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Der Israelit · 1901-12-12 · Heft 98 (12.12.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 98 (12.12.1901)
Date
1901-12-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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3169 „Von der ehedem geplanten Verbindung mit Ihrem Vetter wollen Sie absolut nichts mehr wissen?" „Absolut nichts. Das ist ganz ausgeschlossen." „So sagen Sie mir, welche Ansprüche würden Sie an Ihren künftigen Gatten stellen?" „Ich könnte Ihnen erwiedern, gar keine, denn Sie wissen ja. ich habe durchaus keine Lust zum Heirathen. Aber bitte, gnädige Frau, sagen Sie mir, welche Ansprüche Sie an meinen künftigen Gatten stellen würden." „Ich soll Ihnen das sagen? Nun, meinethalben. Vor allem einen nach jeder Richtung hin makellosen Charakter." „Das ist selbstverständlich." „Gewiß, das wäre selbstverständlich. Dann mühte er Kopf und Herz aus der rechten Stelle haben und eine entsprechende Bildung besitzen. Er dürfte nicht allzu alt sein, aber im Hinblick auf Ihre bedeutenden, pekuniären Mitteln, bei deren Verwaltung und Verwendung er Ihnen mit Rath und That zur Seite stehen müßte, dürste er auch nicht zu jung sein." „Einverstanden, einverstanden. Aber nun weiter." „Er müßte von heiterem Temperament, aber auch ernst sein können. EinAdonis brauchte er nicht zu sein, abschreckend häßlich dürfte er jedoch auch nicht sein und überhaupt keinen körperlichen Fehler haben. Ein bedeutendes Vermögen würde ich nicht von ihm verlangen, doch mühte er sich bisher in anständiger Weise ernährt haben. Außerdem ein ansprechendes Wesen haben." „Einverstanden, einverstanden. Mit allem, was Sie da von meinem zukünftigen Gemahl verlangen, erkläre ich mich einverstanden, — ja, ich erkläre Ihnen sogar, daß ich nicht mehr von ihm verlangen würde. Aber nun, bitte, die Hauptsache — nennen Sie mir gefälligst denjenigen, der alle die eben von Ihnen genannten Eigenschaften in sich vereinigt —" „Ja, mein liebes, theures Fräulein, in adligen Kreisen habe ich absolut keine Bekanntschaft." „In adligen Kreisen —" wiederholte Jsabella, während eine Blutwclle ihr in's Angesicht schoß, „aber wer sagt denn, daß es absolut ein Adeliger sein muß? Ich habe Ihnen doch im Gegentheil erklärt, daß ich keine andere, als die von Ihnen erwähnten Eigenschaften an meinem zukünftigen Gatten beanspruchen würde. £b er adelig oder bürgerlich wäre, das ist mir vollständig einerlei. Ebenso gleichgiltig wäre es mir —" sie erhob sich hastig und griff nach einem auf dem Tische stehenden Glase Wasser,-„zu welcher Konfession er sich bekennt," sügte sie halblaut hinzu. Frau Müller athmete schwer aus, es war beinahe ein Seufzer, dann aber nahm sie die herabhängende Hand der Erregten und zog sie sanft neben sich hernieder auf das Kanapee. „Kind, Kind! — liebes, liebes Kind! — Sie sind ein edles, hochherziges Mädchen, aber von der Heiligkeit der Ehe haben Sie keine Ahnung, wenn Sie die Verschiedenheit der Konfession der Gatten als gleichgiltiges Moment betrachten." Jsabella zuckte die Achseln. „Mein Vater war Protestant," flüsterte sie, „meine Mutter war Mitglied der katholischen Kirche — ihre Ehe war dennoch überaus glücklich." „Ja, so, so — das meinen Sie! — Aber ich glaubte — ich backte — das heißt, ich wollte sagen, wenn z. B. der Vater den Gott Israels ancuft und die Mutter zu einer Heiligen betet, und wenn die Eltern einander noch so theuer wären, die Kinder, die einer derartigen Verbindung entstammen, wären die unglückseligsten Wesen auf Gottes Erde. Und wehe den Eltern, deren Kinder zu ihnen sagen könnten: Ihr habt uns unglücklich gemacht!" Ein tiefer Seufzer, es war beinahe ein Aechzen, entrang sich der Brust des jungen Mädchens. Frau Müller streichelte liebkosend die Hand, die nocb in der ihren ruhte. „Muth! liebes Kind — Mutb! Glauben Sie mir, es wird noch alles gut werden." „Ich möchte vor Scham in die Erde stnken," slästerte Jsabella tonlos, „was müssen Sie von mir denken. - „Nichts Böses, Kind, — nichts anderes, als daß Sie ein edles, hochherziges Mädchen sind, das auf glänzende Nichtigkeiten keinen Werth legt, dem es jedoch an Erfahrung fehlt, gewisse Verhältnisse richtig beurtheilen zu können." „Und Sie verurtheilen mich nicht?" „Sie verurtheilen? Im Gegentheil, ich fühle mich Ibnen zu Dank verpflichtet, daß Sie mir einen Einblick in Ibr warmes, großes Herz gewährt haben. Doch Sie können unbesorgt sein, nie wird ein Wort von unserer heutigen Unterredung über meine Lippen kommen." „Dank Ihnen. — Aber — aber — ich glaube, Sie werden mir jetzt zustimmen, daß ich Ihren Rath nicht befolgen kann." „Sie meinen, ich würde Ihnen beivflichten, daß Sie nicht heirathen können? Da stnd Sie im Jrrthum, in ganz entschiedenem Jrrthum. Sie sind noch sehr jung und können daher nicht wissen, daß es uns Menschen nur selten gegönnt ist, der ersten Regung unseres Herzens zu folge,.. Aber wenn wir uns deßhalb zur Einsamkeit sür's Leben verurtheilt glauben sollten, nein, das ist ein Unding. Sehen Sie mich an, ich bin auch einmal jung gewesen. Als ich ungefähr nckt Jahre alt war, starben ein Onkel und eine Tante von mir rasch hintereinander und ihr verwaister Knabe kam in unser Haus. Er war noch einmal so alt, wie ich, aber bald wurde der schöne, gutherzige Vetter mein liebster Spielgefährte, denn er trug das verhätschelte, kleine Mädchen im wahrsten Sinne des Wortes aus Händen. Er nannte mich im Scherz seine kleine Braut, und ick glaubte im Ernst, es könne gar nicht anders werden." Frau Müller machte hier eine Pause, wie um ihre Erinnerungen zu sammeln. (Fortsetzung folgt.)

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