Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-01-10 · Heft 2 (10.1.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 2 (10.1.1907)
Date
1907-01-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449247--63163-2505692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10, Januar 1907. _~ ' geistes mit „wissenschaftlicher" Gemütsruhe den religiösen Eingebungen seines eigenen Innern an die Seite setzt, und der als „voraussetzungsloser" Forscher über die religiösen Vorurteile einer dreitausendjährigen Vergangenheit erbarmungslos hinwegschreitet. Freilich enthalten die Satzungen des Rabbiner- Verbandes eine Klausel, die vor einer Offenbarung dieser von niemandem bestrittenen Gegensätze schützen und Frieden Vortäuschen soll, wo vom Standpunkte der religiösen Wahrhaftigkeit offener Kampf die einzige Losung sein kann. Es ist der § 16, der dieses Wunder vollbringen soll und der lautet: „In den Sitzungen des Vorstandes und Ausschusses, sowie in den Generalversammlungen des Verbandes dürfen nur solcye religiöse Fragen erörtert werden, die keinen Verstoß gegen die religionsgesetzlichen Bestimmungen der maßgebenden Deeisoren in sich schließen". Daß die Annahme dieser Bestimmung geradezu eine vspiris äiu.ii.urio war für die Epigonender Reform, oie den Verband gegründet und die ihn nun, als er dem Tode nahe war, mit orthodoxem Blut zu verjüngen trachteten, darüber sind die Akten geschlossen. Die Herren wollten eben um jeden Preis ein aus Treue und Abfall gezimmertes Gesamtjudentum konstruieren, und — Parrsirvar-eine'Meffe wert: Sie ünterwarfen sich löblich und erreichten, was sie wollten. Daß aber dieser berühmte § 16 überhaupt pro nihilo da ist, daß er in keiner Weise das erreicht, was seine Urheber gewiß davon erwarteten , das hat die letzte Generalversammlung des „Rabbinerverbandes" wieder einmal gezeigt, über die an andrer Stelle dieses Blattes berichtet ist. Herr Dr. Jacob aus Göttingen hat wie es scheint, nichts anderes getan, als was bei einem ehrlichen Menschen selbstverständlich ister hat im Kreise seiner „Berufskollegen" seine Ueberzeugung geäußert, offenbar nicht in verletzender Form und gewiß nicht in der Absicht zu verletzen, sondern im Rahmen eines wissenschaftlichen Vortrags. Daß die Ueberzeugungen des Herrn Dr. Jacob dem Judentum jede Grundlage entziehen, daß sie ein System grundsätzlicher Leugnung aller jüdischreligiösen Wahrheit darstellten — war das nicht bekannt, noch ehecollsAa Dr. Jacob den Mund öffnete? Warum darf, warum soll Herr Dr. Jacob nicht sagen, was er denkt? Fürchten die Herren für ihre eigene religiöse Gesinnung? Doch gewiß nicht! Ist der § 16 durch das Jacob'sche Bekenntns verletzt? Das dürfte kaum erweislich sein, )enn theoretisch-dogmatische Fragen haben mit »religionsgesetzlichen Bestimmungen der maß- Der Israelit. gebenden Deeisoren" eigentlich nur mittelbar zu tun. So bleibt denn nur eine Erklärung für den Entrüstungssturm übrig: Die orthodoxen Mitglieder des Rabbinerverbandes empfanden es als eine Schmach, durch ihre Anwesenheit, durch ihre solidarische Gemeinschaft innerhalb einer Versammlung, Theorien zu decken, die ihren eigenen religiösen Ueberzeugungen ins Gesicht schlagen und gegen die zu protestieren sie einfach durch ihr religiöses Bewußtsein mit elementarer Gewalt sich gezwungen sahen. Ist das aber der Fall, dann vermögen wir nicht einzusehen, was es verschlägt, ob die Jacob, Maybaum, Vogelstein und Genoffen nun grade während der paar Generalversammlungsstunden reden oder schweigen. Ihre Persönlichkeit, ihre Vergangenheit, ihr Wirken spricht Bände, und Herr Maybaum hatte von seinem Standpunkte aus ganz recht, wenn er auf Grund der Tatsache der Neukonstituierung des Rabbinerverbands aus Bekennern und Leugnern des Judentums, den orthodoxen Mitgliedern seiner Zeit einschärfte, die Herren müßten sich gewöhnen „über eine religiöse Frage eine von oer ihrigen abweichende Ansicht ruhig anzuhören und darüber sachlich zu verhandeln". Gewiß ist's erfreulich, daß die orthodoxen Mitglieder des Rabbinerverbands, wie die Erfahrung der letzten Tage lehrt, noch nicht gelernt haben, nach diesem Maybaum'sch en Rezept würdige Glieder des „Rabbinerverbands in Deutschland"!zu sein — noch ist das Gefühl des Gegensatzes gegen das Maybaum'sche Judentum in ihnen lebendig. Aber ob die Zeit schon gekommen ist, in der sie in ihrer Gesamtheit die einzig mögliche logische Konsequenz aus diesem wahren Gefühle ziehen, und sich nicht mehr mit wertlosen Resolutionen und präsidialen Beschwichtigungen in einen Kreis bannen lassen werden, dem sie innerlich fremd sind und fremd bleiben wollen? Der Besten und Edelsten einer, die vor zehn Jahren von orthodoxer Seite den Rabbinerverband mitgründen halfen, hat damals erklärt, das erste Wort unjüdischen Charakters, das im Verbände falle, werde für ihn und seine Gesinnungsgenossen das Signal zum sofortigen Austritt bilden. Die Gesinnung, aus der diese Erklärung geflossen, beseelt — das wissen wir — auch heute noch die Gesetzestreuen, die im Rabbinerverbande verharrenmöchten sie die Kraft finden, diese Gesinnung in entschlossene Tat umzusetzen und damit dem gesetzestreuen Judentum in Deutschland einen unschätzbaren Dienst zu erweisen: nriK nytSO iv^lp naip * * * Sette 3. Nr. 2 Profftölöedte als Rnioalf Des Beim Römer. In einem Münchener Blatte veröffentlicht Prof. Nöld ecke-Straßburg eine Besprechung des Fromerschen Buches „Vom Ghetto zur Kultur", die an und für sich keine besondere Beachtung verdiente, wäre es nicht grade Nöldecke, der mit Recht in jüdischen Kreisen besonders geschätzte Gelehrte, der hier für den ehemaligen Bibliothekar der Berliner jüdischen Gemeinde eine Lanze bricht und dabei scharfe Angriffe gegen den Vorstand dieser Gemeinde richtet. Das Verfahren des Gemeindevorstandes soll „den Haß gegen den, der das öffentlich ausspricht und begründet, was doch manche Glaubensgenossen im Gespräch mehr oder weniger anerkennen", beweisen, soll den Namen eines Ketzergerichtes verdienen, soll endlich im Widerspruch stehen zu dem politischen Liberalisntus der Berliner Gemeindegewaltigen. Je weniger natürliche Zuneigung wir für die leitenden Kreise der Berliner Neologie empfinden, desto offener möchten wir doch aussprechen, daß Nüldeckes Vorwürfe jeder Berechtigung entbehren. Wenn der aus dem Gelde jüdischer Steuerzahler besoldete Beamte einer jüdischen Gemeinde öffentlich nicht etwa eine lächerliche oder irreligiöse Idee vorträgt, sondern die Gemeinde, der er dienen soll, zum geistigen Selbstmord, „zum Untertauchen in der europäischen ' Kultur" auffordert, so wäre die Duldung eines solchen öffentlichen Skandals nicht Liberalismus, nicht Duldsamkeit mehr, sondern eine würdelose Preisgabe der eigenen Ehre gewesen. Das haben in zwei Instanzen preußische Gerichte Herrn Fromer bescheinigt, und das Mitleid mit dem gewiß traurigen Geschicke dieses Herrn, hätte Herrn Pros. Nöldecke nicht dazu verleiten sollen, frei nach Fromer sogar die Tatsache, daß die Berliner Gemeinde ausschließlich jüdische Buchbinder für ihre Biblioihek beschäftigen will, unter die wissenschaftliche Kategorie: „fanatischer Religionshaß" zu rubrizieren. Sollen die Berliner jüdischen Buchbinder, die zu den Lasten der Gemeinde doch ihr Teil beitragen, etwa warten, bis die Antisemiten der Neichshauptstadt sie zu ihren Arbeiten heranziehen? Vielleicht ist Herr Dr. Fromer konsequenter als die Berliner Neologie, die, wenn nicht der Taufe, so doch dem „Austritt aus dem Judentum" oft nahe genug steht und sich dennoch berufen wähnt, die Führerin der deutschen Judenheit zu spielendaß aber im Falle Fromer die ä araktervolle .Würde auf Seiten der Gemeinde, die Charakterlosigkeit auf der Seite des anonym schreibenden Pamphletisten lag, das hätte ein Mann wie Nöldecke bei objektiver Prüfung der Sachlage jero wir fürchten es eher, weil wir seine Kraft ahnen und Immer uns wehren, in der Furcht, ganz von demselben überflutet und unsrerseits unterdrückt zu werden. Aber warum lernen die. Christen nicht von ihnen? Wir sind ja aus dem Judentum hervorgegangen, warum wenden wir uns ab und verleugnen unsere Herkunft? Wenigstens ansere geistige Herkunft ist dort und nirgends anders. Jawohl, Indien, aber in direkter Linie Judäa!" Es bedarf keiner besonderen Hervorhebung, daß wir weder die Auffassung teilen, welche die Dichterin auf dem Königsthrone sich von Moses, dem „bescheidensten aller Menschen" zurecht gelegt hat, noch die Entschuldigungs-! gründe anerkennen können, die sie für die Behandlung oer Juden in Rumänien anzuführen weiß. Immerhin darf ran die Vorurteilslosigkeit rühmen, mit der sich Carmen Zylva bemüht, den unvergänglichen Wert der Bibel und oas unaustilgbare Recht des jüdischen Volkes auf die Dankbarkeit der Menschheit ihren Zeitgenosien vor Augen zu führen._ Edelsteine. Eine Geschichte aus Rußland. (Schluß.) Das letztere war nun ein verhängnisvoller Irrtum, lach dem jüdischen Kalender fällt Schuschan Purim immer uf denselben Wochentag auf den auch Erew Peßach fällt. Daß ftomme Frauen bereits an Schuschan Purim die Reinigung des Hauses von allem Chomez mit einem Eifer beginnen, als ob wirklich schon Erew Pesach wäre, bringt ein Sprichwort mit dieser Kalenderregel in Verbindung, welches lautet: Wie Schuschan Purim ist, ist auch Erew Pesach. . Chaja Mtrels hatte am Purim große Gesellschaft gehabt, ihre Wohnung mußte schon deshalb gründlich gereinigt werden, sie benützte den Anlaß um auch mit dem „Schütteln" zu beginnen. Sie sah alle Reste und Schiebladen, alle Höhen und Tiefen in jedem Zimmer durch, ob sich nicht irgendwo Mamez befindet. Sie schüttelte auch das Schlafzimmer, öffnet die Türen und Kommoden ihres Waschtisches, lächelnd stößt sie auf das Kästchen mit den Ohrringen, sie öffnet es und fährt entsetzt zurück-es war leer. Wenn ihr seiner Zeit die echten Ohrringe gestohlen worden wären, hätte es ihr nicht so viel Verdruß bereitet, als der Verlust dieses falschen Schmuckes, der seit drei Jahren eine unverstegliche Quelle reiner Freuden für sie war. Jetzt aber mußte sie ihren Mann von dem Fehlen der Ohrringe unterrichten. Sie gingsofort in das Comptoir und ttat an ihren Mann mit den Worten heran: „Joseph, meine Ohrringe find mir gestohlen worden." „Die ich Dir als Choson damals gegeben habe?" stagte er mit gefurchter Stirne. „Ja diesesonst würde ich kein Wort darüber verlieren," entgegnete Chaja. „Weißt Du auch, daß sie mehr als zwei hundert Rubel kosteten?" bemertte mit verdrießlichem Unmut der Gatte. „Es ist überhaupt unverantwortlich einen so teueren Schmuck in einem Kästchen offen stehen zu laffen. Wenn Dir an dem Schmuck etwas gelegen wäre, hättest Du ihn gewiß unter Schloß und Riegel aufbewahrt." Chaja sah sofort ihren Fehler ein ihren Mann in der Geschäftszeit mit der Sache beschäftigt zu haben. Hier war er ganz Geschäftsmann und sah alles mit den Augen des Kaufmannes an. Sie meinte daher, daß es doch noch möglich sei, die Ohrringe zu finden, sie habe noch gar nicht danach gesucht und sie nur nicht an ihrem gewöhnlichem Platze gefunden, sie wolle noch einmal genau Nachsehen. Mtt diesen Worten verließ sie das v ureau und ging in chr Schlafzimmer zurück, wo fie aber nichts als das leere Kästchen vorfand. Als am Abend Rabbi Joseph bei Tisch nach den Ohrringen stagte, sagte Chaja: „Sie find gestohlen, aber die Ganowim find betrogenfie haben nur wertloses.GlaS mitgenommen." Nun erzählte fie ihrem Manne, wie fie schon fett drei Jahren mit ihren Ohrringen so vieler Menschen Lebensalück begründet habe. Manchmal habe fie doch Bedenken gehabt, ob sie damit recht getan, ob fie nicht über ihre Berhältniffe gegeben habe. Aber jetzt sei fie glücklich, daß die Diebe nur falsche Steine nahmen und die echten einer großen Mizwo dienen konnten, die kein Diev der Welt chr nehmen könne. „Und Du hast drei Jahre lang bloße Glasstücke an den Ohren gettagen und ich habe es nicht bemerkt?" rief ihr Mann erstaunt. „So ist es," entgegnete die edle Frau. Dein Glaube an die Echtheit meines Schmuckes war starker als Deine Augen." „Also sind die zwei Steine nicht verloren," sagte Rabbi Josef ganz auf die Denkweise seiner biedern Chaja eingehend, „sondern fie sind gut angelegt. Aber ich habe in Dir doch noch den teuersten Juwel, der weit und brett zu finden ist, und der entschädigt uns reichlich für den Verlust gewöhnlicher Edelsteine." Die Unterhaltung wurde zu Chajas lebhafter Bestiedigung durch einen Besuch unterbrochen. Sie wußte jetzt, daß ihr Mann mit ihrer Handlungsweise einverstanden war, das ließ fie den Diebstahl noch leichter verschmerzen. Rabbi Joseph war aber nicht nur einverstanden, sondern je näher der Peßach kam, desto mehr reiste in ihm der Plan, feine treffliche Frau auf Jomtof mit einem Paar neuer Ohrringe zu überraschen. Einige Tage vor Rosch Chodesch Nissan schrieb er an seinen Juwelier in Warschau er solle ihm zwei Ohrringe senden, wie die seiner Zett bei ihm gekauften, er schicke ihm das Kästchen mtt, in dem seiner Zett die Ohrringe waren. Darin sei auch die Nummer und das Zeichen des Geschäfts angegeben, aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.