Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 103 (30.12.1901)
- Date
- 1901-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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3373 Was will die Frankfurter Jeschiwoh? Was sind ihre Ziele und Bestrebungen? Was ist vor allem i h r Prinzip? Was macht ihr Bestehen zu einer Nothwendigkeit in unserer Zeit? Wenn heute Jemand aus dem Kreise der Hyperorthodoxen, oder, wie norddeutsche Blätter zu sagen pflegen, aus dem Kreise der süddeutschen Orthodoxie, einer von den wenigen Schwarzen, die kein Blatt vor den Mund nehmen, selbst aus die Gefahr hin, daß man ihre Worte als Sottisen eines ungebildeten Eiferers mitleidig belächeln wird — wenn einer von den wenigen Ganzschwarzen sich getraute, in den Lärm des Tages hineinzurufen: Schicket eure Kinder, bevor ihr sie in's Geschäft gebet oder die Universität besuchen lastet, eine Zeit lang auf eine Jeschiwoh, damit sie's erfahren, was das Wort „Lernen" bedeutet — lastet sie schöpfen aus dem Born der Thauroh, damit sie gestählt gegen alle Prüfungen und Versuchungen die Wanderung durch's Leben antreten und fern von euch nicht versinken in Sünde und Entartung — denn mistet es wohl, es gilt noch heute: ohne „Lernen" keine Thauroh, ohne „Lernen" keine Jiroh-: so dürfte wohl gar manchem diese Aufforderung seltsam erscheinen, gar mancher verwundert ausrufen: Wie kann ein vernünftiger Mensch in unserer Zeit so etwas — nur denken, geschweige denn aussprechen? Das heißt doch die Komik ein wenig weit treiben! Seht diesen schwarzen Sonderling! Er will uns in's Ghetto zurückführen. Was haben wir mit dem Ghetto, was hat das Ghetto mit uns zu thun? Was bedeuten überhaupt die Worte: Ghetto — Jeschiwoh —? Klingt doch der Name so fremd herüber aus einer längst entschwundenen Zeit! lind in der Thai. Was haben wir mit dem Ghetto zu thun? Was bewegt uns, in der erleuchteten Gegenwart die finsteren Schatten der Vergangenheit heraufzubeschwören? Was will die Jeschiwoh zu Frankfurt? Längst sind die Mauern des Judenviertels, diese traurigen Zeugen einer düsteren Zeit, einer in der Weltgeschichte beispiellos dastehenden Knechtung eines durch geistige und moralische Vorzüge hervorragenden, intelligenten Volkes, längst sind die Schranken der Geburt von B'ölkerhaß und Fürstenlaune in selbstsüchtiger Grausamkeit errichtet, von dem Sturm einer neuen Zeit, eines an weltbewegenden Fragen und Ideen so überaus reichen und fruchtbaren Jahrhunderts hinweggefegt worden, längst haben die meisten euroväischen Völker sich aus ihre Pflicht besonnen, das tausendjährige Unrecht der Vergangenheit mit dem übrigen alten Plunder aus der Welt zu schaffen — und wenn es ihnen auch nicht in dem von allen Edlen der Nationen gewünschten Maße gelungen ist, das Vertrauen auf den freiheitlichen Sinn der einstigen Peiniger in der konseguenten Durchführung der Emanzipation, mit welchem die Juden ihre Gleichberechtigung begrüßt, zu rechtfertigen ein geschichtliches Faktum von überwältigender Größe bleibt die Emanzipation der Juden doch. Herangetreten sind die Menschen, als der Strahl des heranbrechenden Morgens die Nacht aus ihrem Innern verscheuchte, an den Juden und haben ihn aus dem Kerker geführt, als gleichberechtigten Bruder in ihren Kreis ausgenommen — und als freie Söhne einer freien Zeit sind unsere Großväter aus ihren engen, dumpfen Ghettistübchen auf den offenen Markt des europäischen Lebens getreten. Unsere Väter sind bereits als Söhne emanzipirter Juden geboren worden. Der Lärm der großen Welt drang bereits an des Säuglings Ohr. Und als sie herangewachsen waren, da brauchten sie nicht erst von den Völkern zu lernen, wie man sich als freier Mensch beträgt, denn die Freiheit war ihnen angeboren. Jedoch, was das Wort Ghetto bedeutet, das wußten sie noch. Sie tonnten die Erklärung auf dem Antlitz ihrer Eltern lesen, in den von Leid und Gram gezeichneten Furchen, die keine Emanzipation wegwischen konnte, sie konnten sie lesen im scheuen Blick ihrer Augen, die, geblendet vom strahlenden Morgenlicht, sich niemals recht öffnen wollten — und wenn sie ihre Eltern fragten, warum sie denn zuweilen so schmerzlich seufzten, ob sie denn in der Freiheit nicht glücklich und zufrieden seien, was ihnen denn fehle, dann bekamen sie wohl manchmal die wehmüthige Antwort: Wir haben bei unserem Auszug aus dem Ghetto vieles gewonnen, was wir früher nie besaßen, doch auch manch' theures Gut verloren, das wir wohl nie wiederbekommen werden. Wir, die Enkel, denken uns beim Worte Ghetto gar nichts mehr. Wir sehen es kalt und gefühllos an. wie alle anderen Bezeichnungen des Fremdwörterbuchs. Nur aus den Schilderungen der Schriftsteller wissen wir, was es bedeutet, und wenn wir einmal gelegentlich einer Geschäftsreise in eine große Stadt kommen, wo es viele Sehenswürdigkeiten giebt, dann erzählt uns der Fremdenführer, wenn er uns zufällig durch enge, zerfallene Gäßchen führt, ohne daß wir danach gefragt hätten: Hier war 'mal das Judenviertel! lind dennoch. — Sollen wir zurück in's Ghetto? Sollen wir die Mauern wieder aufrichten, nachdem sie dem Ansturm einer neuen Zeit gewichen sind? Sollen »vir der geschichtlichen Entwickelung der europäischen Völler, ihrem Kultursortschritt, ihrer Aufklärung spotten und ihnen ein Geschenk dankend zurückerstatten, das sie am liebsten uns doch wieder wegnehmen möchten? Sollen wir die Abzeichen der Emanzipation, den Waffenrock, den Doktorhut, die hochtönenden Titel, die wir unseren jüdischen Namen beilegen, die glitzernden Ordenssterne, die unsere jüdische Brust schmücken, mit bitterem Hohngelächter den Völkern vor die Füße lverfen, die sie uns gereicht — der Herr Kommerzienrat h Soundso bleibt ja doch, solange er lebt, in den Augen von so Vielen der jüdische Wucherer, der Herr Professor muß sich doch bei jeder Promotion eines jüdischen Kandidaten vor dem Verdacht der Bevorzugung bewahren, und Baron Hirsch durfte sich so un- und nichtjüdisch gebärden, wie er wollte, man sah in ihm zuerst den Hirsch und dann erst den Baron — sollen