Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-01-03 · Heft 1 (3.1.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 1 (3.1.1907)
Date
1907-01-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449246--63146-2505674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3.-Januar 1SS7. ___ die „Partei der friedlichen Erneuerer" (vielleicht kann man die Art dieser Partei am ehesten mit dem Charakter des Nationalliberalismus in Deutschland vergleichen) unter der Masse der jüdischen Bevölkerung haben wird, läßt sich von hier aus schwer beurteilen. Jedenfalls wäre zu wünschen, daß die jüdisch-zionistische Fraktion ihre Frontstellung in dem bevorstehenden Kampfe mehr gegen den „Bund" und seine Leute als gegen die konservativen Kreise richtete, die noch immer daran glauben, daß man Volk und Regierung durch eine loyale jüdische Politik werde gewinnen können. Das liegt im Interesse der Zionisten selbst, die ihre Kraft auf die Dauer j« doch nur aus dem großen Reservoir der rechts stehenden Massen und nicht aus dem brodelnden Hexenkessel der roten Terroristen werden ziehen können. Bernays.*) Iahrzeitstage S. M. Kirsch's (27. Teweth). Hamburger Lokalpatriotismus, eine mehr oder weniger zutreffende Notiz in jüdischen Geschichtsbüchern, werden im Verein mit dem noch immer im Wachsen begriffenen Ansehen seines größten Jüngers dafür Sorge tragen, daß der Name Bernays' in ungetrübtem Glanze auf die Nachwelt kommt. Literarische Denkmäler, die avr« xvrsunins seinen Ruhm konservierten, hat er nicht hinterlassen. Er liebte es nicht, die Goldbarren, die ihm der Schöpfer verliehen hatte, in populären Scheidemünzen über die Erde rollen zu lassen. Nur in mündlicher Rede lüftete er den Schleier seines Wesens, den Vorhang der Lade, die sein Allerheiligstes barg. Als ein literarischer Hagestolz sank er in die Gruft. Andere, die ein Millionstel seines Reichtums besitzen, verschachern es um kostbaren Kaufpreis an die leselustige Welt. Er fürchtete, daß seine Ware nicht mit der gleichen Begeisterung genommen, wie sie an geboten werden würde, oder daß der elektrische Strom auf dem langen Wege vom Kopf durch den Arm, Der JSraektt. ' ■ I. j . ■■■'.'-- .- - ■ . ------- durch die Hand aufs Papier etliches von jener zündenden Kraft verlöre, die seinem mündlichen Vorträge eigen war. Darum wohl hat Bernays nur geredet und nichts geschrieben und dem emsigen Spiel einer für die Ewigkeit arbeitenden Feder die sichere, unmittelbare, wenn auch vergängliche Wirkung des lebendigen Kanzelwortes vorgezogen. Der „Biblische Orient", in welchem Ansichten über rabbinisches Judentum zu Worte kommen, die sich mit Bernays' Gesamtanschauung über die Offenbarung nicht vereinbaren lassen, den aber gleichwohl der allwissende Grätz nicht ohne eine Art Schadenfteude ihm zuschiebt, rührt schwerlich von ihm, wenn auch der rhetorische Tonfall dieses Chacham Bernays. *) Wer über Jsak Bernays, den Hamburger Chacham, . besonders über die Vorgeschichte seiner Berufung als erster hochdeutsch predigender Rabbiner gesetzestreuer Gesinnung! und sein Wirken als Schulleiter, Einzelheiten in größerer Zahl, als sie hier geboten werden können, erfahren will, der lese die Geschichte der Talmud Tora-Realschule in Hamburg, Festschrift zur Hundertjahrfeier der Anstalt 1805—1905, von Direktor Dr. I. G o l d s ch m i d t in Hamburg. — Auch Leon H o r o w i tz, ein Mitarbeiter des von 3. P. Rabbinowitz herausgegebenen HD2D/ über- 4$fert interessante Details. — Dagegen sind Grätz und -sckne Nachbeter auch hier, wie überall, nur mit großer : Vorsicht zu genießen. — Die Söhne des Chacham, Jacob ^nd Michael, finden in der Allgemeinen Deutschen Biographie monographische Behandlung, wobei ein paar Hinweise auf;xttt Vater gegeben werden. Dtna stand erstarrt da, fest entschlosien dieses große Opfer treuer Freundschaft nicht anzunehmen. „Liebe, gute Seele," sprach sie mit Tränen in den Augen, „weißt Du auch, daß Du im Begriff bist mich zu einer großen Sünde zu verleiten? Weißt Du nicht, daß es verboten ist von der Frau hinter dem Rücken ihres Mannes Zedoko anzunehmen, und nun gar eine solche fürstliche Spende?!" Chaja zerrte die Freundin ins Schlafzimmer, öffnete die Schieblade ihres Waschtisches und sprach: „So, jetzt nimm zuerst einmal das Kästchen heraus, dann wollen wir wegen der Sünde, die darin liegen soll, uns schon auseinandersetzen." „Ich werde es nie und nimmermehr annehmen, ich danke Dir für Deine große aufopfernde Güte, aber so war's nicht gemeint i lebe wohl " Sie wollte zur Tür hinausschlüpfen, aber Chaja trat ihr in den Weg, steckte ihr das Kästchen in die Tasche und sagte: „Sei keine Närrineine Frau darf hinter dem Rücken ihres Mannes desien Geld nicht für Zedoko-Zwecke weggebendas ist selbstverständlich. Aber der Schmuck ist mein Eigentum; darüber kann ich zu jederzeit nach Belieben verfügen- und Du wirst es mir durch Deinen Eigensinn nicht versagen, endlich einmalzu einem anderen Schmuck zu kommen. Du hättest viel eher ein Recht gehabt Dich gestern zu weigern die zehn Rubel aus diesem Grunde anzunehmenaber es lag hier auch kein Unrecht vordenn sie waren nicht von mir, sondern von einer mir unterstellten Chewra-Kasse. Ach! wenn wir beide keine größeren Sünden haben, als diese, dann find wir beneidenswerte Menschen!" Mit diesen Worten zur Türe hinaus und rief chr „Sagt heute noch dem alten Schwbuch einverstanden seid, ihre Freundin geradezu leise.nach: lowsch, daß Ihr mit und seht zu, daß «och literarischen Findelkindes lebhaft an das eigentümliche Pathos Bernaysscher Diktion erinnert. Bei einer traurigen Gelegenheit, Ende der sechziger Jahre, als ein Mann, dem keine Beleidigung zu niedrig war, um sie Hirsch ins Gesicht zu schleudern, den Jünger Bernays' als Plagiator denunzierte, sprach sich der Redakteur des Jeschurun in einer Schlußbemerkung zur „Distellese des Herrn Kirchheim" über die Hypothese dieser Vaterschaft folgendermaßen aus: „Der fel. Bernays, dem Hr. Kirchheim. ohne Weiteres den bibl. Orient zuschreibt, hat sich nie vor Purim die Tnoim geschrieben werden. In drei Wochen haben wir Purim in sieben Wochen ist zu gutem schon Peßach, bis dahin muß ich meine umgeänderten Ohrringe wieder haben, weil ich sie Jomtof anziehen MUß." Dina wollte zurück; aber Chaja hatte rasch die Türe von innen geschlossen und drohte der Freundin, sie betrete ihr nicht mehr das Haus, wenn sie sich jetzt nicht auf den Weg zum Markte macht. Aber statt auf den Markt ging Dina wieder in ihre Wohnung zurück. Sie erzählte ihrem Manne das vorgefallene und legte zur Bestätigung die Orringe auf den Tisch. Derselbe konnte aber noch nicht die Lippen zu einer Meinungsäußerung öffnen, als schon Chaja Mirels eintrat und mit Beredsamkeit alle Bedenken so vollständig widerlegte, daß man sich ihren hochherzigen Absichten fügte. Jakof Ullreich ging noch am Vormittag zu Orlowskh und gab seine Zustimmung zu dem Schidduch. Den anderen Tag reiste er nach Warschau. Er erhielt 175 Rubel für die Steinezwei Rubel zahlte er für die falschen Gläser, deren Schleifen und Einfassung und war nach acht Tagen wieder in Bialystock, was im Hinblick auf die. Entfernung von 160 Kilometern die zwischen Bielhstock und Warschau liegen, eine sehr rasche n ar. Chaja Mirels war glücklich über die täuschende Aehnlichkeit der falschen Steine mit den echten, und freute sich jetzt schon darauf wie sie Peßach ganz Bielhstock hinter das Licht führen wolle, wenn sie mit ihren falschen Steinen über die Straße gehen werde. Die List gelang auch über alle Maßen gut. Beim Seder an den beiden ersten Peßachabenden, bei Besuchen die Chaja Mirels ganz Jomtof machte und empfing immer hatte sie die Ohrringe mit den falschen Steinen an und ganz Bialystock mit Rabbi Joseph Mrels inbegriffen, traten unbewußt als Beweis für die Richtigkeit der Ansicht auß daß der Glaube an den Besitz eines Gegenstandes so vttt wert sey Die der Besitz selber. . Sette 8. Rr. l als Verfasser dieser Schrift bekannt, und Jeder, der demselben persönlich näher gestanden, oder ihn auch nur aus seiner langjährigen Wirksamkeit kennen lernen Gelegenheit gehabt, deren Geist und Gesinnung noch in allem zu Tage liegt, was das gegenwärtige Geschlecht feiner Gemeinde in mm und jwt hegt und pflegt, muß die ihm supponierte Autorschaft des biblischen Orients in hohem Grade für unwahrscheinlich, fast für unmöglich halten. War er der Verfasser dieser Schrift, so war diese Verirrung für ihn schon ein völlig überwundener Standpunkt, als er den Kreis meiner Vaterstadt betrat. Nebrigens steht mein Kommentar auch mit dem, was ich aus dem belehrenden und geistweckenden Umgang mit Bernays zu schöpfen so glücklich war, in keiner näheren Beziehung als der allgemeinen Anregung und des vorleuchtenden Strebens, die Hallen der mm mit dem Durst nach Erkenntnis zu betreten. Was ich Weises oder Törichtes auf diesem Wege gefunden und in meine Arbeit niederzutegen gewagt, habe ich, wo ich keinen Urheber zitiere, vor Gott und Welt allein zu vertreten." Sollte Bernays trotz alledem, obwohl es nach diesem Jeschurunzitate so gut wie ausgeschlossen erscheint, der Vater des Biblischen Orients sein, dann wäre es begreiflich, wenn er später, nachdem sie so verhängnisvoll ausgeglitten, seine Feder in der Ecke rosten ließ. Er hätte am Schreiben den Geschmack-verloren. Umso größer war die Wirkung seines Wortes Weil er wußte, daß, was er schuf, was er schaffen wollte und konnte, unlösbar mit seiner lebendigen Persönlichkeit verknüpft war, konzentrierte er den Strom seiner gewaltigen Denkkraft, nachdem sich dieser über Hamburgs Weichbild hinaus nicht entladen sollte, auf Hamburg selbst, gab er als Redner sein Bestes, nachdem es ihm versagt war, oder nachdem er es sich selbst versagt hatte, die Fernwirkungen eines Schriftstellers auf Außenstehende zu üben. Hat man aber, wenn man ihn* als beredten Menschen feiert, die Charakteristik dieses merkwürdigen Mannes erschöpft? Von meinem Vater höre ich, daß urteilsfähige Zeitgenossen in ihm einen Talmudgelehrten vom Schlage eines R. Jonathan Eibeschütz verehrten. „Er war der größte Denker seiner Zeit, und lebte er heute, so wäre er heute der größte Denker." So sagte auf einem Spaziergang durch die Frankfurter Promenade sein größter Jünger zu einem Freunde. Und im August 1823 schreibt Heine an Moser: „Bernays habe ich predigen gehört . . . Keiner von den Juden versteht ihn, er will nichts, und wird auch nie eine andere Rolle spielenaber er ist doch ein geistreicher Mann und hat mehr Spiritus in sich als Kley, Salomon, Auerbach I und II." Lag Beomer war die Hochzeit von Golde Ullreich mit Sundel Orlowsky. Rabbi Joseph und Chaja MirelS nahmen als nächste Nachbarn auch an dem Feste teil, letztere mit ihrer falschen Ohrringen. Frau Dina Ullreich saß neben Chaja Mirels und flüsterte ihr ins Ohr, es sei ihr unerträglich, daß ihr heuriger Freudetag mit einem so großen Opfer der besten Freundin erkauft sei. „DU bist eine unheilbare Närrin," erwiderte Chaja. Niemals habe ich mit meinen echten Steinen eine solche Freude gehabt, als ich heute mit den unechten habe. Ist denn die Freude von Choson und Kallo nicht mehr als das Ergötzen an dem armseligen Flitter, dessen Fehlen von keinem einzigen Menschen bemerkt wird? Wie schade, daß ich den eitlen Prunk siebzehn Jahre lang brach liegen ließ und erst jetzt anfange mit ihm froh zu werden! Sich' doch einmal Deine Golde an und ihren Mann, find bas nicht zwei Juwelen, gegen welche tote Edelsteine gar nicht in Betracht kommen?,, „Es ist doch ein großes Glück" entgegnete die glückliche Brautmutter, „daß nicht alle Leute über echte Steine so gering denken wie Du. Wenn z. B. Juwelier Goldberger in Warschau dieselbe Ansicht hatte, so säßen wir jetzt nicht hier beisammen." „Der Juwelier," erwiderte Chaja „der hat Recht, wenn er diese Narrheit hätschelt und hoch hälter lebt davon. Sie hat ihn zum reichen Mann gemachtaber alle anderen find mit diesem Steinkultus betrogen. Nicht ich bin die Betrogene, sondern die anderen find es. Du siehst mich ungläubig an? Aber stelle Dir die Sache doch einmal vor, wie sie in Wirklichkett liegt. Was in aller Welt kann man eigentlich mit ein paar echten Ohrringen omfangen? Man kann ste nicht essen, nicht trircken, nicht schnupfen nur ansehen kann man sie und fich an ihreem Glanze erfreuen. Rein, auch bas kann man nicht einmal, denn wenn sie am Ohre hängen sieht die Besitzerin nichts von dem Glanze und wenn sie in chrem Etuis liegen, fungieren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.