Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-12-12 · Heft 98 (12.12.1901) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 98 (12.12.1901)
Date
1901-12-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449239--54888-2505611
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3173 die Wahl der konservativen Liste. Es mag ja wahr sein, daß die Mehrheit in ihrer Agitation manche Unregelmäßigteit beging, das; sie in der Wahl ihrer Mittel nicht immer wählerisch war, indeß es ist sehr fraglich, ob diese Unregelmäßigkeiten genügen werden, um die Behörden zur Ungültigkeitserklärung der mit großen Majoritäten erfolgten Wahlen zu veranlassen. Der mit den hiesigen Verhältnissen nicht näher Vertraute könnte sich vielleicht mit dem Resultate der Wahlen freuen, der Näherstehende weiß den Werth des Sieges auf das richtige Maß zurückzuführen. Der Sieg der „Orthodoxie!" Man versteht gemeinhin unter diesem Wort allerdings etwas anderes, als es die meisten der gewählten Gemeindevertreter sind. Der Kampfruf dieser Wahl lautete: „Hie Sabbat — hie Sonntags gottesdienst," und die Leser der „Voss. Zeitung" hatten Tage lang vor der Wahl das Vergnügen, sich zum Frühstück über Sabbat und Sonntag, über Professor Steinthals und Dr. Schreiners Ansichten aus dem Jnseratentheil unterrichtet zu sehen. Wenn es wahr ist, was vielfach tolporiirt wird, daß die Vertreter des Zentralvereins vor einigen Wahllokalen mit dem Rufe: ,.Hier Zentralverein Schabbes" Stimmung zu machen suchten, so müßte allerdings diese Profanirung des Heiligsten peinliche Bedenken bei jedem ernst Religiösen Hervorrufen. Denn es steht fest, daß der „Sabbat" nur die wirksame Schlachtparole des Zentralvereins war, und daß die Liberalen glänzend gesiegt hätten, wenn sie nicht die alberne Sonnlagsgottesdienst-Frage von neuem in die Diskussion geworfen hätten. So freudig es auch zu begrüßen ist, daß mit dem Resultate der Wahlen der Agitation für den Sonntaggottesdienst der Boden entzogen ist, so ist es nicht minder wahr, daß auch für weite Kreise des Zentralvereins und viele der Gewählten der Sabbat nur ein idealer Begriff ist und daß ste selber außerhalb des religiösen Pflichtlebens stehen. Und deßhalb ist zu fürchten, daß Alles ruhig beim Alten bleiben wird. Es wird mit konservativem Radau fortgewurstelt werden, aber mit der „Orthodorie", der wahren, tiefen, hingebenden Frömmigkeit auf Grund des Religionsgesetzes haben die Wahlen nichts zu thun. Die kraftvollste Persönlichkeit des bisherigen Kollegiums, Prof. L e w i n , lehnte eine Wie derwahl ab: der verehrte Herr wird willen, warum er las that. Auch die Z i o n i st e n traten auf den Plan. Schade, daß zu ihren Kandidaten jener tüchtige, religiös denkende Herr Leszinskv gehörte, der als Direktor der Viktoria und Mitglied der Friedrich Wilhelm-Viktoria- Stiftung sich um manche Schichten der deutschen Juden mehr Verdienste erworben hat, als so mancher der Herren, die jetzt die Ehre haben werden, am grünen Tisch der hiesigen jüdischen Gemeinde zu sitzen. Nun, wir wollen sehen, was die neuen Herren leisten werden, was sie für die gefährdete Sache des Glaubens, was sie gegen den religiösen Verfall thnn werden. Vorläufig glauben wir, daß die Erlösung des Judenthums weder von Benediktus Levita, noch von dem „Zentralverein für die Interessen der hiesigen jüdischen Gemeinde" aus' gehen wird. Zweck dieser Zeilen aber war vor allem der, vor weiteren Kreisen der deutschen Jndenhen die Thatsache festzustellen, daß das geflügelte Wort der politischen Tagespresse von dem „Siege der Orthodorie" bei den Repräsentantenwahlen der hiesigen jüdischen Gemeinde aus einem Mißverständniß beruht. Zeitungsnachrichten und Correfpouverr;en. Deutschland. Berlin, 10. Dez. Aus dem Bureau des ,.D.-J. G.-B." geht uns folgende Mittheilung zu: „Der Ausschuß des „Deutsch-Israelitischen Ge meindebundes" hat gegen eine jährliche Pachtsumme von 1600 Mk. dem „Verein jüdische Arbeiterkolonie und Ashl" seine in Weißensee errichteten Banken zur Verfügung gestellt. Da der „D.-J. G.-B." dem Verein die gleiche Summe als Jahresbeitrag gewährt, so steht diesem das Ergebnis; der Sammlung voll zur Verfügung. Leider jteht dasselbe in keinem Verhältnis; zu dem Humanitär und sozial so bedeutsamen Zwecke des Unternehmens. Es wurden bisher gezeichnet: an einmaligen Beiträgen Mk. 7646, an Jahresbeiträgen Mk. 3637, zuf. Mk. 1.1,183; hiervon sind für Anschaffungen verausgabt Mk. 1696, es bleiben verfügbar Mk. 9497; hinzu kommen noch einige Zuivendnngen von Naturalien von den Firmen: Dahlmann und Uno 00 Ztr. Briketts, Emil Friedländer u. Comp. 120 Ztr. Steinkohlen, Waldemar Bendix 6 Dunend Handtücher. Schließlich rechnet der Verein auf die für 1':»>2 gezeich neten Jahresbeiträge. Wenn der Verein es unternimmt, mit diesen ge ringen Hilfsmitteln die Anstalt mit einer vorläufigen Besetzung von ,25 Mann zu Beginn des neuen Jahres zu eröffnen," so glaubt er dies wagen zu dürfen in der Hoffnung, daß er durch dieses Beispiel von Ovfermuth im Dienste einer Humanitären Aufgabe und vor allem durch den Nachweis der praktischen Durchführbarkeit des Unternehmens, diesem weitere Gönner in ausreichender Zahl zufübren wird. Möge diese Hoffnung sich im Interesse unserer arbeitswilligen, beschäftigungslosen Glaubensgenossen bestätigen und schon jetzt recht viele Wohlthäter „Beiträge an Geld und Natura' lien" der Arbeiterkolonie zuwenden. Die ersteren ivolle man adrestiren: An den Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bund, Berlind W., Steglitzerstr. 85" und an die gleiche Stelle Zuschriften wegen Zuwendung von Naturalien richten.; Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, das; in der letz-; fen Sitzung des Vorstandes des „Vereins jüd. Arbeiter-! kolonie" die Auswandererfrage in der Diskussion be-! rührt worden ist. In Uebereinstimmnng mit dem im! vorigen Monat in Breslau abgehaltenen „Congreß zur; Schaffung einer Oraanisation für die bedürftigen jüdii scheu Rückwanderer," war man der Ansicht, daß die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.