Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1907)
- Date
- 1907-01-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449246--63149-2505677- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. Der Israelit. WWWWWMWWWWWW Nr. 1. 3. Januar 1907 Umgestaltung des Lebens,- er will der „Verrohung der Gebildeten" entgegenarbeiten, die Niedrigkeit des kulturellen Niveaus der Kunst, wie der Wissenschaft bekämpfen, wobei er besonders scharf gegen den Darwinismus loszieht. Allerdings benrerkt Schmidt selbst, man könne die Weltanschauung Tolstojs dem Zeitalter nur klar machen, indem man sich in gewissen Zügen über sie erhebe und sie zur vollen Durchführung bringe. Dadurch erhält Schmidts Darstellung einen subjektiven Zug, wenn er auch noch sv ehrlich bestrebt ist, seinem Gegenstände gerecht zu werden. — Die bestehende Kirchenlehre bekämpft Tolstoj in der „Kritik der dogmatischen Theologie". (Ueberseyt von Carl Ritter, Leipzig 1904.) An d?r Hand der Dogmatik des Macarins werden die einzelnen Dogmen der griechisch-orthodoxen Kirche zergliedert,' es werden ih:en Widersprüche, absichtlich? Unklarheit des Ausdrucks, Verachtung der Forderungen der Vernunft usw. zum Vorwurf gemacht. Was übrigens Tolstoj in dieser Schrift über den jüdischen Monotheismus sagt, zeugt von geringen» Verständnis, und der Herausgeber selbst fühlt sich veranlaßt zu bemerken, daß seine Aufstellungen gegen das Alte Testament ungerecht und nachweisbar unrichtig sind. Eugen Heinrich Schmidt, der Biograph Tolstojs, behandelt ebenfalls die christlichen Dogmen in einer besonderen Schrift (Die Kulturbedinguugen der christlichen Dogmen und unsere Zeit, Leipzig 1901). Das Dogma ist ihm das Produkt ein5r von politischen Machttendenzen beeinflußten und wesentlich nach solchen geregelten, religiösen Weltanschauung. .Auf Grund dieser Voraussetzung sucht er zu zeigen, wie die römische Staatsgewalt nach vergeblicher Verfolgung der neuen Lehre diese in ihren Bannkreis zu ziehen bemüht ist, und als die Folge des Bestrebens, sie für die Gewaltherrschaft unschädlich zu machen, erscheinen die Dogmen. Der Verfaß er trägt die Farben etwas sehr stark auf, und seine Darstellung ist, obschon er zweifellos oft den Kern der Dinge trifft, doch manchmal auch sehr übertrieben. Bemerkenswert ist, daß er das vorchristliche Judentum als dogmenlos bezeichnet. — Noch viel radikaler ist einer der Allermodernsten, ein Wortführer der linksliberalen Theologie, der kürzlich verstorbene Bremer Pastor Albert Kalthoff. In seinem Werke „Entstehung des Christentums" geht er von der Anschauung aus, daß das Christentum als eine bestimmte Kulturerscheinung und Entwicklungsform des gesellschaftlichen Lebens nicht als das Werk eines individuellen Religionsstifters betrachtet werden kann, sondern aus den Zeitversältnissen heraus erklärt werden inuß. Demgemäß erörtert er die Vorgeschichte des Christentums im römischen Reich, die Vorgeschichte des Christentums in der griechischen Philosophie, die Vorgeschichte des Christentums im Judentum, und sucht die Momente bloßzulegen, die aus diesen verschiedenen Kultnreleiuenten in das Christentum übergegangen sind. Das Christusbild, sagt er, ist in seinen Hauptzügen fertig, ehe noch eine Zeile der Evangelien geschrieben mar. Als Konsequenz seiner Anschauungen verlangt er eine Umgestaltung des Christnstypus ini modernen Sinne. Wenn man auch der Voraussetzung Kalthoffs, daß eine Kulturerscheinnng, wie das Christentum, aus den Zeltverhältnissen heraus zu erklären ist, znstimmt, so ist doch der Grund, auf denl er sich bewegt, ein sehr schwankender, und seine Behauptungen stehen manchmal im Widerspruch mit den Quellenso z. B. wenn er die Propheten im wesentlichen als soziale Reformer auffaßt und ihnen Bekämpfung des ganzen Opferkultns zuschreibt. Seine Lieblingsidee, die „Befreiung der Religion von der erdrückenden Umklammerung der Theologie", vertritt Kalthoff auch in einem andern Werk, in der „Religion der Moderrien" (Jena und Leipzig 1905). Mit Lessing, Schiller und Goethe beginnend, null er die religiöse Anschauung der Modernen bis auf Friedrich Nietzsche darstellen. Wenir er aber den modernen Theologen mit Recht vorwirft, daß ihr „freisinniges Christentum" weder Christentum noch freier Sinn sei und daß sie mit dem Begriff des Christentums eine ganz andere Vorstellung als die ihm ursprüngliche innewohnende verbinden, so will uns scheinen, als ob er mit dem Begriff der Religion ebenso verfahren würde. Denn es geht, doch ilicht an, jedes höhere Gefühl als Religion zu bezeichnen und Zola z. B., dessen sittlicher Idealismus gewiß die höchste Anerkennung verdient, als religiösen Menschen hinzustellen. Betrachten wir nunmehr einige Werke, die mehrpositive Gedanken zum Aufbau eines neuen Weltbildes liefern wollen. In seinem „Leben der Bienen" (deutsch von F. v. Oppeln-Bronikowski, Jena 1905) vereinigt M a u r i e e Maeterlinck naturwissenschaftliche Beschreibung mit philosophischer Reflexion. Dieses Werk ist so recht geeignet zu zeigen, welche Formen die Naturwissenschaftlichen Phänomene annehmen, wenn der Dichterphilosoph sie uns vor Augen führt,' wir sehen hier, wie trotz der exakten Einzelforschung und der streng wahrheitsgetreuen, allen haltlosen Hypothesen abholden Darstellung doch niemals die Beziehungen zum Weltganzen außer acht gelassen werden. Die wunderbaren Erscheinungen im Leben der Bienen lehren uns das geheimnisvolle Weben der Natur, die Moral der selbstlosen, eifrigen Arbeit, einer Arbeit für die Zukunft. Sie zeigen uns, wie das Leben als eine Pflicht aufzufassen ist, sie weisen uns hin auf die „SpkLale zum Licht" in der allmächtigen Nacht. Sei offenbaren uns einen in der Natur vorhandenen Willen nach Veredlung der Art, zeigen aber zugleich, daß jeder Fortschritt nur möglich ist durch ein Opfer der persönlichen zu Gunsten der allgemeinen Interessen. Dabei vergißt Maeterlinck nicht hinznzufügen, daß die Entwicklungslehre zwar nützlich sei, weil sie „die Gemüter belebt und unserer Wißbegierde eine neue Richtung gibt", daß sie aber immerhin nur eine Hypothese 'darstellt, die in hundert Jahren vielleicht schon veraltet ist. Nichts ist so geeignet, dem Wahne der zufälligen Entstehung des Weltalls so entgegenzuarbeiten als die Betrachtung der wunderbaren Einrichtungen des Bienenstockes, und Maeterlinck selbst sagt, man könne sich schwerlich der Auffassung verschließen, daß „die Vorgänge, welche die Zufälle herbeisähren und immer wieder herbeiführen, Akte der Klugheit und Intelligenz sind. — (Schluß folgt.) Lfc*Ct. orrespondenzen und Eachrichten Deutsches iteidj. Berlin, den 1. Januar. Die gestern und heute stattgehabte Generalversammlung der „Vereinigung t radit io ne lt - ges e tz estre uer Rab'b in er Deutschlands" nahm sowohl hinsichtlich der großen Zahl der Teilnehmer — es waren etwa sechzig von den achtzig Mitgliedern der Vereinigung anwesend und auch der greise Ehrenvorsitzende, Oberrabb. Dr. Feilchenfeld war von Posen herübergekommen, — als auch durch Gehalt und Geist der geführten Verhandlungen einen imposanten Verlauf. Von größter aktueller Bedeutung waren die Beratungen, die auf einen Zusammenschluß aller Gesetzestreuen in Deutschland hinzielten. Die Frage, wie dieser Zusammenschluß hergeftellt werden könne, beschäftigte schon die letzte Generalversammlung. Eine damals gewählte Kommission der Rabbiner-Vereinigung konferierte in wiederholten Sitzungen mit Vertretern der „Freien Vereinigung für die Jnter- -Drum, Jud, Ist Dein Gesuch zwar strenges Rechtbedenk', Daß nach dem Gang des Rechts Niemand von uns <Lehn würde Himmelsheil, erinnert mindestens an die Rede des Psalmisten (143. 2) : Geh nicht ins Gericht mit Deinen» Knecht, denn vor Dir ist kein Lebendiger gerecht. In demselben Stücke sagt Gratiano zu seinem Freunde Antonio, indem er die stummen Toren schildert, „die sich mit Vorsatz still verhalten stets": £ manchen kenn' ich, mein Antonio, Der darum bloß für weis' ist angesehn, Weil er nichts sagteine Stelle, die fast wörtlich an Spr. Salom. 17, 28 gemahnt, wo es heißt: „Ein Narr, wenn er schweigt, wird auch für weise gerechnet und für verständig, wenn er das Maul hält." In „Wie es Euch gefällt" komnit der Ausdruck vor: Thrcnigh thee the waters warp, bei dessen Niederschreibung man wohl annehmen kann, daß her Dichter an Hiob 37. 10 dachte, worin steht: „Durch den Odem Gottes kommt Frost, und die breiten Wäsier müsien sich zusammenziehen." Bei genauerer Durchsicht würden sich unstreitig bei Shakespeare noch viele andere Stellen finden, worin eine Abhängigkeit von Gedankengängen der heiligen Schrift unverkennbar ist, doch sollen zunächst einige Proben aus anderen Klasiikern folgen. (Antisemitismus in Meyers Lexikon.) Wir baden früher schon auf bedenkliche Stellen in Meyers Großem Konversationslexicon hingewtesen, an denen antisemitischen Strömungen starke Zugeständnisse gemacht sind. Neuerdings macht man uns darauf aufmerksam, daß in der neuesten Auflage des Kleinen Konvers. Lexicon von Meyer unter dem Stichworte „Antisemiten" von einem Wachstum der antisemitischem Bewegung in Ungarn „infolge jüdischer Ritualmorde" die Rede ist! Es scheint danach fest, als ob in diesem Konversationslexicon-Antisemitismus-Meth ode liege. Glücklicherweise existiert auch der Brockhaus noch, der sich von derartigen Ausfällen frei hält. (Das Schicksal der jüdischen Heiligtümer.) Bei dem glänzenden Triumphe, den Kaiser Vespasian und sein Sohn Titus nach Beendigung des jüdischen Krieges in Rom feierten, wurden auch die geretteten Ueberreste der jerusalemischen Tempelschätze mit aufgeführt - es waren dies, wie der jüdische Schriftsteller Josephus berichtet, der goldene Tisch, der goldene siebenarmige Leuchter und die Lade der Juden. Beinahe vierhundert Jahre blieben diese Heiligtümer unberührt in Rom. Im Jahre 455 bemächtigte sich aber der siegreiche Vandalcnkönig Gcnserich der Stadt Rom. Vierzehn Tage lang plünderten die Vandalen und schleppten bei ihrem Abzüge unermeßliche Retchtümer und Kunstschätze mit sich nach Afrika. Unter den erbeuteten Kunstschätzen befanden sich auch die oben erwähnten Spolien aus dem Tempel zu Jerusalem. Belisar, der tapfere Feldherr des griechischen Kaisers Justinian I., machte dann im Jahre 533 durch die entscheidende Schlacht bei Bulla dem mächtigen Vandalenreiche ein Ende. Er fand in der Hauptstadt Karthago eine unermeßliche Beute, darunter auch die jüdischen Tempelschätze, die, wie sich der wohlunterrichtete Geschichtsschreiber dieses Krieges ausdrückt, „Titus Vespasianus nach der Eroberung Jerusalems nebst einigen anderen nach Rom gebracht hatte". Diese Schätze wurden dann in dem von Belisar nach altrömischem Vorbild veranstalteten Triumphzug an dem Kaiser in Konstanttnopel vorbeigeführt. Dieser schenkte sie an die Kirchen der Christen zu Jerusalem. Hier verläßt unS plötzlich jede Spur. Wir wissen nicht, wo sie in Jerusalem untergebracht, was weiter damit geschehen und wohin sie zuletzt gekommen sind. Es ist wahrscheinlich, daß sie bei den stürmischen Auftritten, deren Schauplatz Palästina und Jerusalenr seit der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts waren, ihren Untergang fanden. Ob das aber durch die Perser geschah, welche im Jahre 637 gerusalem in Besitz nahmen, oder bei einer späteren kkupation, läßt sich nicht mehr feststellen. Wer sich übrigens von ihnen eine Vorstellung machen will, findet sie noch heute im Relief des Titusbog. ns in Rom abgebildet. Ao'aend^ merkwürdige Geschichte erzählt das russisch-jüd. Blatt „Der Weg". Danach wohnte in der Trockastraße in Wilna ein alter Jude, der allgemein für einen sehr armen Mann galt. Als er jüngst seine Wohnung auf kurze Zeit verlasien hatte, erschienen dort einige Männer, die man für Geheimagenten hielt, und nahmen eine genaue Durchsuchung vor. Einige Tage später wurde dem Alten ein kleines Paket mit einem Begleitschreiben zugeschickt. Das erstere enthielt drei Prämienlose - das Begleitschreiben stammte von einer der rad kalen Parteien, die dem Empfänger mitteilte, die Haussuchung sei in ihrem eigenen Aufträge ausgeführt worden, da man gegen ihn einen Verdacht (offenbar wegen Spionage) gehabt habeaus Versehen hätten die Beauftragten der Partei die drei Prämienlose mitgenommen, die somit zurückgestellt werden. Zugleich machten die Absender des Schreibens den Mann aufmerksam, daß auf eines der Lose bereits vor einigen Jahren ein Gewinn von 75000 Rubeln gefallen sei) da er diese Entdeckung der Partei verdanke, so werde er aufgefordert, 35000 Rubel für Parteizwecke herzugeben. Der Gewinner sucht nun mit der Partei in Fühlung zu treten, um sie zur Ermäßigung ihres Anspruchs zu bewegen. i ■m