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Der Israelit · 1901-12-30 · Heft 103 (30.12.1901) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 103 (30.12.1901)
Date
1901-12-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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wir den Adelsbrief unserer Freiheit in tausend Fetzen zerreißen und fröhlich nach dem Wanderstab greifen, der als theures Erbstück unserer Ahnen irgendwo in der Dachkammer ein beschauliches Dasein führt und geduldig wartet, bis wir ihn ergreifen werden, wenn es draußen in der Welt einmal gar zu arg werden sollte — sollen wir wieder, dem Beispiel unserer Großeltern folgend, mit einem großen Packen aus dem Rücken, mit Hosenträgern, Knöpfen, alten Kleidern rc. hausirend durch die Länder ziehen und mißtrauischen Dorfbewohnern mauschelnd unsere Waare preisen (der Ruf: „Kauft nicht bei Juden!" wird ja dann verstummt sein) — sollen wir wieder das werden, was unsere Großväter einst gewesen, ehe sie das Ghetto verließen? Aber um des Himmels willen, höre ich meine Leser fragen, was geht denn vor? was ist denn los? welch' unerwartetes Ereigniß ist eben plötzlich eingetreten, daß wir partout in's Ghetto zurückkehren müssen? Wo brennt's denn eigentlich? Ja, wo brennt's! — Es brennt eben nirgendswo in unserem Kreise, wenigstens nicht mit jener verzehrenden Macht, die kein Hinderniß kennt und über berghohe Schwierigkeiten siegt, weil sie siegen will, siegen m u ß. Wollte Gott, es möchte noch brennen und flammen, jenes ewige Feuer, wie in den Tagen der Borzeit, ja höher noch und schöner, mächtiger und verzehrender, weil es nach langer, finsterer Nachtzeit den Tag überstrahlen muß, dessen Helle wir freudig genießen. Wollte Gott, es hätte sich in jenem Augenblick, als der Geist der Aufklärung die Juden in die Freiheit rief, das Bewußtsein von der ewigen Heiligkeit und Unantastbarkeit der jüdischen Prinzipien und Gesetze so tief in die Brust der jüdischen Männer und Frauen gesenkt, daß entgegengesetzte Prinzipien einer fremden, unjüdischen Weltanschauung an diesem Bewußtsein gar niemals zu rütteln vermocht hätten, und die jüdische Jugend beim Herannahen einer neuen Zeit mit neuen Ideen und Aufgaben niemals ihrem Leichtsinn gefolgt wäre und gesprochen hätte: Wir sind noch jung, wir können's in der Welt noch weit bringen, was sollen uns die alten Sachen, was soll uns die Thauroh, was soll uns gar der Talmud, stürzen wir uns in den Strudel der Welt —ctv iA new! — Dann wäre es heute in der That unverantworilicher Blödsinn, in den Lärm des Tages die seltsame Frage hineinzurufen: Sollen wir zurück in's Ghetto? — Dann, ja dann wären wir berechtigt, die Zeit der Ghettis für immer zu vergeffen. Denn dann hätten wir eben in der Geschichte des Judenthums in Deutschland, hinsichtlich der Anerkennung und Vertretung seiner Prinzipien, keinen Rückschritt, sondern einen wesentlichen Fortschritt zu verzeichnen, wir dürften uns, ohne einer lächerlichen Verkennung unserer Aufgabe uns schuldig zu machen, stolz die Enkel unserer Großväter nennen, die wir das Ideal des Judenthums als freie Bürger in einer Zeit verwirklichen, die das jüdische Pflichtgefühl, wenn auch nicht mit Gewalt, so doch mit Verlockungen zu untergraben sucht, die nicht minder gefahrvoll sind, als die Folter und Scheiterhaufen des Mittelalters. Dann hätte sich die Emanzipation in ihren Folgen nicht so verhängnißvoll für das gesetzestreue Judenthum gestaltet, denn sie wäre nichts anderes gewesen, als ein Akt der Humanität, eine Offenbarung des über Rachr und Dunkel siegenden Gottesgedankens, ein freudiges Ereigniß in der Geschichte der Juden und nicht — ein verhängnißvottes in der Geschichte des Judent h u m s. Aber so?- Ich denke in diesem Augenblick nicht an die vom Judenthum treulos abgefallenen Söhne unseres Volkes. Fällt es uns ja so schwer, in ihnen Juden zu sehen, Nachkommen Abraham's, Jsak's und Jakob's, bloß deßhalb, weil ein jüdischer Vater sie gezeugt, eine jüdische Mutter sie geboren. Die Thauroh kennen sie nicht. Ein hebräisches Wort vermögen sie nicht zu entziffern, und am Jahrzeitstag ihrer Eltern recitiren sie das am Schluß einiger Gebetbücher in lateinischen Lettern abgedruckte Kadisch geist- und gefühllos, in kalten, abgebrochenen Tönen, wie, um das letzte, schwache Band, das sie mit ihren entschlafenen Eltern verknüpft, nicht leichtsinnig zu zerreißen. Aus ihrem Herzen ist jedes jüdische Gefühl gewichen, in ihrem Geiste findet ein jüdischer Gedanke keinen Raum, und sie würden selbst ihre Abstammung vergeffen, wenn ihre nichtjüdische Umgebung nicht so freundlich wäre, für das Gegentheil zu sorgen. Nein, das sind keine Juden mehr. ~ Sie wissen nicht nur nicht, was das Wort Ghetto bedeutet, sie sehen auf die entschwundenen Zeiten der Schmach mit weit mehr Geringschätzung herab, als der Nichtjude, für den sie doch in kulturhistorischer Beziehung von einigem Interesse sind und der nicht umhin kann, den Idealismus dieser unglücklichen Ghettobewohner, der selbst vor dem Tode nicht zurückschreckt, zu bewundern. Auch der abgesallene Jude liest die Blätter der Geschichte. Aber wenn er an einen Abschnitt kommt, der von dem bewunderungswürdigen Märtprerthum seiner Vorfahren berichtet, wie sie freudig den Scheiterhaufen besteigen, um den Namen des einig-einzigen Gottes zu heiligen, dann überschlägt er ihn nicht hastig, weil ihm die Schamröthe in's Gesicht steigen müßte — ruhig und kaltblütig liest er ihn zu Ende, als ob ihm von dem wahnsinnigen Beginnen der indischen Fakirs berichtet würde, die sich bei lebendigem Leibe begraben lassen. Ach, er begreift es ja nicht, wie man es nur fertig bringen kann, für seinen Gott zu leben, wie sollte er nicht das Märtyrium der Ahnen als religiöse Verirrung mitleidig belächeln, wie sollte er es begreifen, wie man es sogar fertig bringen kann, für seinen Gott zu st e r b e n? Solche Abtrünnige, die sich dem Judenthum so entfremden, daß sie sich nicht einmal der Verwerflichkeit ihrer gottlosen Handlungsweise bewußt sind, hat das Ghetto niemals innerhalb seiner Mauern gesehen. Wohl sind Juden auch im Ghetto abtrünnig geworden, aber sie sind eben i m Ghetto abtrünnig geworden, dessen Mauern gar manche traute Kindheitserinnerung für sie geborgen und die sie niemals vergaßen, selbst wenn der

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