Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 103 (30.12.1901)
- Date
- 1901-12-30
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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3293 Diese Verhältnisse sind traurig, aber mit Jammern allein lammt man nickt vom Fleck. Wenn mir uns fähig zeigen, zur That sortzuschreiten, so kann uns die Mitwirinng vieler rechtschaffener Menschen nicht fehlen. Anzeichen dafür sind in Fülle vorhanden. Es muß sich ja auch jedem Unbefangenen die Erkenntniß aufdrängen, daß wir eine endgiltige Lösung Vorschlägen. Heute ist das jüdische Proletariat nicht nur das ärmste und unglücklichste, sondern auch das unruhigste und am meisten beunruhigende. Haufenweise ist es fortwährend aus der Wanderung begriffen, aus einem Elend in das andere, und wie groß muß das bisherige Elend sein, wenn sie sich den Verzweiflungen einer solchen Wanderung ausseßen, um ein neues Elend aufzusuchen. Dieses Proletariat seßhaft und arbeitssam zu machen, wäre schon an und für sich eine hohe Aufgabe, abgesehen von jeder nationalen oder religiösen Hinsicht. Sie nüst'en, daß an dieser Ausgabe sich auch schon Andere vor uns versucht haben, mit gutem Willen, auch mit großen materiellen Mitteln. Sie wissen aber ebenso, daß die Versuche sehlgeschlagen sind. Warum? Weil Jene van einem unrichtigen Prinzipe ausgingen. Sie meinten.- Im Anfang sei das Geld. Nein! Im Anfang ist die Idee. Für Geld bekommt man Miethlinge, ein Volk läßt sich so nicht ausrafsen. Dies kann nur eine Idee zuivege bringen. Sie hat es zuwege gebracht. In unserer Kritik der früheren Versuche müssen wir uns aber vor Hockmuth hüten. Thatsächlich stehen >vir zu den früheren Zionisten nur in dem Verhältnis; van Leuten, die moderne Verbesserungen an einer unbrauchbaren, alten Maschine anbringen. Ehrwürdig ist die alte Maschine, doch — sie gehört in's Museum. Wir lvürden unseren Gegensatz nun schon aus Pietät für die Vorläufer und Gesinnungsverwandten nicht so scharf betonen, wenn die ungenügenden Ergebnisse jener Versuche, nicht als Argument gegen uns geführt würden. Die wohlthätige Kolonisation ist gescheitert, die nationale wird gelingen. Wenn man uns aber fragt, was wir mit den Ansiedlern anfangen »vollen, so sind wir nicht in Verlegenheit. Wir wollen sie zu Bodenständigen, zu richtigen Landsassen machen. Sie sollen auf der Scholle, von der Scholle leben, nicht besorgt als kraftlose Händler nach dem Marktpreise auslugen. Den Markt sollen sie nur mit den Erzeugnissen aufsuchen, die sie über den Eigenbedarf hinaus haben. Jede Ansiedlung soll sich nach den Grundsätzen, die uns Erfahrung und Wissenschaft heute schon an die Hand geben, als landwirthschaftliche Produktivgesellschaft selbst verwalten. An diese Grundsätze werden wir anlnüpfen müssen, wenn wir mit Gottes Hilfe die öffentlick rechtlichen Sicherheiten unseres Programmes erlangen. So lassen sich die Grundlagen bereiten für die dauernde Ruhe, nach der sich das viel umhergehetzte Volk der Juden mit solcher Inbrunst sehnt. Was sich auf diesem breiten, festen Unterbau einer arbeitenden landwirthschaftlichen Bevölkerung erheben tvird, welches moderne und wohnliche Gebäude, dies rvird vom Volke selbst abhängen, nachdem wir ihm die Selbstbestimmung seiner Geschicke verschafft haben werden. Für alle Kräfte des Judenthums gibt es dort Verwendung, für die ungelernten wie für die höchstgebildeten. Nicht mehr wird es nöthig sein, Judenkinder vom Schulbesuche auszuschließen, wie es an manchen Orten heute geschieht. Und es sei als ein Zug erwähnt, der den Juden vielleicht nicht zur Unehre gereicht, daß sie die Beschränkung des öffentlichen Unterrichts als die größte der jetzigen Grausamkeiten empfinden. Von anderen Bedrückungen wollen wir gar nicht sprechen, weil unser Kongreß nicht zu einer neuen Klagemauer werden soll. Nicht klagen, sondern schaffen müssen wir, müssen wir umsomehr, als die bisherigen Vertreter der jüdischen Interessen sich unfähig aereiot haben, etwas zu leisten. Bettelgabcn schenken, heißt nicht helfen. Die Almosen sind nur das Band, welches die arbeitsscheuen Reichen mit den arbeitsscheuen Armen verbindet. Diese beiden .Kategorien stellen aber nicht das ganze jüdische Volk vor. •* fj In den letzten Jahren ist freilich noch eine Art von sog. Hilfe hinzugekommen- Die Verschiffung der Entwurzelten von Europa nach der neuen Welt. Mit anderen Worten: Die Entdeckung von Amerika. Leider kam diese Entdeckung etwas zu spät. Amerika will von armen Einwanderern nichts mehr wissen, ebensowenig wie England. Auch in Amerika gibt es bereits ein großes jüdisches Elend. Auch in Amerika hat sich die Erkenntniß durchdrungen, daß die von uns vorgeschlagene Lösung die richtige ist. Beweis dafür die wachsende Anzahl der zionistischen Vereine, die sich in langer Keile vom Norden Nordamerikas bis nach dem Süden Südamerikas, von Kanada bis Argentinien zieht. Rur in gewissen jüdischen Kreisen Westeuropas will man Alles eher einsehen, als die Wahrheit: daß wir Recht haben. Von unseren Gegnern wird behauptet, es gebe unübersteigbare politische Hindernisse, aber das läßt sich auch vom kleinsten Hindernisse sagen, wenn man keine Lust hat, es zu übersteigen. In den letzten fünf Jahren konnten wir, die wir alle Zeichen ruhigen Blickes betrachteten, nicht bemerken, daß wir die Völker und Regierungen gegen »ins hatten. Im Gegentheil, wenn da und dort freundlichere Töne für die Juden laut wurden, so ist das dem Zionismus zu verdanken. Und auf der anderen Seite müssen auch Regierungen und Völker dem Zionismus dafür Dank wissen, daß er als ein Löser und Versöhner den Ausweg zeigt, den Ausweg, auf dem man mit der Jndenfrage ohne Barbarei, ohne inittelallerliche Grausamkeiten, vielmehr in hohem Frieden fertig wird. Zunächst aber müssen wir natürlich fragen, wie man in der Türkei, wie der souveräne Herrscher über uns denkt. Ich hatte im Mai dieses Jahres die Ehre,! von Seiner Majestät, dem Sultan Abdul Hamid, in j längerer Audienz empfangen zu werden. Die Güte und! Herzlichkeit dieses Empfanges hat mich mit den besten; Hoffnungen erfüllt. Ich gewann aus den Worten und aus dem Verhalten Sr. Majestät die Ueberzeugung,