Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 103 (30.12.1901)
- Date
- 1901-12-30
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449243--55022-2505661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2296 eine wohlentwickelte Statistik, machen aber keinen Unterschied zwischen den Juden und Nichtjuden. In Oesterreich-Ungarn, Rumänien und Rußland wird der Unterschied gemacht, aber die Statistik ist noch sehr unvollständig. Es stehen uns in diesen Ländern, den wichtigsten für das jüdische Volk, nur wenige Arbeiten individueller, nicht verantwortlicher Schriftsteller zur Verfügung, die nur kleine Theile des zu bearbeitenden Gebietes umfassen und von denen wir nicht wissen, ob und wie weit sie zuverlässig sind. In diesem wichtigsten Punkt der positiven Kenntnisse über unser Bott und seine wirklichen Verhältnisse sind wir schlecht oder gar nicht vorbereitet. Wir sollen mit unanfechtbaren, eisernen Zahlen wirthschasteu und wir haben alle nur verschwommene Empfindungen. Wir fordern von Spezialforschern Auskünfte und erhalten Stimmungen, wir sehen uns nach Demographie um und entdecken Littera tur und Kunst. Ich selber leide hart darunter und auch mir ist es unmöglich, Anderes zu bieten, als subjektive Eindrücke, wie man sie aus dem täglichen Leben, aus Gesprächen und aus Büchern gewinnt, wenn man nicht in der Lage ist, die Thatsachen durch gehörige Zahlen scharf und nüchtern zu bestimmen. Soll ich diese Eindrücke näher zusammenfassen, so mutz ich sagen, daß das jüdische Volk in seiner Gesammtheit das unvergleichlich ärmste unter allen Völkern der Erde ist. Ich stelle diese Behauptung ohne Bedingung oder Einschränkung hin. Es gibt kein Volk, das absolut weniger besitzt, als wir; die tiefstehenden Wilden sind, absolut genommen, reicher, selbst die Feuerländer dürfen ihre Feuer anzünden und fischen, wo es ihnen beliebt. Das jüdische Volk hat nicht das Recht, seine Kräfte uneingeschränkt zu gebrauchen, um ferne ursprünglichstcn Bedürfnisse zu befriedigen. (Großer Beifall.) Und während es wirtschaftlich schlechter gestellt ist, als die armen Wilden, hat es alle Bedürfnisse gesitteter Menschen, vermehrt durch einige kostspielige Bedürfnisse religiöser Natur; daher ist es relativ noch weit ärmer, als der ärmste Stand der Wilden. Wer ein menschlich fühlendes Herz hat, dem mutz es sich zusammenkrampsen, wenn es die wirthschaftliche Lage in ihrer Gesammtheit betrachtet. Speziell im Osten, wo die Hauptmasse sich befindet, ist das jüdische Voll ein Volk von Berufslosen. Wir haben im letzten Menschenalter verzweifelte Anstrengungen gesehen, hierin Besserung herbeizuführen. Wir haben zahlreiche Handwerker und Taglöhner, aber der wirthschastliche Typus, der noch am häufigsten ist, ist der der L u f t m e n s ch e n, jene spezrfisch jüdische Erscheinung von erwachsenen, leiblich gesunden Menschen, die jeden Morgen beim Erwachen auf einen fabelhaften Glücksfall rechnen, uw. sich durch einen Ta^ durchzufristen und die es Abends gläubig oder abergläubig als ein Wunder anstaunen, wenn sie tagsüber für sich und ihre Familie einen Bissen Vrod gefunden haben. (Großer Beifall.) Ich muß darauf bestehen, den .Luftmenschen einen spezifisch jüdischen Typus zu nennen. Die englische Großstadt kennt den Müßiggänger, der sich an den Straßenecken herumireibt und auf einen Zufall hofft, um einen redlichen oder unredlichen Penny zu erwerben. Aber von diesen zweifelhaften Gestalten, die am Rande des normalen Wirtschaftslebens zwischen dem Verbrecherthuine und dem Berufsbettlerthum schwanken, unterscheidet sich der Luftmensch dadurch, daß er durchaus ehrlich, rechtschaffen, arbeitsfähig und -willig ist, jedoch künstlich von jeder einigermaßen ergiebigen Arbeit ausgeschlossen ist. Viele Luftmenschen geben zw sammen ein „L u f t v o l k." In der That, das jüdische Volk ist ein Lustvolk, — buchstäblich; denn es hat keinen Fußbreit eigenen Bodens und hängt in der Luft, bildlich, denn es hat keinen wirtschaftlichen Boden unter seinen Füßen und lebt wie der einzelne Luftmensch, von Tag zu Tag von Wundern und fabelhasten Zufällen, nicht von regelrechtem sicheren Erwerb. Man nennt das Judenthum ein Volk von Handelsleuten, wie scheinbar sich dies auch bei oberflächlicher Betrachtung ergibt. Wir sind es aber nicht, weil unser Volk am nothwendigen Großhandel nur einen sehr kleinen Antheil hat. Es liefert hauptsächlich überflüssige kleine Händler; es gibt in Rußland Judenstädte und -Städtchen, wo jeder Jude seinem Nachbar etwas feilbietet und ihm dieser diesen Liebesdienst vergilt dadurch, daß er Waare bei ihm bezieht, sodatz es praktisch darauf hinausläuft, daß jeder Laden einen einzigen Kunden hat — den Besitzer. (Heiterkeit.) Auch wo die Verhältnisse ein wenig günstiger liegen, so sind sie doch überaus schwierig; denn der jüdische Handelsmann beginnt ohne Vermögen, und arbeitet mit dem Kredit, den man ihm gewährt, weil man seine Grundehrlichkeit, seine Rührigkeit, seinen Fleiß, seine Genügsamkeit kennt. Bei den periodisch wiederkehrenden Krisen wird dieser Kredit eingeschränkt oder entzogen und dann bricht er zusammen unb nach oft vieljähriger, harter Arbeit ist er nicht nur so arm, wie bei seinen Anfängen gewesen, sondern er ist überdies noch mit einem Makel an seiner Kaufmannsehre behaftet. Die kaufmännische Unfallstatistik lehrt die verhäktnißmäßige Häufigkeit der Zahlungseinstellungen und Ausgleich bei den Juden. Unsere Feinde führen das als Beweis ihrer Unredlichkeit an, unsere Verthei diger weisen darauf hin, daß die Juden, wenn sie bei den Konkursen einen breiten Platz einnehmen, auch in dem kaufmännischen Berufe stärker vertreten sind, daß sie ihren Gläubigern höhere Dividenden zahlen. Sie sollten aber vor allem darauf Hinweisen, daß die Juden ohne Kapital anfangen und gegen Kreditentziehungen empfindlicher sind als nichtjüdische Kaufleute, die in der Regel mit einigen Mitteln ausgerüstet sind, wenn sie selbstständige Geschäfte anfangen. Unsere Handwerksleute sind das andere Grundübel. Sie bleiben in ihrem Gewerbe nicht nur hinter den hohen, sondern auch hinter den Durchschnittsleistungen zurück. Die Schuld daran trägt weder die mangelnde Befähigung, noch der ungenügende Arbeits-