Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1901)
- Date
- 1901-12-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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3164 möglichen. Zur Rückerstattung dieses Geldes, zur Melioration und zur Umwandlung des Gutes in eine Außenwirthschaft, sind 70,000 Mk. erforderlich. Das Geld würde sich mit ewa 4 pCt. verzinsen: die Zinsen- Zahlung und die Anlage des Kapitals sind gesichert. Und so bildete sich am 19. November 1901 die „Bodenkulturgesellschaft" und es wird gebeten, Antheilscheine in Mindesthöhe von Mk. 500 zu zeichnen. Dem Aussichtsrathe gehören an der frühere Rittergutsbesitzer Herr Ludw. Cohn als Vorsitzender, Professor Otto Marburg als Vertreter, Pros. P h i l i p p s o n , der Präsident des „Deutsch-Jsr.-Gemeindebundes," Herr Aron Hirsch in Berlin, einer unserer neuen Gemeinderepräsentanten, und der Vereinssekretär Dr. Ernst Tuch. Was ist nun Gut Neuhof? Neuhof ist ein Landgut in der Provinz Posen, eine Viertelstunde von Schwersenz und drei Viertelstunden zu Wagen vom Markte der Stadt Posen entfernt. Die nächste Eisenbahnstation ist Kobelnitz, eine Station der Pofen-Gnesener Eisenbahn und in zehn Minuten von Posen zu erreichen. Ncuhos hat eigene Polizeiverwaltung. Das Gesammtareal beträgt 387 Morgen, von denen 5 Morgen Garten- und Baumschule, i/o Morgen Karpfenteich, 2 Morgen Gebäude, 20 Morgen Wiese. 5 Morgen Kiesgruben und 3541!, Morgen Acker sind. Nach übereinstimmenden Ansichten der Gutachter bestehen 300 Morgen nicht aus feinem Boden. Die letzten zwei Jahre brachten Fehlernten, in den letzten drei Jahren ist die Kultur des Bodens merklich zurückgeaangen. Die Wirthschastsgebäude haben weniger befriedigt, obwohl sie massiv sind, und müssen umgebaut werden. Sie sind mit 27,675 Mk., das tobte und lebende Inventar ist mit 24,060 Mk. versichert, so daß die Gesammtversicherung 51,735 Mk. beträgt, also für Grund und Boden der Werth von 18,765 Mk. entfällt. Nach dem übereinstimmenden Urtheile der Gutachtler ist der Kaufpreis von 70,500 Mk. ein mäßiger und ein finanzielles Risiko erscheint selbst bei Mißlingen des Kolonisationsvlanes ausgeschlossen. Zur vollständigen Ausgestaltung des Gutes wären noch 36,250 Mk. erforderlich, so daß Neuhof 107,750 Mk. Erwerbskosten verursachen würde. Das eine Gutachten berechnet die eventuellen Einnahmen aus Getreide, Milch, Vieh, Geflügel mit Mk. 29,141, die Ausgaben mit Mk. 24,300, so daß der Reinertrag Mk. 4841 betragen würde, was bei einem Kapitale von Mk. 110,000 einer Verzinsung von fast 41-j pCt. entsprechen würde. Man sieht, daß in den Gutachten Hoffnung mit Furcht gemischt sind, daß sich Günstiges und Ungünsti- ' ges nebeneinander finden und daß man es eben nicht mit einem Mustergut zu thun hat, was ja auch bei dem geringen Kaufpreis nicht zu erwarten ist. Man sieht aber auch, mit welchen großen finanziellen Schwierigkeiten die Gesellschaft zu thun haben würde, wenn die Sache einmal in größerem Umfange sich sollte darstellen wollen. Neuhos ist für zehn jüdische junge Männer berechnet. Welcher ungeheure Weg bis zur Gründung eines jüdischen Bauernstandes in Deutschland! Dazu kommt aber noch ein anderes angesichts der Thatsache, daß Neuhos ein jüdisches Lehrgut sein soll, und man doch in erster Reihe auf jüdisches Geld rechnet. Für einen größeren Theil der deutschen Juden würde das Gut noch dann einen hohen, idealen Werth erhalten, wenn es auch sonst nach den Grundsätzen der jüdischen Religion verwaltet würde. Was aber lesen wir davon in den Gutachten? Kein Wort! Was in der Zuschrift des Vorstandes? Kein Wort! Was sagen vielmehr die Gutachten? Ein S ch w e i n e st a l l ist vorhanden, 15 Schweine sind vorhanden, einige Zuchtsäue und ein Eber werden für 1000 Mark noch angekauft werden müssen, ebenso 200 Zentner Schweinefutter jährlich gekauft werden müssen. Die Sache fängt jedenfalls gut an. Wenn aber die Herren glauben, von einem strengreligiösen Juden Geld zu bekommen, damit jüdische junge Leute die Schweinezucht erlernen, so irren sie sich. Ein jüdisches Lehrgut hat diese Zucht nicht zu treiben, das verbietet das Religionsgesetz. Das Gutachten sagt, daß die Lehrer der benachbarten Schulgemeinden gegen mäßige Entschädigung auch Unterricht den Eleven ertbeilen würden, vom jüdischen Unterricht ist dagegen kein Wort gesagt. Und wie steht es mit S a b - b a t und Feiertage? Gedenkt man auf diesem Lehrgut an Sabbat und Feiertagen zu arbeiten, zu pflügen und zu e r n 1 en? Dann wäre es wahrhaftig besser, daß die jüdischen Kinder lieber Schuster. Schneider und Hausirer werden, aber mit ihrem Gotte im Herzen, als daß unreligiöse jüdische Bauern hier gezüchtet werden. Religionslosigkeit können sie auch in Berlin lernen, dazu brauchen sie das Mustergut Neuhof nicht. Nun, wenn die Verwaltung resp. der Aufsichtsrath nicht vorher erklärt: 1) daß auf dem Gute keine Schweinezucht getrieben wird, 2) daß Sabbat und jüdische F e i er t a g e streng gehütet werden, 31 daß ein st r e n g - r e l i g i ö s e r jüdischer Wirtbschaftsinspektor engagirt wird, der auch auf die religiöse Erziehung der Eleven achtet, so lange kann kein religiöser Jude das Werk unterstützen oder eine Aktie zeichnen. Die Gründung eines jüdischen Bauernstandes ist ja sehr schön und gewiß erstrebenswertst, aber ob es gilt, wie der Bericht sagt, „die Ehre der Gesammtjudenheit Deutschlands zu wahren," möchten wir doch stark bezweifeln. Was hat wohl der „Bodenkulturverein" und Gut Neuhof mit der Ehre der Gesammtjudenheit Deutschlands zu thun!? Da gibt es ganz andere Faktoren, von denen die jüdische Ehre abhängig ist. Es ist ein Versuch, der gewiß Unterstiitzung weiter Kreise verdient, aber nur, solange er sich innerhalb des jüdischen Religionsgesetzes bewegt. Wir wollen den ganzen Bestrebungen kein trübes Prognostikon stellen, aber nur das Eine sagen wir: sobald das jü-