Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1907)
- Date
- 1907-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449246--63145-2505673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
f te. WHWIust und zur Glaübensbetättgunsi vergM./ Freilich besteht auch innerhalb jeder Einzelgemeinoe das Mchrheitsprinzip zu Recht und zwar nicht nur von staats-, sondern von r e l i g i o n s wegen. Aber — und das ist ia der Kernpunkt der ganzen Frage — dieses Mehrheitsprinzip hat nur so lange Sinn und Berechtigung und ist nur so lange vom Religionsgesetz geheiligt wie die Parteien auf dem Boden der gleichen reliaiösen Gesinnung stehen. Wo aber diese Grundlage fehlt, da ist die Zwangs ge mein de an sich ebenso unberechtigt wie größere Zwangs, verbände, und es gilt jedenfalls das Prinzip des Zwanges auf den kleinstmöglichen Herd auf die Einzelgemeinde zu beschränken und durch die Austrittskautele zu mlldern. Dazu kommt aber, daß der Zwang in der Einzelgemeinde noch lange nicht so verheerend wirkt, wie in den in Auspcht genommenen größeren Verbänden. In der Einzelgemeinde tritt der rücksichtslos-konsequenten Ausbeutung des Majoritätssieges, wenn er nur inmitten einer einzigen geschloffenen Gemeinde, zwischen Parteien derselben Gemeinde, erfochten rsi, zuwellen versöhnend und mäßigend, gegenüber: . em reiches Maß von Ehrfurcht vor dem Bestehenden, / vor dem, was den gemeinsamen Ahnen, was der Gemeinde, welche die Väter aller gebildet hatten, hellig war. Bschwichtigend ttitt dort zuweilen die persönliche zarte Rücksichtnahme auf die Empfindungen der durch manigfache Fäden nahe verbundenen anders gesinnten Angehörigen derselben kleinen Gemeinde. Nicht also im Verhältnis von Gemeinden zu Gemeinden! Ganze Gemeinden werden in Gewissenssachen nicht auf „Rechte" verzichten, vielleicht nicht einmal verzichten dürfen. Dort erscheint die eisige Konseqirenz im Gefolge des Majoritätsprinzips und läßt sich den Weg nicht versperren. Majoritäten schwanken und wechseln, schwanken und wechseln werden die Institute, schwanken und wechseln die Beamten schwanken und der Auflösung entgegengehen wird das ganze Gemeindewesen. Erheischen nun gar . die territorialen Verhältnisse, daß die Gesamtorganisatton in einem Falle nur zwei Gemeinden zu Bezirksgemeinden zusammenschließt, — welche von den beiden Gemeinden soll dann Siegerin blitzen in dem Religionsstreite? Welche von beiden soll den Ausschlag geben für die Person des Rabbiners, Lehrers, Schächters, für Schule und Synagoge? Etwa die am Wahltage zufällig um einige Mitglieder größere Zwerggemeinde? Oder soll das Los vielleicht die herrschende Religionsrichtung bestimmen? Das Projett, eine obligatorische, wenn auch partielle, Gemeinschaft Synagogengemeinden aufzuerlegen, muß fallen, wenn der Grundsatz der freien Selbstbestimmung, den der neue Plan für 3. Januar in Anspruch nivmch' ürzfrech^rhalten werden Der Parochial- oder Gemeindezwang in einem und demselben Orte ist eben an sich schon ein'-„Zwang", der ln seiner heutigen Form nicht etwa vom Religtonsgefetz, sondern vom^geltenden Staatsgesetz gewollt ist. Die r e P g i ö s e Pflicht der Zugehörigkeit zur Gemeinde, zum.Zibvur, wird von der zufällig korporattven Gestaltung, von der wechselnden landesgesetzltchett Verfassung in keiner Hinsicht bestimmt und gestaltet, sie besteht mit und ohne Korporationszwang und ist nur innerhalb der von der Religion gezogenen Grenzen m erfüllen. Daß mit der Einführung des Paroryialzwanges schon ein gewisser Eingriff in die Gewiffensfreiheit des Einzelnen gewagt werde, ist der gesetzgebenden Körperschaft von 1847 keineswegs entgangen. Wenn sie trotz dieser Erkenntnis den Zwang im Gesetze gefordert hat, so tat sie es, weil der Staat sonst auch auf den bescheidensten Versuch landesgesetzlicher Organisation hätte verzichten müssen. Aber auch dieser Zwang wurde durch das Gesetz von 1876 aufgehoben, zum Mindesten wesentlich abgeschwächt. Zudem ist ja eine Neuformatton der Zwerggemeinden immerhin statthaft,' ein diesbezüglicher Antrag der Gemeinden kann genehmigt werden. Aber auf Grund des Gesetzes von 1847 wird niemals der Staat eine Kette schmieden, um in Hre Ringe einander wiederstreitentze.Gemeinden einzuzwängen. Will darum die neue Organisation ein Auf- und Ausbau des 47er Gesetzes sein, will sie es verbessern, nicht verschlechtern, so muß sie den Plan obligater Interessengemeinschaft in jeder Form, sei es der totale oder partielle Gememdeverband, sei es die Zenttale für das Schächtwesen, sei es die Umerung für Lehr- oder rabbinische Zwecke, gänzlich fallen lassen. (Fortsetzung folgt.) kinwsnöerung In pslüftina Nachdem schon wiederholt von dem Wachstum der Einwanderung russischer Juden in Palästina im letzten Jahre die Rede war, liegen jetzt die definitiven Daten über Zahl und Art der einaewanderten russischen Flüchtlinge vor, und beide Momente heischen Beachtung. Im ersten Halbjahre 1906 sind 1747 russische Juden nach Palästina ausgewandert, gegen 1222 während des ganzen Jahres 1905! Die Einwanderer find aber nicht ältere Leute, die den Abend ihres Lebens auf heiligem Boden zubringen wolltzn, sondern zu 50 Prozent junge. Männer zwischen 18 und 45 Jahren; nur 6 Prozent sind über 60 Jahre alt. Die Einwanderer verfügten über ein Kapital von insgesamt dreiviertel Millionen Rubel. Dem Berufe nach waren 277 von ihnen' Handwerker, während 608 sonstige Gewerbe oder^ Berufe ausübten. Wenn diese Entwicklung anhält, wird die Mitwirkung der Gesetzestreuen bei der wirtschaftlichen Erschließung des heiligen Landes immer mehr nicht nur zu einem Postulat der Vernunft, sondern zu einer von den Verhältnissen geforderten religiösen Notwendigkeit. Der Anteil der W122N an der Gesamtbevölkerung geht prozentual tagtäglich zurück, und es gilt heute nicht mehr allein, das vorhandene Thorastudium materiell zu unterstützen, sondern auch vor allem dafür zu sorgen, daß überhaupt gelernt und daß im innigen Vereine gearbeitet und gelernt wirb': Sollst wird eine weite Kluft zwischen „Arbeit" uüo „Thora" sich öffnen, Und der alte Haß d>er Ame haürez von Galiläa gegen die Gelehrten könnte allmählich wieder aufleben. So wächst auf palästinensischem Boden für die Gesetzestreuen der westlichen Länder ein Problem von ungeheurer Bedeutung heran, dessen Lösung sie ernstes Nachdenken widmen sollten. Der min 'iviV- Verein tri Jerusalem einerseits, die Handwerks- Abteilung der Jeschiwa nun ’nytp in Jaffa andererseits zeigen, daß man sich in Palästina der zu lösenden Aufgabe sehr wohl bewußt ist und beide Institutionen verdienen jedenfalls die Förderung» aller denkenden Gesinnungsgenossen. Wir werden auf die Angelegenheit noch ausführlich zurückkommen. Die Läge in Rußland. Noch sechs Wochen tiremteri uns von berit Tage, der berit russischen Volke eine neue Vertretung geben soll tind es ist begreiflich, daß die jüdischen Gruppen und Interessen innerhalb der Wahlbewegung keine kleine Rolle spielen. Zwei Momente tteten dabei am deutlichsten hervor: Die Beschlüsse der zionistischen Konferenz in Helsingfors, die zum ersten Male zur Bildung einer offiziellen unabhängigen jüdisch-zionistischen Partei im Wahlkampfe führen werden und die ganz anders gearteten Bestrebungen, die Juden für die „Partei der friedlichen Erneuerer" zu gewinnen. Es ist selbstverständlich, daß sich unter jener Fahne alle jungen jüdischen Elemente sammeln werden, soweit sie nicht längst schon dem „Bund" und seinen revolutionären Hintermännern verfallen sind/ welche Aussichten letnes Feuilleton Edelsteine. Eine Geschichte aus Rußland. (Fortsetzung.) Chaja wollte bemerken, daß man dann späterhin doch auch nichts von dem Schwager verlangen könne. Da fiel ihr noch rechtzeitig ein-, daß Dina soeben sogar die Möglichkeit angeoeutet hatte, Jtzel werde vielleicht noch mehr veitragen, als die Schuld beträgt. Das konnte nur einen Sinn haben, den der Takt der Freundin nicht in Worte kleiden wollte, daß nämlich Jtzel, der schon sehr alt und unverheiratet war, eine reiche Erbschaft hinterlassen werde, wovon Josef Ullreich ein fünftel zufiel. Sie deutete daher den Gedanken an, indem sie bemerkte: „Ueber hundert Jahre habt Ihr von Jtzel doch gewiß auch etwas zu erwarten." „Gewitzt bestätigte Dina erstem, daß die kluge Freundin sie der Notwendigkeit überhoben hatte, diese Eventualität auszusprechen. „Jtzel, er soll gesund und stark sein, Hat uns vor einiger Zeit geschrieben, daß er gerichtlich alles geregelt habe, damit sein Vermögen, wenn er über jjuttbert Jahre^die Auge zutun sollte, seinen fünf Ge- „Wenn's so ist", sagte Chaja, „liegt die Sache nicht schlimm. Ich will mir's einmal ruhig überlegen, vielht findet fich doch ein Weg. Ich selbst habe nicht so; Geld liegen und meinen Mann kann ich auch nicht darum Sitten, denn er ist mit Zedoko und Gemtllus Chesed wirklich weit über unsere Verhältnisse in Anspruch genommen. Wenn da zu helfen ist, muß es auf einem anderen Wege gehen) wir wollen einmal sehen." Dina sprang bei diesen Worten auf und rief abwehrend: „Aber Chaja, das ist gegen unsere Abmachung. Ich habe Dir das alles doch nur gesagt, um mir die Last zu erleichtern, aber nicht damit Du sie aufnehmen und nnn tragen solltest. Bet unseren gegenwärtigen Verhältnissen haben mein Mann und ich auch nicht einen Augenblick daran gedacht, den Schidduch ernst zu nehmen, so sehr uns auch das Herz daran hängt) mache Dir deshalb keine unnötige Sorge, sonst müßte es Mir leid sein, Dich ins Vertrauen gezogen zu haben." Mit diesen Worten stand Dina auf, um sich zu verabschieden Mit der Versicherung, daß es ihr jetzt doch um vieles leichter sei, verließ sie die treue Freundin und eilte nach Hause. Als Chaja Mirels allein war, glitt ein feines Lächeln über ihre Züge) sie hatte ohne Zweifel einen Plan, aber er schien noch nicht ganz reif. „Auf Jtzels Jeruscho (Erbschaft) möchte ich keine zehn Kopeken hingeben, aber Dina glaubt daran und das ist gut", sagte sie leise für fich hin. Sie ging in das anstoßende Schlafzimmer und nahm aus einer Schieblade ihres Waschtisches « ine kleine Schachtel von Pappe heraus, darin funkelten zwei große feuttge Edelsteine in zwei goldenen Ohrringen. Sie betrachtete den kostbaren Schmuck einige Sekunden mit kindlicher Freude und steckte die Schachtel in die Tasche. — Den ganzen Abend war Chaja so heiter und fast übersprudelnd fröhlich, daß ihr Mann meinte, es müsse ihr heute etwas besonders angenehmes begegnet sein. „Ich bin unseren Holzdieben auf die Spur gekommen", erwiderte die kluge Philanthropin, „aber ich werde sie sticht mit Pulver, sondern mit Steinen fange») doch fürs erste muß alles geheim bleiben." Als am anderen Morgen Frau Dina Ullreich aus den Markt gehen wollte, rief ihr Chaje Mirels vom Fenster aus zu, sie möge einen Augenblick zu ihr heraufkommen. „Ich habe eine gute Idee, die Dir und mir helfen kann. Du kennst doch meine Ohrringe, die ich jeden Jomtof anziehe) sie find <kirr Brautgeschenk, das ich tum l?-Jahre zu gutem habe. Die Ohrringe haben zweihundert und zwanzig Rubel gekostet, und waren für diesen Preis sehr billig. Die Steine behalten ewig ihren Wert, ich glaube, daß jeder Juwelier für sie allein gern hundert und siebzig Rubel zahlt. Was ich an den Ohrringen auszusetzen habe, ist daß mir die Fassung zu altmodisch ist. Wenn ick schon einen so teueren Schmuck trage, so möchte ich, daß er wenigstens der Mode entspricht. Nun mache ich Dir folgenden Vorschlag. Du nimmst die Ohrringe und Du ober Dein Mann bringt sie nach Warschau zum Juwelier 'Goldberger. Die Adresse ist auf der Innenseite des Schachteldeckels genau angegeben. Dafür erhälst Du jedenfalls die nötigen hundert und fünfzig Rubel und noch mehr. Wenn Du in der Lage bist von Amerika oder wo sonst her mir den Betrag zurückzugeben, so kaufe ich mir ein paar moderne Ohrringe für das Geld." Dina wollte der Freundin ins Wort fallen, aber dieselbe fuhr fort: „Einen Augenblick noch) ich bin noch nickt ganz zu Ende. Da aber möglicherweise noch ein paar Jayre hingehen können, bis Du mir zurück zahlen kannst, so lasse in Warschau von dem Juwelier ähnlich geschliffene einfache Gläser statt der herausgenommenen echten Steine setzen. Dafür, daß ich dann einen modernen Schmuck bekomme, darf ich auch ein paar Jährchen Glas statt Edelsteine an den Ohren hängen haben, außer uns beiden erfährt es ja niemand. Jetzt komm rasch mit mir ins Schlafzimmer ich zeige Dir wo der Schmuck steht, Du sollst ihn selber nehmen und ihn zu Dir stecken, damit ich nöttgenfalls ohne eine Unwahrhett zu sagen, angeben kann, die Ohrringe seien von hier weggenommen worden " y