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Der Israelit · 1901-12-30 · Heft 103 (30.12.1901) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 103 (30.12.1901)
Date
1901-12-30
Page
– (sequence 19)
Language
German
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3389 der geistige Zionismus, ist in Rußland seit M Jahren bekannt, also keine Erscheinung frischen Datums; daher ist es verständlich, daß sich schon verschiedene Strömungen herangebildet haben. .">. Die sozialen Thatsachcn: Dadurch, da st. die Inden seit 100 Jahren nicht mehr unter denselben sozialen Verhältnissen leben, durch den Unterschied zwischen ost- und westeuropäischen Juden, der schon sehr grosi ist, dazu noch durch denjenigen zwischen den gebildeten Juden Ost-Europas und dem traditionellen Jndenthmn in Rußland selbst mußten sich verschiedene Aufsassungen des Zionismus he raus bilden. Mit einigen Worten will ich darauf eingehen. Die verschiedenen Richtungen, tvie sie sich herausgebildet haben, sind nicht die Schöpfungen einzelner Personen, sondern sie sind in volkspsycho'logischen und sozialen Verhältnissen tief begründet; daher müssen wir sie auch begreifen lernen, wie sie sich herausgebildet haben und hauptsächlich wissen, wie wir uns dazu verhalten sollen, Meine innige Ueberzeugung ist, daß, wenn der Zionismus viel Mißerfolge leidet, es nur aus dem Grunde geschieht, weil seine Strömungen sich nur zu einem mechanischen Amalgam vereinigen und nicht zu einer chemischen, festen Verbindung. Damit diese zwischen den Elementen entstehen kann, rnüssen wir jedes Element rein haben; denn nur diese feste, chemische Verbindung kann Erfolge davon tragen. Daher ist es absolut nothwendig, daß tvir uns klar Rechenschaft geben über die Enttvickelung der einzelnen Strömungen und lute wir uns dazu zu verhalten haben. Da must ich nun in erster Reihe den M e s s i a - nischen Zionismus ertvähnen, der jedem Juden verständlich sein dürfte. Die große Masse, ' die allergrößte Menge ist noch bis seht mesiianisch zionistisch, d. h. sie hoffen, sie sind der festen Ueberzeugung, daß die Lage der Juden nicht e!oig bleiben Nürd, die Erlösung muß konrmeu, aber durch ein Wunder. Ich möchte Sie daher an eine kleine Erzählung, die in der „Welt" erschienen ist, erinnern. Zu einem traditionellen Juden kommt in der Rächt ein Herr, der sich als Messias zu erkennen giebt. Dem Juden fällt es nicht ein, daran zu zweifeln, fällt vor Entzücken auf die Kuiee, seine Füße zu küssen. Da sagt ihm dieser: „Ich muß morgen in die große Stadt hinein, brauche daher einen Wagen." Da sagt ihm dieser Jude: „Im Sohar steht, daß der Messias auf einem Esel erscheinen wird." Er muß auf einem Esel erscheinen! Cr glaubt an den Messias, aber nur, wie es das Gesehbueh vorgeschrieben hat. Dieser messianische Glaube ist für uns von doppelter Bedeutung. Er hat für uns eine positive Bedeutung: der Malle, die für die Propaganda des politischen Zionismus zugänglich ill, d. h. den osteuropäischen Juden, kann der politische Zionismus viel leichter begreiflich gemacht werden, als den westeuropäischen Juden, welchen der messianische Glaube abhanden gekommen ist. Die negative Erscheinung ist die. daß die Führer des messianischen Zionismus, die orthodoxen Rabbiner, die größten Feinde des politischen Zionismus sind. Dies ist eine Thatsache, die wir anerkennen müssen und sie besteht nicht bloß bei orthodoxen Rabbinern in Deutschland, sondern auch in Rußland und Galizien. Wie sollen wir uns gegenüber diesen Beknmpfern des realen Zionismus verhalten? Und da habe ich nur eine Antwort: Wir sollen nicht mit ihnen kämpfen, denn jeder Kampf ist absolut aussichtslos. Wir sollen aber auch nicht mit ihnen Unterhandlungen anknüpfen, lvie es vor einigen Jahren die Führer des Zionismus gethan haben, denn jede Verhandlung führt am Ende zu Mißverständnissen und sogar zum Schaden; denn dadurch wird ihre Predigt in den Augen ihrer Anhänger erhöht; diese Unterhandlungen sollen unterbleiben, so lange keine positiven Erfolge aufzuweisen sind. Sobald wir diese haben, werden die Rabbiner sehr schnell diese Reformen auf Gottes Rechnung setzen und die geschehenen Thatsachen ganz gut praktisch verwerthen. Daher sollen wir nicht von oben herab auf das Volt tvirken, sondern von unten herauf, die Masse soll aus die Rabbiner wirken, auf diese Meise ist viel mehr zu erreichen, wie die Erfahrung zeigt. Der messianische Zionismus hat aber für uns in i'vsitiver Hinsicht nur die Bedeutung, daß dadurch leichter die Propaganda in die Massen getragen werden kann. Die ziveite Form ist besonders in West-Europa verbreitet, und es herrschen darüber noch sehr viel irrige Meinungen. Es ist der Humanitäre Z i o n i sm u s. Der humanitäre Zionist bekümmert sich nicht um die Wiederberstellung der jüdischen Kultur, der jüdischen Ration, sondern er hat vor Augen eine entschiedene Verbesserung der Lage der Juden. Er will den darbenden Körper retten; im Prinzip ist er weder gegen die jüdische Kultur, noch gegen die jüdische Wissenschaft. Es kommt ihm vor Allem darauf an, den Hungrigen zu speisen. Sobald die Kolonisation größeren Umfang nimmt, so haben sie nichts dagegen, sondern sehr viel dafür, daß dort jüdische Kultur verbreitet wird. Sobald die Kolonisation größeren Umfang nimmt, wird von selbst jüdische Kultur sich verbreiten; deßhalb sind die osteuropäischen, die russischen Zionisten, im Unrecht, wenn sie von Allen verlangen, daß sie Bolksziouisten sein sollen; man muß mit den geschichtlichen Thatsachen rechnen, man muß damit rechnen. daß die westeuropäischen Juden dem jüdischen Nationalbewußtsein entrissen sind, nicht dasselbe lebhafte Gefühl iure die russischen Juden haben. Daß wir darüber nicht mit den Achseln zucken dürfen, so gestatten Sie mir die ..Demonstratio ad personam“, indem wir bedenken, daß alle unsere jetzigen Führer nicht als politische Zionisten zu uns gekommen sind, sondern zuerst humanitäre Zionisten gewesen sind. Die Ursache des Humanitären Zionismus liegt in der schlechten Lage des heutigen Judenthums, er ist die direkte Folge des Antisemitismus. Wäre letzterer nicht vorhanden, so würde

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