Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 103 (30.12.1901)
- Date
- 1901-12-30
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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3391 VfufFaffuitfl is! tief begründet in den sozialen Verhältnissen. Ich >vil! Ihnen ein Beispiel geben: In Gens kenne ich mehrere russisch jüdische Familien, die, so lange sie in Rußland waren, sehr fromm gewesen sind, und natürlich auch den Labbat hielten. In Gens lebten sie nnter ganz anderen dkonoinischen Verhältnissen, weil hier am Sabbat der Markt stattsindet, so lvnrden sie die Arbeit einer halben Woche verlieren, Ivenn sie nicht hingingen.' dchhalb mußten sie den Sabbat verladen.?!.') 2. Auch in der individuellen Psychologie ist die Religion bg'-ündet. Der Standpunkt, daß die Inden vor allen Welt Völkern zur Zeit, wo bei diesen die Religion noch so große Macht Hai, von dieser sich jetzt schon loszureißen suchen sollten, ist zu vertverfen. Wir können von den Juden nicht verlangen, was von allen andern Völkern noch nicht erreicht ist, ivenn es je zu erreichen ist. Ich erinnere Sie an das bekannte Wort von Taine: La religio» est. Ja ronmntisme de l'meonmi, so lange noch Räthsel in der Natur und im ganzen inenschlichen Willen ungelöst sind. Man veraißt. daß die Kulturnationen seßhaft sind. Wodurch lvird bei den Juden der nationale Gedanke getragen? Bei einigen durch Intellekt, wie aber in der Masse? Bei den andern Völkern durch die Seßhaftigkeit ans bestimmtem Boden. Jede Erinnerung, die mit dem Boden verknüpft iss, auf dem sie geboren und großgewachsen sind, ist ein Jaden des Nationalgefühls. Wir 'vollen das Nationalgesübl bei den Juden pflegen. Durch iva« lvird es getragen? nur durch die Religion. Gegen die Religion dürfen nur nichts unternehmen, so lange mir nichts besseres bieten können, so lange tvir nicht dieses Gefühl durch ein anderes zu ersehen im Stande sind. Deßhalb müssen tvir uns entschieden negativ gegenüber den Kulturzionisten verhalten. Diese Kultnrzionisteu haben ans ihrem Kongreß beschlossen, die Frage der Religion ansznschließen. Wenn sie indeß politisch klüger geworden sind, so soll es mir eine Freude sein. Nur ans eines will ich aufmerksam machen: Man tvird mir sagen »vollen, gegen die Kultur kämpfen tvir nicht, nur gegen die Dbsenranten, tvelche die Aufklärung hindern »vollen. Auf dem vierten Kongreß, in London »vurde eine Resolution vorgeschlagen, in der gesagt 'vurde: der Kongreß erklärt die Kulturarbeit als nothivendige Pflicht jedes Einzelnen, die Hebung in religiöser, geistiger und körperlicher Beziehung. Ein Redner sagte, er erkläre sich nicht einverstanden, das Wort Religion aufzunehmen; »venu man dies khun wollte, so würde ein großer Theu der Delegirten ansgeschlossen. Das Protokoll verzeichnet lebhaften Beifall nnd Klatschen. Man erklärt. Religion sei Privaisache. Wenn man aber das Wort Religion herausnehmen will, so »vird jeder Laie sagen: Wenn das Wort Religion ansgelassen »vird, so »vird dadurch der Kampf g c g e n die Religion entfesselt. Wir müssen uns momentan auf den Standpunkt stellen, daß nicht Alle religiös sein können, daß aber auch Niemand etwas gegen die Religion unternehmen darf; denn sie ist momentan, »venn man praktisch rechnen will, das beste Mittel, den Zionismus zu verbreiten. Nvch eine Gruppe des Zionismus ist zu erwähnen, die sozialistische, die an Anzahl zwar sehr gering. aber doch viel Lärm nnd Schaden anrichtet. Diese sozialistischen Zionisten verpönen die .Kolonialbank als Bvurgevisiebant. Nach ihrer Meinung sind alle die diplomatischen Verhandlungen mit der türkischen Regierung ein Zeichen der Reaktion. Sie anerkennen überhaupt nicht das Basler Programm. Wenn rnan sie fragt, was sie eigentlich »vollen, so erhält man keine genaue Antwort. Einerseits sprechen sie davon, eine neue jüdische Nation zu gründen, wie man aber nach Palästina gelangen soll, das sagen sie nicht. In ihrer Phantasie hoffen sie, es werde einst eine Zeit kommen, da alle Völker sich befreien werden, und da werden sie uns Palästina geben. Da ist aber schon ein großer Glaube nöthig. Nun müssen »vir fragen: an welche Richtung »vollen »vir uns anschließen? Nur ein Weg ist uns gegeben, daß ist der Weg des positiven Zionismus, der einzig init der Möglichkeit rechnet. Er geht konsequent vor, die Juden und das Judenthum zu retten. Es muß zuerst eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte errichtet werden. Er geht vom richtigen Standpunkt ans, um das Judenthum zu retten, das heißt, um die jüdische Kultur zu retten, die gerettet werden müsse. Er geht vom richtigen Prinzip aus, daß eine nationale Kultur nur, ivenn sie sich auf eine kompakte Majorität stützt, sich entwickeln kann und daß für eine .Kultur eine territoriale Grundlage nöthig ist. Wir müssen uns die Möglichkeit schaffen, irgendivo ein Land za bekommen, und da wir dies nicht mit Ge »valt bekommen »verden, so müssen »vir uns in Unterhandlungen einlassen mit den Mächten, die dieses Land besitzen. Zn einen» Ziele führt nur der Boden des praktischen Prinzives: do uf des Um imponiren zu können, mutten »vir eine Macht schaffen, die anderen imponiren kann. Der politische Zionismus verlangt also zuerst die Organisation des Volkes; denn ein vereinigtes Volk kann andere Bedingungen zu stellen sich erlauben: anderseits verlangt der politische Zionismus die Schaffung einer finanziellen Macht, und verneint nicht die Nvthivendigkeit einer kulturellen Arbeit, aber er anerkennt diese nur als Pattiativmittel. Er versteht sehr gut, daß im Golus keine indische Nationalkultur geschaffen werden kann, sondern daß zuerst die brennendsten Wunden geheilt »verden müssen. Die Kulturzionisten schreien: „Wir wollen Muskeljüngkinge schaffen." Nein — rnan kann dem jüdischen Volke nicht mit Turnvereinen kommen, »venn es selber in der größten physischen Noth schwebt. In Wilna wohnen in Räumen von 0-12 Quadre.tmet. 12 Familien mit 60 Seelen, die »vochenlang nur von Brod und Wasser leben. Ich muß dies als Arzt lächerlich finden. Mit Turnvereinen »verden »vir Muskekjugend schassen, »venn