Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 103 (30.12.1901)
- Date
- 1901-12-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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*274 Strudel der großen, fremden Welt sie längst verschlungen hotte. Männer, wie ein gewisier jüdischer Banquier in Berlin, der mit seinen Verbrechen erst kürzlich die vielgerühmie jüdische Sittlichkeit dem Hohn der antisemitischen Presse preisgegeben hat, können nur in einer Zeit geboren werden, der mannigfache Mittel zur Verfügung stehen, das Judenthum aus dem Herzen der als Juden geborenen bis auf die letzte Spur auszurotten. Die alten Ghettojuden waren die letzten in der Reihe der Menschen. Keine Rasse gab es auf Erden, auf die sie, in sozialer Hinsicht, als Höherstehende herabbliäen durften. Aber die Reinheit ihrer Sitten, die Keuschheit ihrer Lebensführung hoben sie hoch über die Häupter ihrer Bedränger empor und stolz machte sie das Bewusstsein, dessen sich ihre Feinde nicht immer rühmen konnten: dass wenigstens ein Geschöpf in Wirklichkeit tiefer stand als sie — : das Thier. Nein, nicht von den abgefallenen Söhnen unseres Voltes möchte ich reden. Gehören sie denn noch zu unserem Volke? Sind sie sich ihres Abfalls bewusst und haben Worte der Wahrheit und Ermahnung für sie nicht bereits jeden Werth verloren? Ja, vor hundert Jahren — 1 Da schufen sich die Söhne des Abfalls ein neues Prinzip, das sie wissenschaftlich zu begründen suchten und der gläubigen Menge als Wegzehrung für die Reise in die Fremde in den Koffer packten — und es brauchte nur ein Mann aufzutreten, der jenes neugeschaffene Prinzip zu entkräften verstand --- und diejenigen, die hören und sehen wollten, die hörten und sahen. Aber würden sie ihn heute verstehen, würden sie nicht verdutzt lächelnd dreinschauen, wenn der grosse, geniale Kämpfer, der mit der Rede Feuergluth, Tiefe des Geistes und Erhabenheit der Anschauung in seltener Harmonie verband, wenn Rabbiner Hirsch zum zweiten Male mit dem Ehaurew in der Hand in den Kreis des Abfalls trä'e und mit unerbittlicher Strenge die Bilanz der Rechnungsjahre zöge: ,.^agt mir einmal, was habt Ihr gewonnen in der Freiheit? Ihr versteht euch doch sonst so gut auf den Gewinn. Um wie viel Prozent seid ihr klüger und verständiger, besser und edler, reiner und sittlicher, gebildeter und kenntnisreicher geworden in der Freiheit? Habt ihr euch nicht schmählich verrechnet, als ihr die Knechtschaft mit der Freiheit, den „kindlich naiven Sinn" in allen das Judenthum nicht direkt berührenden Fragen, mit einem gereiften Urtheil in allen Fragen der Kunst, Wissenschaft und Politik vertauschtet? Wollt ihr nicht lieber in's Ghetto zurückkehren, um wieder das zu werden, was ihr einst gewesen?" — — Haben sie denn nichi schon längst zu denken verlernt über Juden und Judenthum, die denkenden S"We Jisroels? Und sind denn die Zeichen der Zeit s günstig und heilverkündend, dass wir zu der Annahme berechtigt sein könnten, der Augenblick sei nicht mehr fern, wo es anders und besser werden wird im Kreise der Abtrünnigen, wo sie zurückkehren werden in die alte Heimath, wie die Tauben zu ihren Schlägen? Im Augenblick, da man die deutschen Jeschiwohs zu Grabe trug, ist die Thauroh in Deutschland zu Grunde gegangen! (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondemen. Deutschland. Berlin, 1.0. Dez. Der „Israelitische Fortbissdungsverein Montefiore" Hierselbst veranstaltete gestern Albend in den Festräumen von Cassel's Hotel im Anschlüsse an das Ehanukafest einen Gesellschaftsabend, der sich, obwohl nur in engerem Rahmen beabsichtigt, eines über Erwarten grossen Zuspruches erfreute, wie auch das kürzlich stattgefundene Stiftungsfest. Herr Dr. M. H i l d e s h e s m e r, verstand es in seinem Fest vortrage über „Jüdisches Pflichtbewusstsein" die den Saal bis aus den letzten Platz füllenden Gäste zu lebhaftem Beifall hinzureissen, dem der Vorsitzende, Herr Dr. M. M o s e s , in ehrenden Worten des Dankes beredten Ausdruck verlieh. Der sich anschliessende Theil mit Kaffeepause, in der die Herren Dr. B i b e r f e l d und Dr. Moses noch zu mehreren mit Beifall ausgenommenen Toasten das Wort ergriffen, gestaltete fick durch abwechslungsreiche Darbietungen zu einer überaus fröhlichen und ungezwungenen Geselligkeit, welche die Theilnehmer bis zur frühen Morgenstunde zusammenhielt. Wieder ein Beweis für die zunehmende Beliebtheit und die stetig wachsende Anhängerschaft des Vereines, dessen zielbewusstes Wirken es verdient, in weiteren Kreisen Beachtung zu finden. Hierbei möchten wir darauf Hinweisen, dass der Verein in letzter Zeit mebr und mehr ein Sammelpunkt der aus religiösen Familien stammenden süddeutschen jungen Leute, Akademiker und Kaufleute, geworden ist und ihnen eine werthvolle Stühe durch geselligen Zusammenschluss im Weltstadtleben bietet. Bei der wachsenden Bedeutung Berlins für das gesammte Reich und dem immer stärker werdenden Hinströmen der jüdischen Jugend Süddeutschtands nach der Reichshauptstadt, sollte es von keiner Seite, der die unverfälschte Erbaltung unseres Gesetzes am Herzen liegt, unterlassen werden, die jungen Leute auf diesen Verein aufmerksam zu machen. Der Verein besitzt ein eigenes, schönes Vereinslokal, E. an der Stadtbabn 40, in welchem Dienstag, Mittwoch und Freitag Schiurim von 9 bis 10 Ehr Abends von den Herren Dr. Biberseld, Dr. E. Munk und cand. phil. Gradenwitz abgehalten werden, zu denen Gäste stets willkommen sind. Aus Norddeutschland. Von einem praktischen Arzt erhalten wir folgende Zuschrift: In Nmnmer 90 (Beilage) Ihrer geschätzten Zeitung bringen 'Sie eine Korrespondenz aus „Schlesien und Posen" (S. 3110), worin es unter „Kattowitz" heisst: „Die Wiederbesetzung