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Der Israelit · 1907-01-03 · Heft 1 (3.1.1907) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 1 (3.1.1907)
Date
1907-01-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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m 3. Januar 1907. *__ » Halevy nachzulesen, wie er überzeugend den Nach- » weis führt, daß an allen drei Stellen des Josephus notwendig von Schammai respektive Hillel und Schammai die Rede sein nmß, und ebenso, daß Schemaja und Abtalion das Jahr 55, das Jahr der Aushebung des Sanhedrin, nur um ganz kurze Zeit überlebt haben können. Wissen wir nun, daß Schemaja und Abtalion den Tag der Aufhebung des Sanhedrin nicht lange überlebten und daß sie das Königtum des Herodes nicht mehr mitansehen mußten, so können wir es uns ersparen, das Unwahrscheinliche glaubhaft zu machen, daß ein Edikt eines römischen Prokonsuls im unterworfenen Lande gewissermaßen nur auf dem Papier gestanden habe, indem die von den Römern anbefohlene Beseitigung des Sanhedrins nur eine Dauer von Tagen gehabt hätte. Das Gegenteil ist wahr. Die im Jahre 55 befohlene Aufhebung des Sanhedrins war im Jahre 32, da Hillel Rassi wurde, noch in Kraft, und wir haben der Wirksamkeit der Söhne Bethera's eine Dauer von mehr als zwanzig Jahren zu geben. Halevy erklärt uns dann überzeugend die beiden anderen Sätze des Josephus dahin, daß Hyrkan nach Aufhebung des Sanhedrins nicht seine Würden als Regent und Hoherpriester genommen bekam, wie viele verstehen, sondern im Gegenteil den vom Pompejns ihm verliehenen Würden noch die Obliegenheiten des Sanhedrin hinzugefügt wurden, soweit sie in der Sorge für den Tempel bestanden und mit den zahlreichen ' vom Tempel ausgehenden Verwaltungsangelegenheiten in Beziehung standen. Unmöglich kann bei den Worten „und übertrug ihm die Sorge für beit Tempel" die Ernennung zum Hohenpriester gemeint sein, da erstens Hyrkan seit der Eroberung Jerusalems durch Pompejns wieder Hoherpriester war und dann Josephus bei Ernennungen zum Hohenpriester dieses stets ausdrücklich sagt und nie durch Worte wie „Uebertragung der Sorge für den Tempel" umschreibt. Die Sorge für den Tempel und aller vom Tempel ansgehenden Angelegenheiten gehörte zu den Befugnissen des in der O.uaderhalle des Tempels tagenden Sanhedrin und wurde erst nach dessen Aufhebung den Fürsten und Hohenpriestern übertragen. Der dritte Satz; „So waren also die Juden ihres Königtums verlustig und hatten nun eine aristokratische Regierungsform" blickt nicht nur auf den Triumph des Gabinius zurück, sondern bildet den Abschluß aller bis jetzt im 14. Buch der Altertümer erzählten Begebenheiten vom Bruderzwist bis zu den Siegen des Pompejns und Gabinius und weist' ernst und trauernd darauf hin, daß durch alle diese m den letzten süns Kapiteln erzählten Begebenheiten die Juden ihre Selbständigkeit an die Römer verloren haben. Die zweite Satz- Der JSraeltt. Hälfte „und hatten nun eine aristokratische Regierungsform" deutet den Verlust des letzten Restes von Selbständigkeit an, die Aufhebung des Sanhedrin, nach dessen Verschwinden auch der Teil der inneren Verwaltung, den Pompejus noch in den Händen dieser frei gewählten Volksbehörde gelassen hatte, dem Schützling dem Römer Hyrkan oder, was fast dasselbe ist, dem Edomäer Antipater überliefert wurde. Im sechsten Kapitel, wo Josephus nochmals auf Alexanders Niederlage zurückkommt, wird uns auch mit den Worten: „Hierauf ordnete Gabinius die Verhältnisse Jerusalems nach dem Dafürhalten Antipaters" in Antipater der frevelhafte Veranlasser der Aufhebung des Sanhedrin genannt. Hier ist nicht der Ort, die exakte Beweisführung Halevys wieder zugeben, durch die er seine Auffassung der Josephusstellen als die absolut richtige hinstellt. Wir haben in den Worten des Josephus ein Dokument, das uns unzweifelhaft darüber belehrt, wann die Aufhebung des Sanhedrin stattfand, von der die Mischna im Schlußabschnitt vom Traktat Sota spricht. Und wenn uns die Umstände, die zu Hillels Wahl als Nassi führten, und die merkwürdigen Begleiterscheinungen dieser Wahl sich allein dadurch erklären lassen, daß die Mitglieder der Familie Bethera eine Reihe von unentbehrlichen Funktionen des Sanhedrin ausübten zu einer Zeit, als kein Sanhedrin bestand, so zeigt uns Halevy die Worte des Historikers, die besagen, wieso und seit welcher Zeit und auf wessen Veranlassung die oberste religiöse und geistige Verwaltung Israels, das Sanhedrin, damals beseitigt war. So hohes Interesse aber die Erklärung der Mischna Sota und die Beleuchtung der Vorgänge bei Hillels Wahl beanspruchen dürfen, so läßt sich aber außerdem durch die Kenntnis der Tatsache, daß länger denn zwei Jahrzehnte vor Hillels Wahl kein Sanhedrin existierte, ein Rätsel lösen, dessen Lösung für das Verständnis der Mischna und für die Geschichte unserer heiligen Tradition von weitreichender Bedeutung ist. Das Rätsel, mit dem mehr oder weniger jeder denkende Leser der Mischna sich beschäftigt, sei hier in seinen Hauptzügen mitgeteilt. Wie haben wir uns die Schulen Schammais und Hillels, Bet Schammai und Bet Hillel, deren Meinungsverschiedenheiten uns so oft in der Mischna begegnen, vorzustellcn? Stammen die Kontroversen, welche uns in der Mischna erhalten werden, aus der Zeit, als die Schulhänpter nicht mehr am Leben waren, ähnlich wie uns in der Gemara beispielsweise die Schule Rabbi Jannais und Rabs häustg begegnen, oder sind Schammai und Hillel selbst an der Kontroverse beteiligt'? Seite 5. Nr. 1. Religiö$-pbilo$opbi$cbe Strömungen der Gegenwart. Von Rabbiner Dr. I. Unna in Mannheim. Die Art der Behandlung religiöser und philosophischer Probleme in der Gegenwart zeigt uns gewissermaßen einen Gährungsprozeß. Neue Ideen sind im Werden und Wachsen begriffen, aber sie sind noch nicht zu völliger Klarheit durchgearbeitet. Die Erkenntnis bricht sich Bahn, daß die bisherige einseitige Verehrung unseres Intellekts, die „Vergötterung der Gesetze unseres Gehirns", die Anschauung, daß alles, tvas das Fassungsvermögen 'unserer Vernunft übersteigt, nicht existiere, eine verfehlte war, daß sie nicht zur Kultur führen könne, weil ihr das Tiefste, das religiöse Moment fehlt. Und so ist ein gemeinsamer Grundzug des literarischen Schaffens auf philosophischem Gebiete die Abkehr vom Materialismus, der nur noch von quasi Philosophen wie Häckel gepflegt wird. Wenn wir die Gedankengänge moderner Philosophen, die auf diesen Namen mit Recht Anspruch machen könnnen, durchstreifen, da merken wir nichts mehr von den Miasmen des materialistischen Irrwahns, es um* weht uns vielmehr die Höhenluft tief religiösen Empfindens. Und diese Richtung zeigt sich nicht nur bei den neuen Erscheinungen, sie äußert sich auch in bfttt Wiedererwachen des Interesses für ältere Autoren, die einen solchen Standpunkt vertreten. Wir wollen eitrige dieser Erscheinungen aus dem Verlag von Engen Diederichs in Jena etwas näher ins Äuge fassen, wenn wir es uns auch naturgemäß dabei versagen müssen, eine eingehende Charakteristik der einzelnen Autoren zu geben. Wie überall, wo Scenes geschaffen werden soll, so nimmt auch in der Jetztzeit die Kritik des Bestehenden einen breiten Raum ein. Unter den Autoren, welche die Kultur des vergangenen Jahrhunderts irr allert ihren Aeußerungen, in Wissenschaft, Kunst uitb Religion, schonungslos verurteilen, nimmt Leo Tolstoj einen hervorragenden Rang ein. Sein Leben und seine Weltanschauung schildert Engen Heinrich Schmidt «Leo Tolstoj und seine Bedeutung für unsere Kultur, Leipzig, 1901, in ausführlicher, klarer Darstellung. Als den Grundgedanken Tolstojs, den er ans die Evangelien aufbaut, bezeichnet Schmidt die Idee der Gewaltlosigkeit, einer friedlichen Kultur, wie sie scholl bei Jesajas zum Ausdruck kommt. Er findet den Sinn des Lebens itt der selbstlosen Hingabe an die Menschenbrüder, im Allsgehen in ben göttlichen Geist der aUmnfaffeitbeit Menschenliebe. Seine Weltanschauung aber ist zugleich eine Aufforderung zur f £>ermann Struck. Zur Zeit ist eine größere Zahl seiner von Radierungen in Hamburg zu einer Kollektiv-Ausstellung vereinigt, über die in einem Hamburger Blatte folgendes berichtet wird: „B ei Commeter (Hcrmannstraße) ist der Bordersaal mit Radierungen Hermann Struck gefüllt. Eng aneinander gereiht, strecken sich ungefähr hundert Blätter über vier umfängliche Wände. Landschaften, Bildnisse, Charakterköpse, Typen, Architekturen, Stimmungsstücke :c. führen in eine überreiche Welt des individuell Erfaßten, eigenwillig Bewältigten, elegant limrissenen Linien, die auf das lebendigste von einem unmittelbaren Naturgefühl und von einer energischen Empfindung für menschliche und tonmalerische Werte erzählen, schließen sich da mit summarischer Kraft zu einer vielseitigen und vieldeutigen Beichte zusammcn. Es zeigt sich somit eine künstlerische Potenz, der alles Gegenständliche und Unkörperliche ringsum, wie von ungefähr ohne stilbildende Mühsal zur Linie wird „ . . . Man sieht einen dreißigjährigen Meister, der jetzt schon ein Lebenswerk von erstaunlichem Umfang und ungewöhnlicher Intensität auszubreiten vermag. Ein Lebenswerk, tute es sonst nur rückblickenden Jubelgreisen zu Gebote steht. Man fühlt einen Künstler, der sich fast jedes sichtbare und unsichtbare Phänomen im großen Um und Auf der Lichtspiele und Lebensformen mit imponierender Energie für den Bezirk seiner Künste zunutze macht. Man merkt ihm schon heute an, daß er bald alle Zwischentechniken seiner Sonderkunst mit all ihren Anleihen aus dem Bereiche der Malerei, der Plastik und Architektur auf die Radiernadel spießen wird. Die Vielseitigkeit seiner Motive, der rastlose Trieb zur Tiefe, die Reinheit seiner Mache, das konseaucnte Bemühen um die Bloßlegung seiner Persönlichkeit,-all dies spricht für den Mann mit zwingender Stimme und stellt ihn schon jetzt auf die Fußstapfen der Großen. Im silhouettenartig Landschaftlichen, das fernab von zitternden Vordergründen perspektivisch nach hinten verfließt, nähert er sich der andeutenden Meisterkunst eines Frank Short. Im Bildnisse, das sich fast ganz auf das physische Element ter Augen stützt, gelingen ihm zwischen haarscharfen Konturen und weich getönten Flüchen rein geistige Spiegelungen, die an den beseelenden Linienstich William Strangs gemahnen. Und Watfon kommt in Erinnerung, wo man sich säuberlich gefügten und denncch malerisch unreinen Architekturen gegenübersieht, die mit der schweigsamen Gewalt verwitterter Mauern zu unserer Seele sprechen und ein Gefühl der innigsten Weltabgeschiedenheit wecken. Unter den Porträts interessieren die vergeistigten Bildnisse Gerhart Hauptmanns, Theodor Herzls und Giovanni Segantinis besonders. Durch seitliche Belichtungen sind hier überirdische Reflexe, die gleichsam aus dem Innenleben der Porträtierten kommen, tonmalerisch nach außen gekehrt und zwischen summarische Linien gelegt. Die rapide Macht jener magnetischen Wirkungen, die aus außerordentlichen Menschenköpsen im Augenblick auf uns einzuströmen Pflegen, ist mit dem rassigen Instinkt eines zeichnerischen Zeichendeuters festgehalten. Hier sind die edelsten Aufgaben einer mannhaften Bildniskunst intuitiv erfaßt und bezwungen. Eine gleich starke Geistigkeit wird in einer Serie palästinensisch er Skizzen lebendig. Der Brunnen bei Jaffa, Absaloms und Rahelo Grab, das Tote Meer, die PalmenAllee im Rischon le Zion seien genannt. Eine Reihe jüdischer Dörfer mit ihrer sonnigen Schwermut schließt sich in sanften Tönungen an. Gegen stündlicher geben sich Studien „vom Rande Berlins" (Neubauten Rennbahn Karlshorst — Fabriken Wasserturm — Am Bahndamm). Aus Scheveningen, Igels, Sils-Maria, Agnetendorf, Weimar Rom, Venedig liegen Ausschnitte vor, die sich bis zu Whistlerscher L-ilberstiftzartheit und Liebermannscher Lustfülle steigen. Ein apartes Verfahren leitet aus Grunewald-Szemrien und ~y rVi'i'ii ViTjiir'^WriT i-y'^r-Y^TriiV^-^ii 7arnW;"i!~i' nt T^-'r märkischen Gehöften durch intime Kunst holländisch weiche -timmungen ab. Hier klingt Israels an, der Hermann Strucks Lehrer war. llnd Israels spricht auch mit seiner großväterlichen Stimme aus den w e i ß b ä r t i g e n R a b b i k ö p f e n, die zu Strucks Spezialitäten gehören. Aber - über Anreger und Aneiserer dringt fast auf jedem dieser hundert Blätter die Eigenlrast des jungen Berliners hinaus. Mit freudigem Anteil darf man in ihm eine neue Hoffnung unserer Kunst und eine neue Erfüllung begrüßen. Shakespeare und das jüdische Schrifttum. Das Wort des Ben Bag-Bag: Hasoch bah wehafoch bah dekaulo bah — „Drehe sie und wende sie, du findest alles in ihr" hat schon mannigfache Deutungen erfahren, hellleuchtend zeigt sich aber seine Wahrheit, wenn wir die Klassiker der verschiedensten Nationen auf besonders kernige Wcisheitsworte hin mustern. In Nachstehendem soll der Versuch gemacht werden, einiges nicht allzu Bekannte herauszugreifen, um den Lesern die Probe auf diesen Gedanken zu erleichtern. Lassen wir zunächst einmal einen der größten Dramatiker aller Zeiten, den großen Sohn Albions, den Sänger von Avon reden. Portia im „Kaufmann von Venedig" Aufzug 4 Sz. 1. sagt: Barmbcrzig'eit wird nicht erpreßt durch Zwang, Sie tränst wie sanfter Regen himmelab Zum niederen Ort. Hier haben wir die Worte der Bibel: „Barmherzigkeit ist fruchtbar zur Zeit der Betrübnis wie Regenwolken in der Dürre." — Die folgende Stelle:

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