aus dem Leben, beim Geschichtsunterrichte der Tatsachen, beim Unterricht in der Naturkunde der Naturkörper entbehren? Wie möchte wohl ein Schulbuch beurteilt werden, das nur allgemeine Lehren, die erst die Ergebnisse des Unterrichts sein können, darbieten werde, wie etwa vom Walten Gottes in der Geschichte, von Ursache und Wirkung, von Zweckmäßigkeit unb Ersahrungsmäßigkeit! Dabei ist die stete Rücksichtnahme auf Andersgläubige und das Ignorieren des jüdischen Tatenlebens geradezu abgeschmackt. Während den Pflichten gegen Staat, Gemeinde, Obrigkeit, gegen die Tiere ganze Kapitel eingeräumt sind, kann von einem Speiseverbot nirgends etwas entdeckt werden. Zudem ist die Wortfolge häufig falsch und auch sonst die Sprache nicht ganz einwandfrei. So heißt es z. B.: „Ein wackeres Weib ist die Krone ihres Mannes". Aus allen diesen Gründen scheint die beabsichtigte Einführung dieses Gebetbuches in den Schulen unausführbar zu sein. Selbst wenn das Buch von der Synode gut geheißen werden sollte, und selbst wenn viele Schulen mit ihm eine Probe machen dürften, das Ergebnis kann schließlich nach pädagogischer Richtung doch nur sein —: eine entschie den e Ablehnung. Auch solche Lehrer, die au den wesentlichen Abweichungen des hebräischen Textes von dem religionsgesetzlich vorge'chriebenen keinen Anstoß nehmen, werden es nicht über sich gewinnen können, eilt Buch in die Schule zu bringen, das den Forderungen der Methodik geradezu ins Gesicht schlägt. Die Bildungsfrage in Rußland. Ein Appell. W a r s ch a u, 4. Januar. Eins der wichtigsten und zugleich am meisten vernachlässigten Probleme innerhalb der russischen Judenheit ist die Erziehungsfrage. Diejenigen Kreise, welche sich einmal mit ihrem Gewissen abgefunden und den Väterglauben den vermeint liehen Forderungen der Zeit untergeordnet haben, betrachten es als ihre Aufgabe, in: Interesse ihrer Kinder die den Juden beim Eintritt in die öffentliche Schule begegnenden Schwierigkeiten zu bekämpfen, was nur mit vieler Mühe und nicht geringem Geldaufwand gelingt. Ist dieses Ziel erreicht, so haben sie ihren Kindern den Weg zum sozialen Fortschritt geöffnet und sie bekümmern sich dann nicht mehr viel um die religiöse und sittliche Erziehung ihrer Kinder. Hingegen muß der gesetzestreue Vater, dem der Sabbat noch ein Bund zwischen Gott und Israel ist, vor dem Gedanken zurückschrecken, sein Kind eine Schule besuchen zu lassen, wo es den Sabbat verletzen muß. Außerdem absorbiert auch die Schule das Kind ganz und läßt für den geringsten Unterricht in den religiösen Disziplinen keine Zeit übrig. Die eine oder zwei Stunden in der Woche, welche das Gymnasialprogramm dem Unterricht in jüdischer Religion und Geschichte einräumt, haben höchstens einen formellen Wert, während der kurze Katechismus keineswegs dazu geschaffen ist, dem Kind diejenige Herzensnahrung zu gewähren, welche von einem Religionsunterricht gefordert wird. Aus diesem Grunde tritt auch die moderne jüdische Jugend weniger geharnischt und für jeden bösen Einfluß in sozialer und nioralischer Hinsicht empfänglicher in die Welt, als die christliche, welche, soweit sie häusliche Erziehung genoß, ihre Sonn- und Feiertage, ihre Kirche und ihren Gottesdienst zu schätzen gelernt hat. Dem gesetzestreuen Vater bleibt also das alte Cheder übrig,- aber auch dieses ist von dem alles niederreißenden Zeitgeiste nicht verschont worden. Es sind nicht mehr die alten Melamdim, die ihr Leben kümmerlich fristeten, dabei aber dieses Leben mit dem Eifer und der Aufopferung, 31t der nur der wahre Jude fähig ist, "der Verbreitung von Thora und jüdischem Geist Hingabenauch der Knabe, der in früheren Zeiten kein anderes Streben kannte, als sich im Studium der Gotteslehre auszuzeichnen, hat heutzutage andere Aspirationen. Sieht doch der Jüngling seinen Gefährten, welcher frühzeitig das Eheder gegen Gymnasium oder Handelsschule ausgetauscht hat, gerüstet mit allen Waffen, welche Wissenschaft und Bildung ihm gewähren, voll Hoffnung in den Kampf ums Dasein eintreten, während der Ehedcrjünglittg ungewaffnet und ratlos dafteht. Das Eheder hat seine Anziehungskraft für den Knaben verloren und übt auf feine Zöglinge nur noch eine schwache Wirkung aus, welche oft bei der ersten ernsteren Probe ganz versagt. Dieser Uebelstand und die dadurch geschwächten Beziehungen zwischen “löSe und 2"."iy2 hat den Boden zu einer Agitation seitens des „Bundes" vorbereitet. Der „Bund", der die Fäden des ganzen „Arbeitsmarktes" in die Hände bekommen möchte, wollte auch die Melamdim in seinen Ring ziehen. Es wurde vor kurzem für die Gründung eines Melamdim-Vereins agitiert und Statuten versaßt, die im Wesentlichen folgendes fordern: Verküizung der „Arbeitsstunden", Erhöhung des Lehrpreises, Einführung von Ferien undNnterftell nng des Melamedsunter die ausschließliche Aufsicht des Vereins. Dies hat die eingeschlummerten Rabbiner aufgeweckt. Aber was geschah? Es wurde einfach für mDN erklärt, Kinder in eilt Eheder zu schicken, das zum Vereill gehört — und im übrigen blieb alles beim Alten! Anders steht es mit der Mädchen-Erziehung; für diese gibt es jüdische Privatschulen, wo am Sabbat kein Unterricht stattfindet, und auch die Ehassidim tragen kein Bedenken, ihre Mädchen hinzuschicken. Während denselben da alle moderne Bildung gegeben wird, bleibt die sittlichreligiöse Bildung ganz vernachlässigtdas Kind kommt mit ganz anderen Gesinnungen aus der Schule als mit denen ihrer Eltern, und kommt es endlich zur Verlobung, so bleibt den Eltern nur die bange Wahl zwischen einem Chederzögling, der nicht für die Tochter, und einem modern Gebildeten, der nicht für die Eltern paßt. — Daher viele Mißehen, die freilich vielfach kurze Zeit nach der Vermählung mit Scheidung enden. Eine Schule, tu 0 jüdisches u nd profanes Wissen vereint g e l e h r t w ü r d e, könnte all d i e s e n U e b e l n a b h e l s e n. Noch ist es Zeit, solange der Geist der THora in der Majorität des Volkes lebendig waltet. Diese Wahrheit wird zwar vielerseits zugestanden, doch sehlt's an Männern, die soviel Wissenschaft, jüdischen Geist, Autorität und Energie besässen, um in die Bresche treten zu können. Es fehlt an einem Organ, in welchen! kompetente Männer ihre Meinung aussprechen könnten unb das ans die Masse in jüdischem gesetzestreuem Geiste wirken sollte. In einem vor einigen Monaten jm „Israelit" abgedruckten Artikel erivähnte der verehrte Rabbiner Klatzkin aus Mariampol, daß an die Gründung solch eines Organs in hebräischer Sprache gedacht wird, doch scheint der Gedanke wieder eingeschlummert zu sein, und das wäre schade. Schreiber dieses kann versichern, daß ein derartiges Unternehmen, von kompetenter Hand geleitet, hier in Warschau, sowie in den polnischen Provinzen in gesetzestreuen Kreisen mit Beifall begrüßt werden würde und auch finanziell die besten Aussichten hätte. Möchten doch diese Zeilen dazu beitragen, den eingeschlummerten Gedanken wieder zu beleben und der Verwirklichung näherzurücken. r J 1