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Der Israelit · 1901-12-30 · Heft 103 (30.12.1901) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 103 (30.12.1901)
Date
1901-12-30
Page
– (sequence 25)
Language
German
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4L. Jahrgang. Dritte Aeikage zu M103 des „Israelit". rtiiiiilff AsHtiikWlttz in'Jdifl. (Fortsetzung.) Rede des Herrn Dr. Max Nordau »ehalten Freitag, den 27. Dez., Vormittags 10'/». Hochverehrte Versammlung! Wissen macht stark, es macht manchmal auch schwach; denn es entmuthigt. Wer weiß, ob unsere Vorfahren mit ihrer zähen Treue an ihrem Glauben und ihren Volksüberlieferungen sestgehalten hätten, wenn sie die Lage hätten übersehen tonnen. Sie hatten aber zum Glück keinen weiteren Ausblick. Hinter sich sahen sie ihre große Vergangenheit, die sie tröstete und ausrichtete; um sich sahen sie nur einen kleinen Theil des jüdischen Elends, das sie nicht allzusehr erschreckte, vor sich die glänzende Zukunst der Verheißung, die ihnen die .straft der Zuversicht lieh. Hätten sie sich über den Zustand des ganzen Volkes Rechenschaft gegeben, ihr Vertrauen in die Zukunft hätte vielleicht nicht Stand gehalten und mit der Hoffnung auf die schließliche, wenn auch fernliegende Rettung hätten sie auch die Bereitwilligkeit zur Fortsetzung des Ghettos verloren. Wir können uns nicht mehr in diese wohlkhätige Unwissenheit einfpannen. Wir haben es unternommen, das jüdische Volk für neue Geschicke vorzubereiten, wir müssen daher eine genaue Anschauung der wirklichen Verhältnisse aewinnen; auf die Gefahr hin, daß die Wahrheit - bis zur Lähmung erschrecke. Eine strenge, st a t i st i s ch e Durchforschung des jüdischen Voltes ist die allererste Nothwendigkeit für die zionistische Bewegung; erst üe wird dieser Bewegung die festen Grundlagen geben und aus der Sphäre der Gefühle in die nüchterne, peaktische, ausbauende Arbeit hinüberleiten. Di- Heuck und Schwätzer, die von der Mission der Juden untden Völkern faseln, brauchen sich nicht um die jüdische Statistik zu kümmern; sie wissen genug, .wenn sie ivissen, loie viel Gehalt sie beziehen und wie viel reiche Leute sie noch in der Gemeinde haben, (Lachen und Beifall.) Wir müssen mehr wissen; wir müssen erfahren, loie das Volksmaterial beschaffen ist, womit wir zu arbeiten haben, wir brauchen eine genaue.anthropologische, biologische, ökonomische und intellektuelle Statistik des jüdischen Volkes. Wir müssen die zahlenmäßige Antwort auf die Fragen haben: Wie ist das jüdische Volk körperlich beschaffen, wie groß ist es durchschnittlich, welches sind seine anatomischen Eigenthümlichkeiten, welches seine Sterblichkeit; wie viele Krankhritstage Hai der Jude im Durchschnitt, welches ist seine Lebensdauer, an welchen Krankheiten stirbt er, welches ist seine Ebeschließungsziffer, welches ist seine Kinderzahl; wie viel Verbrecher. Irrsinnige, Krüppel. Blinde. Taubstumme, Epileptische gibt es unter ihnen? Hat er seine eigen thümliche Kriminalität und welcher Art ist sie; wie viele sind Stadt-, wie viele Landbewohner; welchen Beschäftigungen geht er nach, wie arbeitet, wie erwirbt, was besitzt er? Was lernt das jüdische Volk, was weiß es, wie lebt es, wie ißt und trinkt es? Wie kleidet es sich, wie viel Einkommen hat es, was gibt es für Ernährung, Bekleidung, Wohnung, was für geistige Bedürfnisse aus? Das Alles muß man wissen, wenn man das jüdische Volk wirklich kennen will. So lange man das nicht weiß, ist alles, was man thun will, ein Tappen im Dunkeln. Alles, was man sagt, im besten Falle Lyrik, schlimmsten Falles leeres Geschwätz. (Bravo!) Es gibt selbst unter den gesitteten Völkern kaum solche, die über sich selbst in der vollkommenen Weise Bescheid wissen, wie ich es für das jüdische Volk wünsche; aber die Völker, die normaler Weise auf ihrer Stelle sitzen und sich leben lassen können, ohne sich über theoretische Voraussetzungen Gedanken machen zu müssen, können der hellsten statistischen Beleuchtung eher entbehren, als wir, die wir von Grund aus einen neuen Volksbau errichten sollen. Jene Gebäude, die schon Jahrtausende getrotzt haben, bestehen immerhin weiter, ob man den Grundaufriß und das Baumaterial kennt oder nicht. Will man aber ein neues Gebäude aufführen, so ist die Prüfung des Bauplanes und der Festigkeit des Materials unerläßlich. Zur Erfüllung dieser Forderungen ist beinahe noch nichts geschehen. Ein Vorwurf ist deßwegen Niemand zu machen. Selbst in vollkommen ausgerüsteten Staaken, die Geld zur Statistik und eine kräftige, überall gehorsame, zur Verfügung stehende Verwaltung haben, ist die Durchführung einer aus der Höhe der Wissenschaft stehenden, allseiligen Statistik ein langwieriges, schwieriges und kostspieliges Werk. Uns steht solch ein vorzügliches Werkzeug nichi zur Verfügung; wir sind auf den guten Willen und großenteils auf Dilettanten angewiesen, und die mühevolle Arbeit würde mehr Geld kosten, als wir haben, und wir haben weniger Geld, als die amtlichen Staatsgewalten. Daß jüdische Millionäre Opfer bringen, darauf haben wir nicht zu rechnen. Die Besten interessiren sich allenfalls für die jüdische Vergangenheit und stiften günstigsten Falls ein Museum für jüdisches Alterthum und jüdische Kunstalterthümer, aber bis zur wissenschaftlichen Erfassung der lebendigen Gegenwart reicht ihr Interesse nicht. So außerordentltch schwierig die Aufgabe ist, das jüdische Volk statistisch festzulegen, der Zionismus wird sich ihr nicht entziehen dürfen. In Deutschland ist es uns einigermaßen möglich — und wir können bei der Reichsstatistik hospitireu, um an ihrer Methode zu lernen — den die Juden betreffenden Theil mit Dank zu benutzen. England, Frankreich, Nordamerika, Italien, Belgien, Holland. Skandinavien und die Schweiz besitzen zwar

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