Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-01-03 · Heft 1 (3.1.1907) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 1 (3.1.1907)
Date
1907-01-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449246--63152-2505680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3. Januar 1907. wohl von ihren Genossen, wie sie beispielsweise stark in Galizien vertreten sind, als auch von denen, wie sie hauptsächlich iu Deutschland leben. Eine vierte Richtung gibt es wohl kaum. Die Juden Galiziens wollen das gesetzestreue Judentum mit Hilse der chassidischen Lebensweise erhalten und stärken. Das ist ihr Mittel, ihre Waffe. Was die Theorie betrifft, so bildet die Grundlage dieser Lebensweise nebst dem Talmud und Schulchan Aruch die große chassidische Literatur mit ihren tiefen, weit verzweigten Gedankengärigen, mit ihren strengen Moralbüchern und den Schriften der Kabbalah. Was diese Lebensrveise selbst anbelangt, so bestreben sich die Chassidim, fin nnro D'asV zu stehen und schmücken alle Gesetze und Gebräuche mit einer Lebhaftigkeit und Begeisterung aus, wie es nur von einer so feurigen Volksseele zu erwarten ist. Wenn man vorr der Erhaltung des Jüdischen spricht, wer wollte dem Chassidismus mit seiner festgehaltenen Eigenart seine Verdienste absprechen? Doch abgesehen von dem Mangel, daß ein stark gespannter Faden leicht reißt, ist es auch wahr, daß das chassidische Leben, sonst so reich an Idealismus und Gottergebenheit, oft das Torastudium beeinträchtigt, das vor allem nrm ntorn des jüdischen - Volkes bilden muß. Die ernste, ehrliche und zielbewußte Arbeit der deutschen gesetzestreuen Juden steht musterhaft da. Alles Mögliche wird getan, um der am Neberlieferteu festhaltenden Richtung im Judentume zum Siege zu verhelfen. Schöne Erfolge dieser Bestrebungen sind auch aus den letzten Jahren auf dem Gebiete des religionsgesetzlichen Lebens zu verzeichnen. Auf dem Gebiete des Torastudiums jedoch leider sehr geringe. In so mancher Gegend Deutschlands kann man fange reisen, bis mau einen Nichtrabbiuer findet, der in den elementarsten Begriffen der jüdischen Wissenschaften Bescheid weiß. Sehr schwer gelingt es den Getreuen Israels in Deutschland, das sicherste Mittel des jüdischen Lebens, das Toraftudium, für das Volk zu erringen. 9iun kommen wir zu der Orthodoxie, wie sie inllttgaru lebt. Ihr Charakteristikum, ihrLosungswort ist: „lernen". Die Rabbiner auf der Kanzel „darschenen", „(enteil". Die orthodoxen Juden rufen: „alles ist gut und gelernt soll werden". Das ist ihr Mittel, ihre Waffe, das Judentum für das Toragesetz zu erhalten. Die jüdischen Väter wünschen nur eins von ihren Söhnen, daß sie etwas sollen „lernen können". Die jüdischen Mütter beten und weinen zu Gott, daß ihre Söhne doch möchten,, lernen können". Diese Burg der Treue und Liebe zum „Leinen" hat für Ungarn isid dpipi vor hundert Jahren in Preßburg errichtet, V'r isid snr, schon von den Schülern seines Vaters und Meisters unterstützt, gestärkt und wettergebaut und der nun verstorbene R. S. B. Schreiber V'T, von einer gleichgesinnten Generation untgeben, in Sicherheit und Ehren erhalten. Diese Burg ist dem ungarischen orthodoxen Judentume der größte Schatz und stärkste Schutz. Iu ihr fühlen sie sich sicher gegen jede Gefahr, gegen alle Strömungen der Zeiten. Der Ausgangspunkt dieser Richtung, der liebevollen Hingebung für „Leinen" tvar in Ungarn Preßburg, und ihr Hauptsitz ist noch heute Preßburg. Nun hat der Wächter die Burg verlassen, der Oberrabbiner von Preßburg ist gestorben. Die Preßburger Gemeinde, die Jeschibah und das ganze orthodoxe Judentum klagt und zagt. — Doch: einen Sohn hat er zurückgelassen, einen Erben in Geist und Gesinnung. Treu den Lehren seiner Väter, geehrt wegen der Vorzüge seiner Persönlichkeit, seines Wissens und seines Charakters. Welche Judenaugen sollten sich nun nicht auf ihn richten? Wer sollte nicht den Wunsch haben, ihm die Burg anzuvertrauen? — So kam es, daß alle Preßburger Juden, alle orthodoxen Rabbiner und Gemeinden Ungarns bei der Wahl des Nachfolgers von R. S. B. Schreiber V'r des gleichen Sinnes waren. * « & Der Israelin Budapest, 18. Dez. Wer sich einmal mit wirtschaftlichen Fragen befaßt hat, ist sich darüber klar, daß zur wirtschaftlichen Entwicklung und Erstarkung eines Landes nur ein Weg führt: die Gleichberechtigung aller wirtschaftlichen Faktoren und die gleiche Förderung ihrer berechtigten Bestrebungen. Dies schließt jede Bevorzugung eines wirtschaftlichen Zweiges auf Kosten der anderen oder gar ein auf direkte Schädigung des einen hinzietendes Bestreben unter allen Umständen aus. Umso peinlicher berührt es, daß hier in Ungarn, gerade unter dem Regime, das mit dem Losungsworte der wirtschaftlichen Erstarkung des Landes die Regierungsgeschäfte übernahm, eine handelsfeindliche Strömung sich bemerkbar macht. Das gegenwärtige Abgeordnetenhaus ist stark von agrarischen Reaktionären durchsetzt, die anfänglich ihre reaktionären Wünsche nur schüchtern andeuteten, als sie aber sahen, daß sich dagegen von keiner Seite Widerspruch erhob, von Tag zu Tag kühner wurden und jetzt ganz unverblüntt mit ihren angeblich volksbeglückenden Forderungen hervortreten. Unter den landwirtschaftlichen Arbeitern hat eine allgemeine Unzufriedenheit mit ihrer Lage Platz gegriffen. Sie fordern höhere Arbeitslöhne und die Parzellierung der größeren Besitzungen. Natürlich ist diese Bewegung unfern Agrariern nicht willkoinmen. Was tun? Das einfachste und gerechteste wäre, mit den Arbeitern ein ehrliches Kompromiß zu schließen und einen Teil ihrer Wünsche zu erfüllen. Aber davon wollen diese Herren nichts wissendamit aber die gegen sie gerichtete Bewegung in eine andere Richtung gelenkt werde, schreiben sie die Schuld an der mißlichen Lage der Landarbeiter den jüdischen Krämern und Kaufleuteu zu. Diese werden des Schachers und des unlauteren Wettbewerbs beschuldigt und als einziges Mittel zur Rettung des Bauernstandes wird die Gründung von Konsumgenossenschaften empfohlen. Auf Bestreben dieser Hochagrarier richtete der Minister des Innern, Graf Andrüssy, an die Obergespane der einzelnen Komitate einen Geheimerlaß, in welchem er ihnen die Förderung der Konsumgenossenschaften ans Herz legte. Damit der konfessionelle Charakter der Gründungen unverkennbar bleibe, erließen wieder diese ihrerseits — vielleicht nicht ganz den Intentionen des Grafen Andrassy entsprechend — an die katholische und reformierte Geistlichkeit Aufrufe, in welchen sie aufgefordert iverden, der Genossenschaftswee mit Rat und Tat zu dienen. So werden also dieser Idee auch um den Preis des konfessionellen Friedens Proselyten geworben. Unter der Landbevölkerung werden die grundlosesten Beschuldigungen gegen die jüdischen Kaufleute ausgestreut und iu marktschreierischer Weise die Vorzüge der Konsumgeschüfre gerühmt. Durch die Konkurrenz der Konsumgenossenschaften sind viele kleinere jüdische Eristeuzen gefährdet. An Vorstellungen bei der Regierung wegen des von ihr begünstigten handelsfeindlichen Kurses fehlt es wohl nicht. So sprachen erst der jüdische Abgeordnete Paul Sandor, dann der Werboer Oberrabbiner Reich bei der Regierung vor und verlangten Schutz für den ungarischen Kaufmannsstand. Die Herren erhielten die Versicherung, daß die Regierung keine handelsfeindlichen Tendenzen verfolge. Für den Nebereifer einzelner Genossenschaftsapostel könne sie nicht veranttvortlich gemacht iverden. Damit die Herren nicht ganz leer ausgingen, wurde auch der Verdienste, die sich die Juden der von anderen Nationalitäten bewohnten Gegenden um das Ungartum erworben haben, Erwähnung getan. Das war alles. Die Agitation im Interesse der Konsumgenossenschaften wurde indessen mit Volldampf fortgesetzt. Da sie sich vorläufig nur aus die Landgemeinden erstreckt, weist die Statistik schon jetzt eine nicht geringe Abnahme der jüdischen Landbewohner auf der einen, und eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung in den Städten auf der anderen Seite auf. Diese „Landflucht", dieses Hineinstürmen in die Stadt ist auch vom Standpunkte der Religiosität zu bedauern. Der härtere Kampf ums Dasein bringt viele Gesetzesübertretungen mit sich, die auf dem Dorf vermieden worden wären. In Rr. 1. Seite 9. der Stadt gibt der Jude nur allzuleicht seine jüdische Individualität und seine Religion völlig auf. Das schlechte Beispiel verleitet auch seine Kinder, und so verschwindet ein Stück Judentunr nach dem anderen. Aber auch den Bauern bringen die Konsumgenossenschaften nicht die von den Agrariern vorhergesagten Vorteile. Der ungarische Bauer besitzt zum Handel weder Anlagen noch Lust. Die Leitung des Geschäftes liegt daher meistens in der Hand des Dorfpfarrers oder des eigens bestellten Geschäftsführers. Mit der Ehrenhaftigkeit wird es da nicht gar genau genommen, man benützt die Nnerfahrenheit der Bauern vielfach dazu, um sich selbst den Gewinn, den das Geschäft abwirft, zu sichern. Es ließen sich darüber mancherlei nette Dinge berichten. So z. B. gründete der ehemalige Redakteur eines antiseniitischen Boulevardblättchens ein Getreidekommissionsgeschäft. In blutrünstigen Aufrufen warnte er die Bevölkerung, mit den jüdischen Maklern Geschäfte abzuschließen, und legte das einzig Beseligende seiner Gründung dar. Das Geschäft ging gut, sodaß es nach kurzer Zeit dem Herrn Redakteur gelang/unter Hinterlassung eines Briefes, in welchem er —^zur Irreführung der Behörde — eigenhändige Beförderung ins Jenseits verspricht, mit 100000 Kronen in der Tasche in die Welt zu entkommen, die jenseits — des Oceans liegt. E. England. London, 28. Dezember. Die geographische Kommission der Jto hat unter starker finanzieller Beteiligung jüdischer Finanzleute wie Schiff- New-Iork und Rothschild-London die Ansiedelung von in ihrer Heimat verfolgten Juden in der Nähe von Galveston in Texas beschlossen. Weiterer Bericht folgt. Holland. H a a g, 25. Dez. In dem Schechita-Prozesse, über dessen Verlauf ausführlich berichtet wurde, lautete das Urteil gemäß den Anträgen der Staatsanwaltschaft und des Verteidigers auf kostenlose Freisprechung. Der Prozeß, der sich zu einem so glänzenden Zeugnis für eine der heiligsten Institutionen des Judentums gestaltete, hat hier lebhafte Befriedigung hervorgerufeu. RuMand. Bialyftok, 24. Dezbr. Hier hat sich eine jüdische Emigrationsgesellschaft gebildet, die den Namen „Esras Niddochim" führt. Laut den vor einigen Tagen überreichten Bereinsftatuteu verfolgt der Verein den Zweck, das Studium der nichteuropäischen Einwanderungsländer und der Ansiedlungsbedingungen in denselben zu fördern. Der Verein will auch Juden, welche Rußland verlassen wollen, insbesondere aber solche Juden uttterftützen, welche die Absicht und die Eignung besitzen, in außereuropäischen Ländern jüdische Kolonien auf autonomistischer Basis zu gründen. Besondere Fürsorge soll allen Fragen auf dem Gebiete des Auswanderungs- und Kolonisationswesens gewidmet werden. Rumänien. B u k a r e ft, 2b. Dez. Gestern Nachmittag veranstaltete der zionistische Verein „Harsinai" in Craiova im Saale Mizmor anläßlich des Chanukafestes eine Feier, bei welcher die bekannten zionistischen Vorkämpfer Dr. Niemrower aus Jassy und Dr. Jsak Leon aus Bukarest für den Anlaß passende Vorträge halten sollten. Während im Saale die festlich gestimmte Menge den Vorträgen lauschte, veranstalten mehrere hundert Zöglittge des Lyzeums, des Gymnasiums und der Handelsschule vor dent Saale eine feindliche Kundgebung und drangen dann mit Knütteln bewaffnet in den Saal ein, wo sie alles devastierten und mit Sesseln in die Menge warfen, wobei mehrere Personen schwer verwundet wurden. Mehrere Frauen sielen ohnmächtig nieder und wurden von der Menge mit Füßen getreten. Ein Teil der Exzedenten ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.