Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1901)
- Date
- 1901-12-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449239--54884-2505607- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3168 jüdisch-studentische Verein eifrig bemüht ist, seinen Mitgliedern die Kenntniß der jüdischen Geschichte und Litteratur beizubringen. Denn nur dann, wenn man seines Volkes Geschichte, seinen Gang durch die Jahrhunderte, kennt, kann man dieses Volk lieben und stolz darauf sein, ihm anzugehören. Wir dürfen keinen Augenblick das schöne Wort vergessen: Was du geerbt von deinen Vätern, Erwirb es, um es zu besitzen! Pi. Feuilleton. IXad} vierhundert fahren. 25] Von Friedrich Rott. „Das ist nicht die Schuld der Natur. Im Gegentheil, die Statistik beweist, daß im Allgemeinen bedeutend mehr Knaben das Licht der Welt erblicken, als Mädchen. Aber die vielen Kriege raffen so viele Tausende unserer männlichen Jugend dahin, und außerdem gefährdet der Beruf des Mannes gar oft sein Leben. Denken Sie nur an die Seefahrer, an die Grubenarbeiter und an die —" „An die Aerzte," fiel Jsabella hastig ein. „Gnädige Frau, wie haben Sie zugeben können, daß Ihr Sohn Arzt geworden ist?! Ich habe erst heute gelesen, daß der Typhus in der Umgegend epidemisch auftritt. An Ihrer Stelle hätte ich keine ruhige Minute." Sie ergriff bei diesen Worten die Hand der alten Dame, die den Händedruck warm erwiederte. „Und dennoch möchten Sie Medizin studiren und sich dem ärztlichen Berufe widmen?" „Das ist etwas ganz anderes. ^Um mein Leben wird Niemand zittern." „Kind! Kind!" „Ich weiß schon, was Sie sagen wollen, aber es ist nun einmal so, ich stehe allein in der Welt und mein Leben ist Niemandem von Nutzen. Aber ich möchte gern nützen, Vielen nützen — und ich glaube als Arzt oder Aerztin —" „Ob Sie im ärztlichen Beruf gerade so Vieles leisten würden, was Sie jetzt an Wohlthaten den Armen erweisen, das ist noch sehr fraglich. — An Aerzten ist kein Mangel." „Das weiß ich, aber ich rede mir auch nicht ein, daß ich mehr leisten würde, als andere." „Das sollten Sie aber, denn das könnten Sie. Ich wiederhole, bei den seltenen Gaben, die die Natur Ihnen verliehen, und füge hinzu, bei den bedeutenden pekuniären Mitteln, mit denen die Vorsehung Sie bedacht, könnten Sie ein Segen für die ganze Gegend werden, in der Ihre Güter sich befinden." „Das sehe ich ein," erwiederte Jsabella, tief aufathmend, „und ich verspreche Ihnen, nie wieder an's Heirathen zu denken. Aber wenn Sie mir nur rathen wollten, was ich thun sollte oder vielmehr müßte. Denn was ich zum Heil meiner Mitmenschen thun könnte, das müßte ich doch thun, dazu wäre ich doch moralisch vervflichtet. — Also bitte, rathen Sie mir." „Das läßt sich nicht so rasch rathen, dazu müßten Sie zunächst die betresfende Gegend kennen lernen, die Leute, ihre Verhältnisse, ihre Bedürfnisse u. s. w., dann aber müßten Sie sich auch einen klaren Ueberblick verschaffen über Ihr Vermögen, über die Verwaltung desselben, über —" „Hilf Himmel!" rief Jsabella, die Hände zusammenschlagend, „das ist zuviel für meinen armen Kopf." „Für Ihren Kopf wohl nicht, aber für Ihr gegenwärtiges Versiändniß allerdings. Um ein Vermögen, wie das Ihrige, richtig verlvalten und entsprechend verwenden zu können, dazu bedarf es einer ganz anderen Erziehung, als derjenigen, die Sie erhalten haben." Das junge Mädchen blickte mit dem Ausdruck hilfloser Naivetät zu ihr empor, dann aber brach sie in ein herzliches Lachen aus. „Der Kopf schwindelt mir vor all den neuen Ideen, die Sie in ihm erweckt haben. Aber gegenwärtig kann ich nichts anders denken, als baß es eine geradezu grandiose Dummheit von mir gewesen ist, mich dem Studium der Medizin widmen zu wollen. Ganz anders werde ich studiren müssen, das sehe ich wohl ein, aber wasJ das weiß ich nicht, das werden Sie mir sagen müssen." „Das könnte ich Ihnen auch nicht so rasch sagen. Ich lvürde zunächst auf das zurückkommen, was ich Ihnen schon öfters empfohlen habe. Sie wissen, was ich meine." „Ja, ja, ich weiß schon," versetzte Jsabella, mit der Fußspitze auf den Fußboden klopfend. „Sie meinen, daß ich heirathen sollte." „Das eben meine ich." „Nun ja freilich. Sie haben mir das schon öfters gesagt, aber — aber — aber zum heirathen gehören bekanntlich Zwei —" „Sehr richtig, liebes Fräulein, Sie beweisen ein merkwürdiges Verständniß für den Gegenstand unserer Unterhaltung. Also Sie sind in Wirklichkeit der Ansicht, daß zum Heirathen Zwei gehören. Bitte, entwickeln Sie diese Ihre Ansicht weiter." Jsabella lachte abermals. „Sie machen sich über mich lustig, gnädige Frau, aber ich habe doch recht, zu jeder Heirath gehören Zwei." „Und habe ich das vielleicht in Abrede gestellt?" „Aber nein, nein! Also wenn Sie durchaus darauf bestehen, daß ich heirathen soll, so müssen Sie auch die Konsequenzen der von mir angeführten und bisher doch noch unbestrittenen Thatsache ziehen." „Mit anderen Worten, ich müßte die zweite Persönlichkeit der von mir gewünschten Ehe nennen." „Das ist's. Also bitte, gnädige Frau, Sie wissen, mit welcher Vorliebe ich das thue, was Sie empfehlen, also sagen Sie mir, wen soll ich heirathen?"