Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 103 (30.12.1901)
- Date
- 1901-12-30
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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3390 ersterer keinen Boden haben, wurden die osteuropäischen Juden nicht in einer so schlechten Lage leben, so würden die westeuropäischen kaum für den Zionismus zu gewinnen sein. Aber allmählich sind sie zu vollbewußten Rational-Zionisten geworden; wir sollen uns nie erlauben, über Humanitärzionisten den Stab zu brechen, der Eine wird zum Zionisten gemacht durch das Studium der jüdischen Sprache und Litteratur, der Andere — wenn es auch sonderbar erscheinen mag — blos durch den Kauf einer Aktie, um auch seinen Theil an die Hülfe zu geben, der dabei nichts weiter gedacht hat, und so hereingezogen wurde. Wir sollen also aus rein pädagogischen Gründen dort, wo es nicht anders geht, den Humanitätszionismus ausbreiten und denselben pflegendenn er ist wirklicher Zionismus, der den jüdischen Nationalgeist wectt, besonders in den Elementen, die dem jüdischen Nationalgeist entrissen sind. Der Hauptrepräsentant in Rußland ist der berühmte Schriftsteller A ch a d h a a m , d. h. einer aus dem Volke. Wenn die Lage der Juden in der Welt die glänzendste wäre, wenn die Juden ökonomisch, vvlitisch und juristisch sich in der besten Lage befänden, Achadhaam würde eine Heimath suchen für das jüd. Wesen und für die jüdische Kultur. Achad-haam stellt sich die Sache so dar, daß nicht zuerst Industrien, Handelszentren gegründet werden, sondern er möchte Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Zeitungen in Jerusalem und Palästina gründen. Jür Achad haam kommt es nicht auf die Menge an; er möchte nicht hauptsächlich Viele gewinnen, sondern er wünscht, daß qualitativ das Beste und Schönste nach Palästina verpflanzt werde. Achad-haam verhält sich negativ zum positiven Zionismus. Es ist kein schöner Name, denn er nennt ihn den M a g e n z i o n i s m u s , der nur znm Zwecke hat. den Hungrigen zu stärken; er will die leidende Seele des Juden retten. Es ist nicht zu vergessen, daß der geistige Zionismus als Theil des Zionismus seine Berechtigung hat; wenn er aber ganz über den praktischen Erwägungen wegsieht, sich als das alleinige Ziel des Zionismus hinstellt, so bewegt er sich aus falschem Boden. Achad-haam stellt sich auf den ideologischen Standvunkt, indem er meint, eine Kultur ohne soziale Unterlage, ohne ökonomische Basis in der Luft errichten zu können. Er vergißt, daß eine Kultur an gewisse soziale Bedingungen fest geknüpft ist, daß sie nur dann dauert und lebt und sich entwickelt, wenn sie von einem starten Bolke getragen wird. Die Kolonisation, die Achad-haam anstrebt, die Schöpfung einer kleinen Anzahl jüdisch-gesinnter Kolonien, würde schließlich auf Magnatenthum, auf Philantropie angewiesen sein. Das Volt kann nicht von reinen Ideen leben, von abstrakten Ideen, die keine Bedürfnisse des realbedingten Lebens befriedigen; und damit diese Kultur überhaupt errstiren könnte, müßte die Hülfe von Liebhabern, die die jüdische Kultur als Orangeriepslänzchen Pflegen würden, in Anspruch genommen werden. Es würde eine Neuausgabe der von oben herab gepflegten Kultur sein und nicht der von unten heraus getragenen. Wenn tvir auch zngestehen, daß der geistige Zionismus sich der Wucht der jüdischen Ideen bewußt ist, so ist er doch ein Zierpflänzchen ohne Wurzel; um diese Wurzel zu schaffen, muß man dahin wirken, daß für diese Kultur auch ein entsprechender sozialer Organismus geschaffen tnerden soll. Deßhalb meine ich, daß tvir praktische Ziouisten uns zu dieser Richtung negativ verhalten sollen. Eine Abart des geistigen Zionismus ist der K u l - t ü r ziouis m u s. Der Kulturzionrsmtts ist schwer zu definireu, weil er in der Litteratur sich selbst noch leine Definition gegeben hat, weil er sich noch nicht klar gemacht Hai, ums er will, er kann sich überhaupt nicht definireu, iveil er nicht aus realen Prämissen beruht. Da speziell hier auf dem Kongreß dieser Kulturzionisnutö sehr vertreten ist, so werde ich kein Wort herauslassen, das zu Mißverständnissen führen könnte. Der Kulturzionismus beruht aus einer Reihe von Schlagwörteru, die speziell unter der Jugend sehr gebräuchlich sind, die aber gar keinen realen Inhalt haben. Als erste Schlagwörter gelten: Demokratie, Kultur, Kampf gegen die Orthodoxen, Kamps gegen die Rabbiner, sie werden besonders in Versammlungen von jugendlichen Leuten gebraucht und können ungevrnst nicht hingenonnnen werden. Worin ihre Demokratie besteht, haben Mc Vertreter derselben nickt gesagt, sie glauben, die jüdische Kultur ändern zu können, bevor die Grundlage, auf welcher diese beruht, geschaffen ist. Als realen Inhalt bezeichnen sie den Kampf gegen die Orthodoxie, gegen die Rabbiner, jetzt schon wollen sie di" Religion ansmerzen, und das jüdische Voll jetzt schon der europäischen Kultur theilhaftig machen. Sie vergessen, daß die Religion weder dekretirt, noch abge schafft werden kann: die Religion hat ihre tiefe Wurzeln erstens in der individuellen Psvchologie, dann, in den sozialen Verhältnissen, unter denen ein Individuum leben soll. Ein ganz kleines Beisviel: Man spricht sehr viel von den Reform-Inden in Westeuropa, meine Damen und Herren, haben Sie sich jemals Rechenschaft gegeben, wie diese entstanden sind. Wenn man liest, meint man, daß die Juden sich assimiliren wollen, daß dann die Juden ihren christlichen Mitbürgern sich nähern würden. Dies ist eine Erklärung Wie verhält es sich in Wirklichkeit? So: Das Re sormjildenthum verlangt, daß nicht der Sabbat, sondern der Sonntag gefeiert werde, deßhalb, »veil es Jude bleiben will, denn da, wo der Sabbat gehalten nsird, ist es Thatsacke, daß die Läden offen, die Svna gogen aber leer sind. Wenn Sie diesen Ideen Nachfolgen, werden Sie sehen, daß die sozialen Verhältnisse gezwungen haben, eine religiöse Form zu schaffen. Und so lange die sozialen Verhältnisse in Rußland bei den kleinen Handwerkern so sind, lute jetzt, so wird die Orthodoxie so lange herrschen, wie diese Zustände; wenn hundert Mal so viele Kulturisten hingingen, so würden sie keinen einzigen begehren, denn ihre religiöse