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Der Israelit · 1907-01-03 · Heft 1 (3.1.1907) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 1 (3.1.1907)
Date
1907-01-03
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. l des „Fsraelit". euilleton. vrrSasl-Schem von Micdelrtaät. Von Judäns. Nachdruck verboten. „Rabbi, im Kopf mcm ich sie wohl haben, aber im Herzen habe ich sie nicht, in Fleisch und Blut, in Mark und Bein sind mir die Worte unserer Weisen nicht so eingedrungen wie Euch. Mir-geht leider das unerschütterliche, felsenfeste Vertrauen in die Worte unserer großen Weisen ab, diese zuversichtliche Ueberzeugung in ihre Weisheit und Wahrheit, die Euch so geläufig und selbstverständlich ist. Der Rabbi ist der verkörperte Beweis für die Wahrhaftigkeit des Wortes, daß ein Weiser mehr als ein Prophet ist, das gibt mir den Mut, noch die zweite Frage zu stellen: Woher weiß der Rabbi, baß die Frau von Reb Sander Goldsticker gesund werden wird?" „Wie Ihr nur so fragen könnt?" gab in seiner bescheidenen, herzgewinnenden Weise der Gefragte zurück. „Das wisset Ihr ja auch so gut wie ich, daß durch die Sünde unerfüllter Gelübde die Ehefrau stirbt. Es ist auch gar kein Zweifel, daß Herr Goldsticker seine Frau und noch mehr verloren hätte, wenn er sein Gelübde nicht eingelöst hätte. Aber jetzt, wo er das Versäumte nachgehvlt hat, wird sie gesunden und leben, wie sollte es denn anders sein?" Rabbi Wolf Muhr konnte nicht umhin, den Segensspruch zu sprechen, den das Gesetz beim Anblick jüdischer Weisen vorschreibt. Aber er hatte ihn noch nicht zu Ende gesprochen, als der Baal Schem ihm das fanft aber mit entschiedenem Ernst verwies und ihm selber die Haustür mit den Worten öffnete: „Wann Ihr mit solchen Redensarten kommt, dann ist's wirklich besser, Ihr geht jetzt nach Haus." Mit sanfter Gewalt schob er den Scheidenden über die Schwelle, aber dieser hielt noch den Türgriff in der Hand und rief entsetzt: „Bei all dem, was ich hier gesehen und gehört habe, hätte ich ja fast vergessen, dem Rabbi füc - die mir erwiesene große Wohltat zu danken, vierhundert Gulden-" „Ihr habt ja noch mehr Töchter, Rabbi Wolf", unterbrach ihn lächelnd der Wohltäter, „das hat Zeit bis zur Hochzeit der Jüngsten, da könnt Ihr alles auf einmal abmachen." Mit diesen Worten zog sich Rabbi Sekel Löb in sein Haus zurück, während Rabbi Wolf Muhr zu den Seinen eilte. XV. Sander Goldsticker hatte Roß und Wagen im „Grünen Baum" eingestellt und war, nachdem er das Haus des Baal Schem verlassen hatte, in die jüdische „Garküche — die damalige Bezeichnung für Gasthaus — gegangen, um sich von der zurückgelegten Reise zu erholen und sich für die bevorstehende zu stärken. Zwei Stunden verbrachte er dort. Ueber den eigentlichen Zweck seiner Reise erzählte er nichts, um so mehr ließ er sich erzählen; in erster Reihe selbstredend vom Baal Schem. Die Fremden, die nach Michelstadt kamen, hatten meistens nur zu diesem Zweck die beschwerliche Reise gemacht.. Der Inhaber der Garküche verstand es ausgezeichnet, dieses Sensationsbedürfnis seiner Gäste zu kapitalisieren. Mit seinen Wundergeschichten verzapfte er manchen Schoppen seines sauren Weines, der mehr denjenigen, der ihn ausschenkte, redselig machte als denjenigen, der ihn trank. Beim dritten Schoppen hate Goldsticker dem geschwätzigen Wirt alles entlockt, was er über den Baal Schem auf Lager hatte. Goldslicker hatte seine Meschores schon in den „Grünen Baum" geschickt, daß er einspannen und bei der Garküche Vorfahre. Der Garküchen-Wirt hätte aber Goldsticker gar zu gern noch einen vierten Schoppen kredenzt,' denn der dritte war schon leer getrunken, und Goldfticker machte eben Anstalten, sich zu erheben. Wenn sein Gast einmal aufgestanden war, so wußte der Wirt, daß es schwer und undenkbar war, ihn noch zu einem Schoppen zu animieren. Verzweifelt kratzte er alle Phantasie hinter den Ohren zusammen,' aber die Vergangenheit war gänzlich abgegrast, verzweifelt klammerte er sich an die kahle Gegenwart. „Habt Ihr auch schon von dem Get gehört, der in den nächsten Tagen hier gegeben wird! Wissen Sie, in einer K'hillo geht immer etwas vor, aber die Geschichte mit dem Get die ist nichts gewöhnliches." Davon weiß ich kein Wort, das müßt Ihr mir noch erzäh'en; aber kurz, denn mein Wagen muß jeden Augenblick kommen." „So schnell geht das nicht, wie ihr meint, das ist eine lange Geschichte und mir ist von dem vielen Reden so trocken im Hals, daß ich erst was trinken muß." „Ihr habt Recht", unterbrach ihn Goldfticker und zu dem Diener, der sich an der Türe postiert hatte, gewendet, rief er: „Schmulchen, noch zwei Schoppen, einen für Euren Belbos (Prinzipal) und einen für mich." Nachdem der Wirt so vollkommen seinen Zweck erreicht hatte, war alle Trockenheit sofort geschwunden und er erzählte nun, was er von Mendel Momert und seiner Ettel wußte und was er nicht wußte mit einem Aufwand von Phantasie, die einem Münchhausen alle Ehre gemacht hätte. Was tut man nicht für den Verkauf von zwei Schoppen Wein, von welchen man den einen selber trinken kann und noch dafür bezahlt. wird! „Wann kann der Get etwa stattfinden?" fragte Goldfticker mit lebhaftem Interesse. Der Wirt in der Hoffnung, einen so splendiden Gast noch einige Tage bei sich halten zu können, meinte, daß dies morgen oder jedenfalls übermorgen geschehen müsse. „Der Mann und die Frau", fügte er wie zur Bestätigung bei, „sind schon da und sind jetzt gerade beim Baal Schem. Habt Ihr sie nicht dort gesehen?" „Doch, eine Frau sah ich dott, die der Rabbi mit Ettel anredete, auch der Dajan Rabbi Wolf Muhr war zugegen." „Das ist die Frau, und wenn der Dajan auch da war, dann geht die Sache bald vor sich, spätestens morgen. Die Lage ist gegenseitig eine so gespannte, daß ein Aufschub nicht gut denkbar ist; die Beteiligten selber haben keinen sehnlicheren Wunsch, als recht bald auseinander zu kommen." Eben wollte der Wirt mit der Frage herausrücken, ob sein Gast nicht noch einen Tag hier bleiben wolle, als Goldslickers Kutscher mit der Peitsche in der Hand das Wirtszimmer betrat mit der Meldung, das Fuhrwerk stehe bereit. Das gab den Ausschlag. Goldfticker beglich seine Rechnung und trabte wenige Minuten später mit seinem Einspänner durch das Städtchen in der Richtung nach Dieburg und Aschaffenburg. Bou da wollte er zurück über Frankfurt, denn es drängte ihn, seinem dorttgen Freunde Aron Schotten von seinen neuesten Michelstädter Erlebniffen zu berichten. Dorthin hatte er in einem Ärief, den er von Michelstadt nach Hause geschrieben, sich Nachrichten über das Befinden seiner Frau erbeten. Als er Michelstadt kaum eine Viertelstunde hinter sich hatte, sah er vor sich ein Pärchen Arm in Arm gehen, das sich in Zärtlichkeiten und Liebkosungen wie ein junges Brautpaar erging, und doch hatte der Mann schon einen grauen Kopf, und auch die Frau stand nach Gang und Haltung dem Greifenalter viel näher als dem normalen Brautalter. Als am sogenannten Schanzenbuckel die Straße steil anstieg und das Liebespaar in langsamerem Tempo dahinschritt, kam ihm Goldfticker mit seinem Wagen so nahe, daß er sofort die Frau wieder erkannte, die er heute in so gedrückter Lage und mit verkümmerten Mienen beim Baal Schem gesehen hatte, die Frau, von der soeben erzählt worden war, daß sie unmittelbar vor der Scheidung stehe. Was hat diese Frau so gänzlich umgewandelt? Sollte die Scheidung schon vorüber sein und die Frau in ihrem Begleiter schon Ersatz für ihren Mann gefunden haben? Aber das war doch nicht denkbar, unmittelbar nach dem Get ein so überschäumender Frohsinn von Seiten der Geschiedenen! Der Fall interessierte ihn, zumal er ja wußte, daß der Baal Schem hier mit im Spiele war, er mußte der Sache auf den Grund kommen. Zur Verwunderung des Kutschers nahm ihm sein Herr Leitseil und Peitsche aus der Hand und ließ sein Pferd Trab laufen trotz des steil ansteigenden Weges, sodaß er das Pärchen sofort eingeholt hatte. „Wenn Ihr mitfahren wollt, so steigt auf, es ist gerade noch Platz für zwei, wenn wir ein bischen zusammenrücken", rief ihm Goldsticker entgegen. So erfteulich sonst jedem Fußgänger eine so gute Fahrgelegenheit ist, dem Pärchen schien sie gar nicht so angenehm. Sie zogen ohne Zweifel ihre Freiheit und Selbständigkeit der ihnen angebotenen Bequemlichkeit vor. „Wir danken Euch vielmals für Euer Anerbieten, aber wir nehmen den guten Willen für die Tat. Wir könnten ooch nur eine ganz kurze Strecke bis Zell zusammen fahren, oann biegt unser Weg nach Mornett ab, während Ihr gerade aus weiter fahrt." Goldfticker aber dachte sich, wenn sie wirklich nur so kurze Zeit zusammen fahren können, dann könne die Störung, welche seine Gegenwart dem merkwürdigen Pärchen bereitete, nicht so groß sein. Er sprang vom Wagen, suchte mit den beiden ein Gespräch anzubändeln und hatte sie richtig nach wenigen Minuten neben sich auf dem Wugen sitzen. Da er wußte, daß er diese Begleitung nur kurze Zeit haben werde, so mußte er geraden Wegs auf sein Ziel losgehen. ,^Habe ich Euch nicht heute beim Baal Schem gesehen?" fragte Goldfticker an die Frau gewandt. „Am Ende seid Ihr gar die Frau, die Get haben sollte, oder ihn vielleicht schon hat, und Ihr", sagte er zu dem Manne gewandt, „seid wohl ein Bruder oder sonstiger Verwandter?" „Die Hälfte habt Ihr Rech:", entgegnete mit heiterem Lachen die An geredete. „Heute Morgen sollte ich wirklich Get haben, von meinem Mendel da, der ist aber nicht mein Bruder, sondern mein wirklicher Mann, mit dem ich schon dreiundzwanzig Jahre Chuppo und Kidduschin habe bis hundert und zwanzig Jahre zu gutem." „Das verstehe ich nicht, Ihr habt doch nicht noch einen zweiten Mann, von dem Ihr Get haben wollt. Das müßt Ihr mir einmal in Kleingeld geben, sonst ist mein Sechel (Verstand) zu kurz dazu." Die Beiden hatten aber offenbar wenig Lust zu dieser Dtttteilung ihrer diskretesten Anliegen vor einem wildftemden Mann. Andererseits aber wollten sie gegen ihren liebenswürdigen Fuhrhatter nicht unhöflich sein. Aus diesem Dilemma zog sich Mendel's Lebensklugheit, indem er bedächtig entgegnete: „Unsere Geschichte ist auch etwas merkwürdiges, manchesnial kommt sie mir wie ein Märchen vor. Daß ich Euch's nur kurz sage,' Wie Sie uns beide da neben sich sitzen sehen, wollten wir uns wirklich getten (scheiden) laffen. In mich war war ein Sched (Dämon) gefahren, und der ist nun wieder aus mir heraus. Das ist alles." (Fortsetzung folgt). rJ

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