Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 103 (30.12.1901)
- Date
- 1901-12-30
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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2300 breiten Gestalten mit den unbeholfenen, ausgemergelten, ausgehungerten Zwergen des östlichen Ghettos! Den reichen Leuten brauchen wir keine Rathschläge zu geben. Einmal sind sie so wenig Juden, daß sie kaum mehr in den Fall kommen, von uns Rathschläge zu holen, dann sind sie ja alle leidenschastliche Jäger und hervorragende Pfleger jedes Sportes- Den Juden, die einen Pfennig und eine Stunde übrig haben, brauchen wir nur zu empfehlen, fleißig zu turnen. Die Anregungen, die gegeben worden sind, um ein Muskeljudcntum zu schaffen, werden sich zweifellos immer mehr verwirklichen. Es gibt jetzt schon 13 Nationalturnvereine. Wir sollten dahin streben, daß jeder zionistische Verein eine Turnabteilung entwickelt. Für die große Masse, an die wir in erster Reihe denken, ist das Alles belanglos; diese Masse kann ihren Lebensunterhalt kaum erringen und sie hat für Turnen weder Zeit noch Geld übrig. Wollen wir hier Rathschläge ertheilen, so dürfen sie nichts kosten, aber auch nicht einen Heller; und da finde ich bei angestrengtestem Nachdenken nur 2 Reformen, die mir nützlich und dringlich erscheinen und die ohne Geld ausführbar sind: Das jüdische Volk muß sich die allzufrühe Eheschließung und die allzusrühe Einschulung der Kinder abgewö nen. Die Verheirathung halbwüchsiger Jünglinge und Mädchen, die wirthschaftlich nicht selbstständig sind, ist ein Krebsschaden an unserem Volks-, leben. Sie ist. daran schuld, daß das jüdische Weib vor der Zeit leidet und welkt und daß die jüdischen Familien unter dem zu frühen und reichlichen Kindersegen nothleiden, und der jüdische Jüngling den Ernst und die Sittlichkeit des Ehebundes nicht erfaßt und Weib und Kind verläßt, wenn sie ihm unbequem werden. Wir sollten sie dazu bestimmen, die Herrath um 8 Jahre hinauszuschieben. Ebenso schließt die allzusrühe Einschulung ~ der Knaben eine große Gefahr in sich. Sie verhindert die körperliche Ausbildung und legt den Keim zu späterer Geisteswelkung in ihre Seele. Der Unterricht sollte vor dem sechsten Jahre nicht beginnen; durch den späteren Unterricht wird das jüdische Kind nicht verlieren, sondern gewinnen. Damit sind meine Ausführungen über die körperliche Hebung zu Ende und ich wende mich dem Problem der wirthschaftlichen Hebung zu. Durchgreifend ist dem jüdischen Volke nicht zu helfen, solange seine große Mehrheit rechtlos, verfolgt, gehaßt und bestenfalls von lebhafter Abneigung umgeben ist. DaS Allheilmittel wäre eigener Boden unter den Füßen des jüdischen Volkes (Großer Beifall). Was wir bis zur Erreichung dieses Zieles ihun können, das wird nothwendig Stückwerk bsiiben. Wir können das Nebel nicht an der Wurzel fassen, sondern höchstens einige Symptome bessern, vielleicht auch nur verschleiern. Das jüdische Volk ist bettelarm und muß es bleiben: Erstens, weil es sich Beschäftigungen hingibt, von denen mit mathematischer Bestimmtheit nachzuweisen ist, daß sie schlechterdings nichts eintragen können, zweitens, weil es eine anarchische Jndividualwirthschast statt einer Volksökonomie betreibt und jeder einzelne Jude seine ganze Kraft in rücksichtslosem Wettbewerb mit seinen Nachbarn vergeudet; drittens, weil die blutwenigen vorhandenen Mittel thatsächlich zum Fenster hinausgeworfen werden. Sind die Ursachen erkannt, so sind sie auch theilweise zu unterdrücken. Der Haupttheil gibt sich unfruchtbaren Beschäftigungen hin, er leitet Läden ohne Maaren, an Orlen m leine Kunden sind, sondern wo es nur andere Händler und leere Läden gibt. Die Händler und die Makler müssen zum Handwerk hingesührt werden; das ist unmöglich gemacht; jeden Tag wandern Hunderte von Talmudisten und brotlosen Händlern aus, die nie mit ihren zehn Fingern gearbeitet haben, nach London und New-Pork und lernen in wenig Tagen die Schneiderei und Schusterei das können sie auch in Lodi und Bialistock lernen; und der gelernte Schuster und Schneider steht wirthschastlich turmhoch über den Händlern ohne Maaren und Kunden und über den Luftmenschen. Aber es gibt jetzt schon zu viele Handwerker und sie sterben Hungers, weil an Ort und Stelle für so viele Handwerker kein Bedarf ist und weil die Einzelnen die wenigen vorhandeneil Bissen Brot einander in mörderischem Wettbewerb abzutreiben suchen. Dem kann abgeholfen werden, wenn sie sich vereinigen, statt sich zu bekämpfen; sie müssen die Arbeitsanarchie aufgeben und sich organisiren. Unsere Brüder im Osten haben nicht die Freiheit der Bewegung; sie müssen bleiben, wo sie sind. Das macht es zu den ursprünglichen Geboten der Vernunft, sich überall, in allen Orten, zu geschlossenen Produktionsgenossenschaften zu vereinigen, in den Handwerken, deren Erzeugnisse verwendet werden. Es sollen nur soviele Arbeiter beschäftigt werden, für die Bedarf vorhanden ist. Ganz ohne Geld können auch solche Genossenschaften nicht gegründet werden; das wenige Geld, das dazu nöthig ist, ist aber vorhanden und wild thöricht und ruchlos zum Fenster hinausgeworfen. Hunderttausende wandern jährlich nach dem Westen aus, unter welchen Entbehrungen auch immer: die Reisen kosten immer Geld. Die wandernden Juden verreisen jährlich Millionen, welche gar keinen Nutzen abwerfen. Man sagt, es sei der Preis, mit dem die Flüchtigen sich die Freiheit erkaufen. Ach die Freiheit! In den schwitzen den Räumen von London und Newyork hat er mcht mehr Freiheit als in Rnßland und Rumänien. Er lerne dort das Handwerk; er mache dort die Kleider, Schuhe und schicke die Maare auf den Welt-