Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1907)
- Date
- 1907-01-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Settr 10 Der Israelit. :■,' barrikadierte die Türe und hinderte das Publikum, sich zu retten, während die Uebrigen sortfuhren, auf die im Saale Anwesenden loszuschlagen. Unter den am schwersten Verletzten befindet sich Herr Jsak Klein, der ein tiefes Loch im Kopse davontrug, und Frau Sali Peretz, die, als sie sich verstecken wollte, in den Eiskeller fiel und sich die Hände und die Füße verrenkte. Dr. Jsak Leon und der Handelsangestellte Redner wurden schwer mißhandelt und auch der Journalist Demetre Marcu, den die Exzedenten für einen Juden hielten, bekam eine Tracht Prügel ab. Als der Poltteiinspektor Melinescu eintraf, um die Ruhe wieder herzustellen, sprangen die Schüler herzu und mißhandelten ihn unter den Rufen „Nieder mit der Polizei". Die Polizei erwies sich den Exzedenten gegenüber vollständig machtlos, und die Schüler zogen unter den Rufen „Nieder mit den Juden" und unter Absingung nationaler Lieder durch die Straßen der Stadt, wobei sie sich neuerdings Ausschreitungen zu Schulden kommen ließen, und die Scheiben am israelitischen Tempel einschlugen. In der Strada Madona-Dudu attakierten sie das zumeist von Juden besuchte Kaffee Arsenti, wo sie die Scheiben einschlugen und die Gäste mißhandelten, wobei auch einige christliche Gäste Schläge bekamen. Erft um 7 Uhr zerstreute sich die Menge. Auf das anfänglich geplante Aufgebot von Militär wurde verzichtet, und am Abend wurde bloß eine Anzahl von Gendarmeriepatrouillcn ausgeschickt, um den Wiederausbruch der Skandale zu verhindern. Eine Anzahl von Schülern, die während der Exzesse in Haft getrommen worden waren, wurden nach Ausnahme ihres Nationale wieder in Freiheit gesetzt. — Die Schulbehörden sowie die Staatsanwaltschaft haben die Untersuchung der Vorfälle eingeleitet. Uermi$dm$. Hamburg, 22. Dezember. Bei der gestern stattgefundenen Neuwahl des Repräsentantenkollegiums der Deutsch-Israelitischen Gemeide wurden die folgenden Herren gewählt: Jakob Alexander (in gleicher Firma), Hermann Fraustädter, Paul Laskar, Alexander Levy (in Finna Jos. L. Levy &. Co.), Joseph Lippmann (in gleicher Firma), Daniel Münden, Ludwig Mathiason (in Firma Mathiason & Trier), W. Peine (in Firma Gäth & Peine), Dr. H. L. Plaut, Joseph Ritter (in Firma Gebr. Lilienfeld), Dr. Hermann Samson, Gustav Tuch, Sigismund Weil (in Firma S. Weil), Albert Wolff (in Firma Louis Wolff). Zu Ersatzmännern wurden designiert die Herren Heinrich Levy, Jos. Oettinger, Emil von Sonn, Dr. med. S. Korach, Mor. Heimann (in Firma Hartwig Herz Nachfolger). Die meisten der erwählten Herren gehören bereits seit längerer Zeit dem Kollegium an. Die Amtsdauer des Kollegiums beträgt ab Januar 1907 drei Jahre. Breslau, 27. Dezember. Der jüngst verstorbene Breslauer Stadtverordnete Schürtzmann hat der Breslauer Stadtgemeinde testamentarisch 675 000 Mark vermacht mit der Bestimmung, daß der Zinsgenuß dieses Kapitals seiner Gattin bis zu deren Ableben verbleibt. Das Kapital soll dazu verwendet werden, den unbemittelten Bürgern billige Wohnungsgelegenheit zu schaffen. Ein bestimmter Teil der bereitzustellenden Wohnungen ist ausdrücklich für arme jüdische Mitbürger Vorbehalten. Diese testamentarische Bestimmung eines christlichen Testators zu gunsten seiner jüdischen Mitbürger ist deshalb bemerkenswert, weil dies in Breslau der erste derartige Fall ist. Wie«, 28. Dezember. Der neugewählte Kultusvorstand wurde in seiner ersten" Sitzung durch den ausscheidenden Kaiser!. Rat Pollak mit der Angelegenheit Dr Fink befaßt. Der Präsident sagte zu, daß das gesamte Material einer besonderen Kommission unterbreitet und von dieser genau geprüft werden solle. Sranislau, 28. Dezember. Hier fand vorige Woche die erste Jahreskonferenz des Verbandes hebräischer Lehrer in Oesterreich statt. Die Verhandlungen wurden in klassischem Hebräisch geführt. Der Verband erstrebt die Beschaffung guter hebräischer Lektüre, Gründung einer jüd. Monatsschrift sowie Errichtung einer Kaffe für Kranke und Stellenlose. Uerein$we$en. Hamburg, 31. Dezember. Zu den im Dienste des illltl-Lerncns stehenden hiesigen Institutionen gehört auch der vom Bernays gegründete. Verein pniP y-HH, in dem Jahrzehnte hindurch der unvergeßliche Dr. S. P. Nathan allwöchentlich je einen und v^NN-Vortrag hielt. Längere Zeit hindurch konnte der Verein leider nur eine geringe Zuhörerzahl aufweisen, verlangt doch die heutige Zeit meist rednerisch anziehende Borträge, selbst wenn es sich um „Lernen" im guten alten Sinne handelt. Seit einiger Zeit nun hat sich der Verein pnsr Sn« wieder sehr gehoben, und viele neue Mitglieder sind beigetreten. Es ist dies das Verdienst des jetzt Vortragenden Herrn Rabbiners Dr. Lichtig, der es in meisterhafter Weise versteht, das zu behandelnde Thema mit dem jeweiligen Wochenabschnitte in Verbindung zu bringen, und an dasselbe ausgezeichnete ,rn;iN nai, "»DID und philosophische Betrachtungen zu knüpfen. Herr Rabbiner Dr. Lichtig, ein Schwiegersohn des ehrwürdigen Rabbiners in Neuhäusel -Ungarn), Schüler bedeutender ungarischer Rabbiner und des Herrn Dr. Breuer in Frankfurt a. D. fungiert seit Jahresfrist als Klausrabbiner der Wallich'schen Klaus Hierselbst. Wünschenswert wäre es nun, daß die Verwaltung das bis jetzt in der inneren Stadt befindliche EHlDn ITD vor das Dammthor verlegen möge, da der Lehrsaal dunkel ist und in der Stadt nur noch verhältnismäßig wenig □’myp wohnen, für deren Lerninteresse durch die alte und neue Klaus, Petcrstraße hinreichend gesorgt ist. Zweifellos würde ein von Herrn Dr. Lichtig einzurichtender öffentlicher bei seiner angenehmen Vortragsweise zahlreich besucht und der Wirkungskreis des Herrn Klausrabbiners dadurch erweitrt werden. Hoffentlich setzt die Verwaltung alles daran, Herrn Dr. L. mehr als bisher die Gelegenheit zu geben, öffentlich min zu sein. Berlin, 20. Dezember. Int Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach Dr Paul N a t h a n, der Leiter des Hilfsvereins der deutscher: Juden über das Thema „die russische Revoulution und die russischen Juden." Herr Dr. Nathan gab zunächst ern Bild von der traurigen Verhältnissen des russischen Volkes, von der geistigen und physischen Not der Massen, die zu der Niederlage im Krieg mit Japan geführt haben und schließlich die revolutionäre Bewegung zeitigen mußten. Dann ging den Redner zu der Geschichte der Pogrome über, die an 640 Orten 38,225 Familierr nrit 162,700 Köpfen ins Unglück gestürzt, 985 Juden den Tod gebracht und 380 Witwen, 211 Vollwaisen und 328 Halbwaisen geschaffen haben. Die Hilfsarbeit, die in den verschiedenen Ländern geleistet wurde, konnte das Elend nur lindern, nicht aber an der Wurzel fassen. Das russische Judeoproblem kann überhaupt nrcht durch hunranitäre Hilfsmittel gelöst werden. Zur Expatriierung fehlt das Geld und das Land. Nur durch politische Mittel kann die Frage ihre Erledigung finden. Es kann allerdings von den Regierungen nicht verlangt werden, daß sie sich in die inneren Verhältnisse des russischen Reiches einmischen sollten. Aber es gibt eine Solidarität der Zivilisation. Jakob H. Schiff in Newyork und Lord Rothschild in London, zwei der bedeutendsten Finanzleute der Welt, haben allen Versuchungen widerstanden und die Unterbringung neuer Anleihen Rußlands abgelehnt. Diese Beispiele sollten im Interesse der Humanität und der Kultur, überall-bei Juden, wie in christlichen Kreisen Nachahmung finden. Rußland wird, wenn es so wie jetzt weiter regiert wird, bald bei dem völligen Bankerott angelangt sein. Darum bleibt die Hoffnung, daß das Volk doch noch den Sieg erringen wird. Dann werden auch die russischen Juden bessere Zeiten erleben. Der Redner erntete für seine Ausführungen großen Beifall. Stratzburg, 31. Dezember Gestern Abend hielt der Verein nJISN opp in seinem Bereinslokale in der Synagoge der Israelitisch. Religionsgesellschaft, seine 25. Generalversammlung ab. Aus den Berichten über das verflossene Jahr ist zu entnehmen: Der Verein weist einen augenblicklichen Stand von 102 Mitgliedern auf. Das Vereinsvermögen beläuft sich auf 590 Mk. Der Bestand der Bibliothek beträgt ca. 120 Bücher in deutscher Sprache teils belehrenden teils unterhaltenden Inhalts und ca. 300 Bücher in hebräischer Sprache. Die Bereinstätigkeit war in dem verflossenen Jahre eine sehr rege. Es wurden im Winter 1905/06 an jedem Wochentage abends von %9 bis x/a 10 abgehalten, welche die Herren Rabbiner Buttenwieser, Herr Dr. Cohn und Herr Jsaac Breuer leiteten. Besonders die Borträge des Herr Breuer waren sehr stark besucht. Außerdem hielt Herr Rabbiner Buttenwieser an jedem rQE? noch zwei Borträge -p-iy )n^ ’p und nVWD ab, welche das ganze Jahr fortgesetzt wurden. In diesem Winter nrußte leider eine Einschränkung stattflnden, da an Stelle des Herrn I. Breuer keine geeignete Kraft zu finden war. Ueber die am Schluffe zur Diskussion gestellte Frage: Wie läßt sich das Lernen in weitere Kreise verbreiten?" wurde sehr lebhaft diskutiert. Die Versammlung beschloß dann auch, das 25 jährige Bestehen des Vereins im nächsten Jahre durch eine Feier zu begehen. Dem Verein kann man für die weiteren Jahre ein eifriges Fortschreiten auf der von ihm eingeschlagenen Bahn wünschen, sodaß er seinen Zweck, die Kenntnis der heiligen Lehre in recht weite Kreise zu verbreiten möglichst nahe kommt. 8. M. Brody. 28. Dezember. Ein Denkmal echtjüdischer Vereinspolitik in großem Stile, wie sie nur auf dem Boderr einer alten Kehilla erwachsen kann, ist der hier seit 40 Jahren bestehende Verein nDNl IdH- Der Verein übt Krankenpflege, Wohltätigkeit (nach dem von Lazarus in seiner Ethik so schön beschriebenen System der 3. Januar 1917 „beiden Büchsen") und Totenbestattung — alles in mustergülttger Vollkommenheit. Seit seiner Gründung hat er etwa 150,000 Kronen verausgabt, wovon 46,000 Kronen auf Unterstützungen, 4000 Kronen auf Krankenpflege entfallen Personalien. Fravksurt a. M., 1. Januar. Wie Sie bereits in der vorigen Nunrmer Ihres gesch. Blattes Mitteilen, ist Rabbi Hirsch Wolk Pinsk, einer der gelehrtesten und hervorragendsten Rabbiner Rußlands, im 48. Lebensjahr seiner Familie und der Judenheit plötzlich entrissen worden. Sein Heimgang bedeutet für die jüdische Gesamtheit einen bedeutenden Verlust, denn Oberrabbiner Wolk war nicht nur ein ausgezeichneter Gelehrter, sondern besaß auch ein offenes Auge und volles Verständnis für die Bedürfnisse der Zeit. Er stammt von Rabbi Josua Wolk, dem Verfasser des owy nTWÖ “ICC/ seine Frau ist eine Tochter des Rabbi Mordechai Jasfe, der sein Rabbinat in Raschume aufgab, unr in Jerusalem eine neue Heimat zu finden. Wolk hat kurz vor seinem Tode einen wertvollen Kommentar auf den iisc vollendet; er hinterläßt außerdem ca. 600 niDltPni m^iW/ denn aus allen Ecken der Welt, vom nördlichsten Rußland bis nach Südafrika, von der Mandschurei bis nach Amerika ergingen Anfragen an ihn. Zahlreich sind auch die scharfsinnigen Randbenrcrkungcn, die alle von ihn: benutzten onDD schmücken. Zunr -ini schrieb er einen vollständigen Kommentar. Unterstützt wurde er dabei durch ein geradezu Staunen erregendes Gedächtnis, sodaß er die beide Talmude und den nptfiri T fast wörtlich auswendig kannte. Auch auf denjenigen Gebieten, die sonst wenig gepflegt werden, wie in den niHDDD von D^ip "HD war er vollständig zu Hausein den 711^?! dazu war er sogar hervorragend bewandert. Er war aber wie schon bemerkt, nicht nur ein großer Gelehrter, sondern auch ein Mann der Tat und wo es galt, für die Gesamtheit zu wirken, da stand er mit an der Spitze. Auch bei den Behörden, den städtischen sowohl als auch bei denjenigen des Gouvernements stand er in hohem Ansehen, und es ist ihm gelungen, gar manchen Schlag abzuwenden, der unsere Glaubensgenossen treffen sollte. Dabei war er von einer seltenen Uneigennützigkeit, und seine Wohltätigkeit kannte keine Grenzen. Daß er auf diesem Wege keine irdischen Güter sammeln konnte, versteht sich von selbst, aber in dem Andenken der russischen Juden wird er fortleben als das Vorbild eines Rabbiners, der eminentes Wissen und Tatkraft, Gelehrsamkeit mit wohltätigem, menschfreundlichcm Wirken verband. n"D2un- Burgkundstcrdt, 1. Januar Unserem langjährigen Lehrer und Cantor, Herrn I. Löbenstern, wurde anläßlich der Neujahrsauszeichnungen von Sr. kgl. Hoheit dem Prinzregenten Luitpold der Ehrentitel „Hauprlehrer" verliehen und ist diese Auszeichnung auch für die israel. Gemeinde umso erfreulicher, als er bei seinem 25jährigen Dienstjubiläum schon von den: hiesigen Stadtmagistrate zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden ist. Niedetwern. bei Schweinfurt 31. Dezember. Das seltene Fest der goldenen Hochzeit begingen dieser Tage die Eheleute Manasse Hammel bürg er und Frau geb. Gutmann. Das Hammelburger scher Ehepaar hat in fünf Dezennien es verstanden, sich die Achtung und Beliebtheit seiner Mitbürger in: hohem Maße zu erwerben. Die Jubilarin insbesondere darf als ni£W im wahren Sinne des Wortes gelten, überall bereit jüdische Nächstenliebe zu betätigen und mit Eifer bemüht alle religiösen Obliegenheiten zu erfüllen. Möge den Jubilaren ein langer und glücklicher Lebensabend beschieden sein. Lemberg, 29. Dezember. Salomon Bub er, der bekannte Schriftsteller und Bibliograph, der sich durch eine Reihe fachwissenschaftlicher Werke, namentlich kritischer Ausgaben von Midraschim einen bedeutenden Ruf erworben hatte, ist heute im 80. Lebensjahr gestorben. Buber war Seniorchef der Firma Salomon Buber & Sohn und das älteste Mitglied der Lemberger Handelskammer. Wir behalten uns vor, auf Salomon Bübers wissenschaftliche Bedeutung zurückzukommen. Sabbat-Anfang u. Ausgang. «»1?: Anfang Datum Ausgang Uhr jMin. 1906 5667 Uhr iMin. Frankfurt a. M. 4 15 5.Jan. IV.Teweth 5 30 Berlin .... — — n n 4 56 München . . . 4 25 n tf 5 20 Stratzburg . . 4 35 t, ft 5 40 Posen .... — — ft n 4 42 Breslau . . — —‘ tf tf 4 48 Nürnberg. . — — n tr 5 17 Stuttgart 4 30 n n 5 25 Prag 4 30 n n 5 — iü nVffl.iiWfiW.nfr - --.