Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1907)
- Date
- 1907-01-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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akademischen Freunde und Schüler erregte. Um als viDW tmp im edelsten Sinne zu wirken, war er ein viel zu großer Bücherwurm, der seinen täglichen Spaziergang in den Wandelgängen der Bonner Universitätsbibliothek absolvierte und niemals heiratete, weil er seiner ersten Liebe, der Wissenschaft, nicht untreu werden wollte. Seine jüdische Gesetzestreue verlor darum viel, wenn nicht alles, von ihrer werbenden Kraft. Man rangierte sie unter seine übrigen Schrullen. Seinen getauften Bruder verleugnete er, und als die Mutter starb, scheuchte sie den getauften Goetheforscher von ihrem Sterbelager. Nachdem sich ihr sein Sinn entfremdet hatte, wollte sie auch seine Thränen nicht. Michael war ein glänzender Deklamator und ungewöhnlicher Gedächtnismensch, der den ganzen Faust, ohne zu stocken, reproduzieren konnte. Aehnlich wie der Vater, den er schon im 15. Lebensjahr, 1849, verlor, seinen Talmud inne hatte. Er hat als Professor in München und Karlsruhe im engsten Hofkreise die Geselligkeit aus seinen Dichtern gewürzt. Auch nach Frankfurt führten ihn seine Rezitationen. Dann mag es sich vielleicht einmal ereignet haben, daß, während Hirsch in der Schützenstraße seinen Kreis für die Ideale des Chacham erwärmte, der getaufte MichaÄ mit vom Vater ererbter Eloquenz einem atemlos lauschenden Publikum das Verständnis der Goetheschen Helena erschloß. Nein — ich wage den Rückschluß nicht, möchte mich nie auf den Versuch einlassen, aus den schriftlichen Dokumenten der Söhne auf das geistige Leben des Vaters zurückzuschließen. Denn weder der Philologe Jakob, noch der getaufte Michael strahlen uns treu das Bild ihres Vaters wieder. So wenig wie der Biblische Orient, den der Vater verwarf, ähnlich wie später die Mutter den Sohn verstieß. Ein anderer, der nicht Fleisch von seinem Fleische, nicht Bein von seinem Beine, aber Geist von seinem Geiste war, war berufen, das Gedankensystem des Chacham auszubauen, auszudenken, auszumünzen. Bon ibm aus führt ein grader Weg zu jenem. Das lebendige Sprudelwort des Jüngers läßt die geheimnisvolle Tiefe des Meisters erahnen. Denn auch sein Auge weilt auf dieser Erde kaum — Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur - Was die Geschichte reicht, das Leben giebt, Sein Busen nimmt es gleich und willig auf- Das weit Zerstreute sammelt sein Gemüt, Und sein Gefühl belebt das Unbelebte. Oft adelt er, was uns gemein erschien, Und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts In diesem eignen Zauberkreise wandelt Der wunderbare Mann und zieht uns an, * Mit ihm zu wandeln, Teil an ihm zu nehmen - Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern- Er scheint uns anzusehen, und Geister mögen An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen. leines Feuilleton Lärmen Svlva über Innen «na Judentum. fit der Literarischen Beilage der Zeitschrift „Mode eute" veröffentlicht die schöngeistige Königin von Rumänien ihre Memoiren. In der Januarnummer beginnt Carmen Sylva mit der Erinnerung an den Freund ihres Vaterhauses Jakob B e r n a y s, der wie sie schreibt: „als Jude damals keine Proseffur haben konnte, obgleich er vielleicht der größte Gelehrte war, den Bonn aufzuweisen hatte". Die Königin schildert das Aussehen und Wesen des Gelehrten, dessen Stellung in ihrer Familie fie folgendermaßen charakterisiert: „Meine Eltern unterhielten sich stundenlang mit ihm und hatten unglaubliche Freude an der Größe und Weite seiner Anschauungen. . . Noch Jahre nachher wurde er oft in unserem Hause zittert: „Bernays dachte so, Bernays sagte immer!" „Er hatte einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt durch die Macht seiner Persönlichkeit und seines ausgedehnten Wiffens." Der Kummer, den er darüber äußerte, daß einer seiner Brüder zum Christentum übergetreten war, gibt Carmen Sylva Anlaß, ihre Ideen über Form und Geist der verschiedenen Religionen zu äußern und die Vorurteilslosigkeit ihres elterlichen Hauses zu rühmen, in deffen Mitte die Vertreter aller Konfessionen in gleicher Weise geschätzt worden seien. Dann fährt fie fort: Die Juden haben ihre Religion reiner erhalten als die Wie hinreißend mag Michael Bernays diese Verse aus dem Taffo rezitiert haben, ohne zu merken, welch treffende Charakteristik seines Vaters sie enthalten — des Urborns, dem sein eigener Geist entquoll! R. B. Kochsnruirösch<m. Cexas. Wir haben in voriger Nummer bereits die merkwürdige Nachricht erwähnt, daß die JTO. Texas als neues Vaterland für die heimatlosen russischen Massen ausersehen habe. Jetzt erst, nachdem ausführliche Berichte über die Zanqwill'sche Rede vom 20. Dezember vorliegen, stellt sich heraus, welche Bewandtnis es mit dieser Sensationsnachricht hat. Nicht in ein autonomes jüdisches Territorium soll die Bremen-Galveston- Linie des Norddeutschen Lloyd fortan größere Mengen der jüdischen Auswanderer bringen, sondern zu der Eingangspforte hin, die zu dem menschenarmen amerikanischen Westen und Süden führt. Schon lange beschäftigt das schwere Problem die jüdisch-amerikanischen Politiker, wie man den gewaltigen Strom von russischen Juden, der mit elementarer Gewalt sich über New-Aork ergießt, ab zu lenken vermöge. Alles was das zu dem Zwecke eingerichtete New-Dorker rmoval-offiee zu leisten vermochte, bedeutete nichts gegenüber den nachdrängenden Massen, die für jede nach dem Westen abgeschobene Einwandererfamilie zwanzigfachen Ersatz schafften und die nachgerade zu einer un. erträglichen Uebervölkerung des New - Aorker Ghettos geführt haben. Ist der russische Jude einmal in New-Aork, wo ihn sofort das ganze trauliche Milieu einer jüdisch-polnischen Metropole mit Allgewalt umfängt, dann läßt er sich in den seltensten Fällen dazu bewegen, den wandernden Fuß weiterzusetzen, selbst wenn er mit einer Schaar hungernder Kinder in engstem Wohnraum Licht und Luft entbehrt und dafür fern im Westen lachende Felder und weite Prärien locken. Der neue Plan, dem Jacob Schiff eine halbe Million Dollars gewidmet hat, will nun die Hauptstadt von Texas, Galveston, zu einer Einwanderungsstation großen Stiles ausgestalten. Von dort führen sechs Eisenbahnlinien nach Westen. Agenten sollen für die Verteilung und Christen, das ist eine beschämende Talsache, aber sie haben sich auch nie den vorhandenen Religionen angepaßt, um die ihrige einzuführen, sie haben jahrhundertelange Berfol- 8ung ausgehalten, und sind nicht abgewichen, und haben jtett Glauben nie aufgedrängt oder einzuführen gesucht Die Judenverfolgung ist darum auch nicht Sache der Religion, sondern der Raffe, die Völker wollen sichs nicht gefallen lassen, ein anderes Volk in ihrer Mitte stärker zu sehen, als sie sich selbst fühlen. Es ist sehr einfach. In Rumänien ist es noch einfacher. Das Land ist schwach bevölkert, die Handwerke sind absolut in den Händen der Fremden, und da kamen nun die Hungerjahre, deren Folgen sich erst jetzt fühlbar machen. Es wird nicht mehr gekauft, noch gebaut, noch bestellt, und da sind nicht nur Juden, sondern auch Protestanten und Katholiken scharenweise ausgewandert, einfach weil sie keinen Lebensunterhalt mehr fanden. Sie haben keinerlei Verfolgung erfahren, denn das Land leidet nur unter ihrem Abgangaber als die Bauern hungerten, hat die ganze Welt zugesehen, mit der größten Gleichgültigkeit, nun da es die Gewerbetreibenden betrifft, ist die ganze Welt in Bewegung. In den letzten Monaten haben 36 protestantische Familien Bukarest verlassen, weil sie keinen Verdienst mehr fanden. Die Not war eben sehr groß, und es wird noch ein paar Jahre dauern, bevor die beiden Hungerjahre vergessen und überwunden sind. Wenn kein Halm mehr steht, die Felder aussehen wie Tennen, das Vieh mit Erde im Magen zu Tausenden stirbt, dann gibt es auch kein Gewerbe mehr, dann steht eben alles still. Die Christen haben ihren Judenhaß und die ewige Verfolgung, die sie dieses bewundernswürdige Volk haben erdulden lassen, mit der Kreuzigung Christi entschuldigt. Seien wir ganz ehrlich gegen uns selbst. Was würden wohl die heuttgen Christen tun, wenn Christus wiedererschiene? Ich fürchte, sie würden nicht einmal Hosiannah schreien, sondern ihn sofort für einen gefährlichen Sozialisten erklären und Versorgung der Einwanderer Sorae tragen, und man will sich auch bemühen, solche Orte zum Mittelpunkt neuer jüdischer Ansiedelungen zu machen, wo schon ein Kern von russischen Einwanderern sich niedergelaffen hat. Soweit wäre alles gut, sofern die Einwanderer selbst in religiöser Hinsicht ihren eigenen Willen bewahren und betätigen. Daß sie das bei gutem Willen vermögen, dafür bürgt der außerordentlich große Arbeitermangel in Westamerika, fHr den wir in voriger.Nummer einen drastischen' Beleg veröffentlichen konnten und der sicherlich den jüdischen Einwanderern bei geschloffenem Vorgehen die Macht verleiht, den Sabbat vor allem für sich und ihre Kinder aufrecht zu halten. Unbegreiflich erscheint uns nur, wie gerade die JTO. dazu kommt, dieses „r«wov»1"»Projekt im Großen unter ihre Fittige zu nehmen. Das hätte sie unseres Erachtens ruhig den großen philanthropischen Gesellschaften überlaffen können, die ihrer Unterstützung nicht bedürfen und die darum auch nicht gerade aus Dankbbrkeit Herrn Zanawill helfen werden, die eigentlichen Aufgaben oer JTO. zu verwirklichen. Sollten die Zionisten recht haben, die in der neuesten Tat der JTO. eine Bankrotterklärung des Territorialismus erblicken? Das würden wir aufrichtig bedauern. * * * Der „Sturm“ im RabbinerDerbem3. Der jüdische Zeitungsleser hat in den letzten Wochen von Verbänden und Vereint mngen so unheimlich viel hören müssen, daß, um Verwirrung zu verhüten, jeder, der in diesen Dingen das Wort ergreift, zuerst ganz unzweideutig erklären muß, was und wen er meint. Im folgenden soll nicht von der traditionell - gesetzes - treuen Rabbiner-Bereinigung (Sitz Berlin), nicht von der Rabbiner-Kommission oer „Freien Vereinigung" (Sitz Frankfurt), auch nicht von d r liberalen Rabbinervereinigung (spiritus rector: Dr. Vogelstein), sondern von dem sogenannten „Rabbinerverband in Deutschland" die Rede sein, einem Gremium, das ungefähr 150 Mitglieder (von etwa 250 Rabbinern Deutschlands) nmfaßt und auf dessen Boden sich leider die religiös gegensätzlichsten Elemente zu einem unnatürlichen Bunde zusammengesunden haben. Was die Herren eint, ist lediglich die formell unanfechtbare Tatsache, daß sämtliche Mitglieder als Rabbiner int Sinne der Berufsstatistik zu bezeichnen sind. Sonst führt kein Zug reliiöser Wesensverwandtschaft von dem ortho- , oxen Rabbiner, dem jeder 7iW JHJü binj den des Gesetz ist, hinüber zu dem liberalen! Theologen, der die „Mythen und Märchen" der! Bibel als Aeußerungen des religiösen Gesamt i wenigstens in ein Irrenhaus sperren. Tolstoi hat dem j Christentum streng nachleben wollen und es in der Tat I verwirklicht, und er ist moralisch, so gut wie gekreuzigt worden, zumal, als er die Schächer aus dem Tempel zu jagen anfing und sie Otterngezüchte nannte, als er soviel Wahn und Heuchelei aufdeckte, mit dem das Christentum umhängt worden. — Die Juden sind das einzige Volk, das keinen Verfall erlebt. L ie bleiben fest und stark und einig in sich geschlossen, einander hilfteich, gesund und kinderreich und mächtig. Und das alles verdanken fie einem einzigen Manne, dem größten Herrscher, den die Welt gesehen, dem König der Könige, dem weisesten Arzte, dem größten Psychologen und Physiologen, den es je gegeben: Moses. Wer könnte auf dem Throne leben, ohne vor Moses in Anbetung niederzuknieen. Er ist ein Herrscher, der sein Volk erst gemacht bat und der es so gebaut bat, daß es allen Stürmen trotzen konnte. Hätte die Welt die mosaischen Gesetze angenommen, sie würde vor Tuberkulose und Krebs, Diphtheritis und wie alle die verheerenden Seuchen der Reihe nach geheißen haben, bewahrt geblieben sein." Carmen Sylva führt diesen Gedanken weiter aus, indem sie Moses als Universalgenie, als Feldherrn und Arzt feiert und über Karl den Großen, Harun-al-Raschid und Caesar stelltalle diese „müssen sich vor Moses beugen, denn alle ihre Reiche sind nicht mehr, aber Moses' Reich; verbreitet sich unablässig und wächst immerfort." Die. i Dichterin und Königin kommt dann auf die Bibel zu sprechen, auf „Wahrheit und Dichtung", wie sie nie wieder erstehen; können. Denn mit unerschütterlicher Wahrhaftigkeit ist die; Geschichte erzählt, wie die größten Dichter der Welt sicherlich ' die Propheten gewesen. Von David nicht zu reden, der vielleicht kein großer König, aber ein wahrhaftiger Mensch und ein sehr großer Dichter war . . ." «Es ist sonderbar. Wir leben und zehren alle von der Bibel und gestatten uns, das Volk zu verachten, welches das Buch der Bücher hervorgebracht. Wir verachten es auch wohl nicht, son-