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Der Israelit · 1901-12-30 · Heft 103 (30.12.1901) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 103 (30.12.1901)
Date
1901-12-30
Page
– (sequence 27)
Language
German
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3397 eifer, sondern die erschreckend unvollkommene sachliche Ausbildung. Wie soll er unter den gegebenen Verhältnissen ein tüchtiger Handwerker werden, da es keine eigene industrielle Tradition gibt. Im Ghetto wurden nur die ursprünglichsten und einfachsten Handwerke getrieben. Selbst als die Gewerbefreiheit gegeben wurde, wurden jüdische Lehrlinge kaum von christlichen Meistern ausgenommen. Wie sollte der Jude etwas Tüchtiges werden? Wie sollte er den Anschluß finden an die technische Ueberlieferung, die der Niederschlag von einer zwei Jahrtausende alten Geschicklichkeit, des Fleißes, der Arbeitsliebe, des Berufsstolzes der Handwerkerkreise aller Länder ist. Der jüdische Handwerker, soweit seine Arbeit nicht eine solche ist, die er nicht zn lernen hat, ist ein Autodidakt, und ein solcher muß beinahe in seinem Fache ein Genie sein, um im Wettbewerb von regelrecht geschulten Fachmännern nicht geschlagen zu werden. Was sie als Goldschmiede, Juweliere, Kunstschlosser und Präzisionsmechaniker Hervorragendes geleistet haben, grenzt an's Wunderbare. Die wenigen Fächer, in denen er eine Ausbildung erfahren hat. lverden von ihnen sofort monopolisirt, wie die Diamantschleiserei in Holland u. s. w. Das ist die Endursache, daß sich bte ungeheure Mehrheit der jüdischen Handwerker aus die Schneiderei und Schusterei wirft, die keine Köperkraft und keine Geschicklichkeit erfordert und bei der deßhalb auch schlecht bezahlt wird, da sie nichts von jener höheren Hirnthätigkeit voraussetzt. Am schwärzesten ist das Bild, das der Jude in den freien Berufen darbietet. In jeden; zivilisirten Volk der Welt ist die Einsicht verbreitet, daß zum Studium vor Allem Geld gehört und daß es deßhalb ein Privileg der Besitzenden ist. Ausnahmsweise wird auch ein armer Junge zugelassen, wenn er durch hervorragende Fähigkeiten bei den maßgebenden Personen die 11 eberzeugring weckt, daß er zur höheren Geistesbildung ungewöhnlich befähigt ist. Für diese Fälle bestehen Stipendien aus öffentlichen und privaten Mitteln, so daß der vermögenslose Student von Sorgen frei ist und leben und arbeiten kann, wie wenn er von Haus aus Vermögen besäße. Bei den Juden allein herrscht der Wahn, daß man studieren könne, ohne Geld zu haben; bei den Juden beobachtet man allein diese Erscheinung, einen tollen Andrang zn Mittel- und Hochschulen von einer Jugend, die sich einbildet, sie könne mit dem Kopse arbeiten, ohne den Magen zu füllen, ohne daß sie etwas haben, ihre Blöße zu bedecken, sie könne Wissen erwerben, ohne den unerläßlichen Preis an Geld und Gut zu bezahlen. Wir haben den traurigen Vorzug, wie den Typus der Luftmenschen, so auch den der Bettelst u d e n t e n hervorgebracht zu haben. (Lanaanhaltender Beifall.) Ganz ausnahmsweise kommt er auch bei anderen Völkern vor; aber im Ganzen ist der Bettel - student eine spezifisch jüdische Erscheinung. Wie das Studium des Bettelstudenten beschaffen sein kann, ist nicht schwer zu crrathen. Die staatlichen und körperschaftlichen Stipendien fallen ihm kaum zu; die Zahl der jüdischen Gemeinde- und Privatstiftungen, die rhn unterstützen würden, ist sehr gering und es ist nicht übertrieben, wenn man annimmt, daß auf ein Stipendium 50 Beiverber kommen. Der Bettelstudent sucht daher zn erwerben; er jagt in wilder Gier Unterrichtsstunden nach, die ihm erbärmlich bezahlt werden, und ihm seine schönsten Charaktereigenschaften und seine Geistesbildsamkeit, die ihm nicht nur seine Kraft kosten, sondern auch seinen Stolz knicken, das Selbstgefühl und dir Würde nehmen. Oder er wird ein Stümper im Journalismus, der übersetzt, kopiert und oft noch viel niedrigere Arbeiten verrichtet. Das Studium sinkt zur Nebenbeschäftigung herab; der Bettelstudent hat nur verlorene Augenblicke dafür übrig und bringt statt der erforderlichen Sammlung und Frische, einen ermüdeten und zerstreuten Geist mit. Das Examen wird für ihn ein erschreckendes Wagniß, an das er nur bebend herantritt; er weiß, daß er nicht vorbereitet ist, er weiß, daß er keine ehrliche Berechtigung hat; aber wie der Luftmensch auf ein tägliches Wunder für seine Ernährung hofft, so hofft der Bettelstudent auf ein Wunder für seine Prüfung. Und wenn er sie besteht, so sagt ihm sein Gewisien, daß er unverdient Glück gehabt hat. (Heiterkeit.) So lebt er, schlecht genährt, schlecht gekleidet, mit arbeitsmüdem Aussehen, ohne Schulung, ohne Geistesfreiheit, ohne jenen Hauch von Vornehmheit, den die Wisienschaft sonst um ihre Jünger breitet; die glücklichen Kommilitonen, die für die Tragik seiner hohlen Wangen keine Empfindung haben, verachten den Bettelstudenten; die Lehrer empfinden tiefe Abneigung gegen den Schüler, den sie für unfähig und faul halten, obwohl er Unmenschliches leistet, und sie gelangen zu einem verallgemeinernden Antisemitismus, vor dem sich selbst ein so freier Geist, wie Billroth, nicht zu hüten vermochte. Während des Studiums ist er ein Proletarier, im Examen ist er oft ein Schwindler, mit dem Divlom wird er erst recht wieder zum Luftmenschen. So entsteht bei uns das Grauenhafte, Paradoxe, daß das Studium, das bei anderen Völkern adelt, bei uns nicht erhöht, sondern noch erniedrigt. Der arme Jude, der sich zum Studium erhebt, proletarisirt jeden gelehrten Beruf, in den er einigermaßen zahlreich eindringt. Er ist minverwerthig und seine Armuth zwingt ihn, feine Leistungen niedriger zu bewerkhen. Daß hier nicht ein Mangel an Fähigkeit, an Ernst und Pflichtgefühl, sondern nur Mangel an Betriebskapital vorliegt, beweist die Minderheit jener jüdischen Studenten, die aus dem wohlhabenden Mittelstand hervorgehen und die wirklich studieren können. Aus diesen Wenigen gehen Geisteslichter erster Größe in unverhälinißmäßig zahlreicher Menge hervor. Es wird oft als Beweis für den starten Bildungsdrang der Juden angeführt, daß sie in den Mittel- und Hochschulen prozentual ungleich stärker vertreten sind, als in der Bevölkerung. Ich glaube, daß man uns da einmal ausnahmsweise schmeichelt. Die jüdischen Stu direnden sind so zahlreich nicht aus Bildungsdrang, sondern aus Verzweiflung. Der Gedankengang, auf

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