Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 97 (9.12.1901)
- Date
- 1901-12-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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9166 deS jüdischen Volkes entfacht und entzündet und durch Wort und That die Kämpfer und Streiter zur Ausdauer und Standhaftigkeit, zur Hingebung und Aufopferung angespornt und hingerissen?!!! Nein! Nein! Meine Hochverehrten! Ein einziges, kurzes Wort des Talmuds (Sabbat 23 a) wird Sie überzeugen, daß auch in jenen glorreichen Makkabäer-Kämpfen die Frauen die zwar unsichtbaren, aber doch eifrigen, gottbegeisterten Genien gewesen, die die Männer und Jünglinge zu den Höhen des Heldenthums emporgetragen, daß die Frauen auch damals der goldenen Menorah, dem strahlenden Leuchter glichen, der in trüben, finsteren Tagen Licht und Helligkeit in den Herzen und Häusern Israels verbreitet, daß die Frauen auch damals nicht nur äußerlich, materiell, sondern auch geistig, religiös den Stolz, den Ruhm, den Schutzgeist des Judenthums gebildet. Auch das Chanukafest ruft mit dem Hohenliede den Frauen und Jungfrauen Israels, ob ihrer großen, religiösen Verdienste zu: „Schön bist du, meine Freundin, schön bist du, ganz bist du schön, meine Freundin und kein Fehl ist an dir!" (Hoheslied 4, 1—7.) Du Haft mit dem Beispiel deiner Frömmigkeit, mit dem Beispiel glühender Begeisterung deinem Volke vorangeleuchtet, du hast die Fahne des Glaubens in jenen Tagen hoch gehalten, du hast dich mit Todesverachtung zu diesem Glauben bekannt und mit beispielloser Opferfreudigkeit den hocherhabenen Namen Gottes geheiligt. Das kurze, historisch äußerst wichtige und die Frauen überaus ehrende Wort im Talmud lautet: 2^ wiks rn p naun mr’n triw. „Die Frauen sind verpflichtet, das Chanukalicht anzuzünden, denn auch sie haben das Ihrige zu jenem wunderbaren, glorreichen Sieg beigetragen, auch ihnen galt die Reinheit und Lauterkeit ihres Glaubens höher, denn ihr Leben, auch sie waren gern bereit, jede Minute zu sterben, wenn sie ihres höchsten und heiligsten Ideals beraubt werden sollten, ihres Ideales, den Einzigen und Allmächtigen Gott zu lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzem Vermögen. Sie, die Frauen, die Mütter, haben diesen Glauben an Gott tief in's Herz der Söhne eingegraben, sie, die Frauen, haben diesen Glauben im Herzen der Männer gefestigt und gekräftigt, die heiligen Flammen der Begeisterung fiir Glauben und Religion im Herzen der Kämpfer und Krieger von Neuenr entfacht und entzündet, und mit diesen idealen Waffen versehen, waren sie, die Söhne Israels, unbesiegbar, unüberwindlich. Außer dieser Talmudstelle hat die hebräische Litteratur nur Weniges über die Leistungen der Frauen in den Makkabäer-Kämpfen aufbewahrt; aber auch das Wenige genügt, um uns zu überzeugen, daß es Israel nie an großen, hervorragenden, verdienstvollen, gottbegeisterten Frauen gefehlt hat. Eine kleine Notiz in unserem Gesetzbuch, genannt Schulchan Aruch, berichtet: (Orach Chaim Hilchoth Chanuka rn) „An manchen Orten ist es Sitte, daß man an Chanuka Milchspeisen genießt, weil das Heldenweib Jehudith, als sie in's Lager des Feindes ging, um den obersten Feldherrn — Holofernes — zu tobten, sich mit Milchspeisen versehen, damit sie nicht dort etwa auf die verbotenen Speisen der Heiden angewiesen fei." Wer ist diese Jehudith, wer das Heldenweib, höre ich Sie, m. H., fragen? Diese Frage beantwortet uns ein Gebetstiick, das wir heute, am Sabbat Chanuka, im Tempel sprechen. Das Gebetstüct, das von Vielen gesprochen, aber leider nur von sehr Wenigen verstanden wird, lautet in seiner Uebersetzung wie folgt: „In jener Nacht schützte mich das Heldenweib Jehudith, ein Schild ihrem Volke und den Griechen eine verzehrende Flamme. Als sie Stadt und Bewohner in frommer Buße bemerkte, zog sie aus, von ihrer Magd begleitet, auf Gott ihr festes Vertrauen setzend. Die Zier ihrer Schönheit berichtete man dem König, ein Mägdelein, wie Ihresgleichen nicht in der ganzen Gegend. Es gefiel ihm, sie herbeiführen zu lassen. Er sprach: „Wohin des Weges, laß mich hören!" Sie antwortete: „Aus einem Geschlechts der Propheten bin ich, und sie deuten Dir, mein König und Herr! Urplötzlieu. wenn der morgige Tag kommt, werden Deine Nic>.Verbrecher die Stadt zertrümmern, wie ein irden Geschirr, darum kam ich her, Dir Botschaft zu bringen, damit Du nicht zögerst. Wenn Dein Zorn Deine Feinde. wie Weinreben man im Kelter niedertritt, bedenke freundlich Deiner Magd; die Jünglinge meines Geschlechts mögen Dir Diener sein in Deinem Hause." Er tvieherte wie ein wohlgenährtes, üppiges Roß. Seine Schaaren bewirthete er mit fettem Mahl, mit berauschenden Getränken, er selber zechte sich trunken, und es überwältigte ihn ein betäubender Schlaf. Doch seine Gäste meinten: Um mit dem Mädchen zu kosen, senkt er das Haupt und macht den Schlafenden. Sie indeß, Jehudith, die Gottesfürchtige, hieb ihm den Schädel ab, leicht wie eine Aehrenspitze, nahm ihn und brachte ihn den harrenden Ihrigen, um sie zu erfreuen. Groß war die Freude, sie tanzten fröhlich die ganze Nacht, stimmten Danklieder dem Wundertätigen an, der über ihnen geschwebt, und sie bedacht hatte mit Schonung und Erbarmen. Als der Morgen strahlte und die Frühe leuchtete, schrieen sie mit lauter und Heller Stimme: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein Einzig-Einiger Gott," daß es auch in der Ferne deutlich gehört wurde. Sie bestimmten, das Hallelgebet acht Tage zu beten, und Lichter anzuzünden Jahr für Jahr." Aus dem Inhalt dieses Gebetes, das wir, wie gesagt, heute im Gotteshause gesprochen, entnehmen Sie, daß ein jüdisches Weib mit Todesverachtung, Heldenmüthig, die Macht des Feindes zu brechen und ihr Volk in Hingebung und Aufopferung zu retten suchte, und gerettet hat. Judith tödtet Holofernes, auch der Name dieses Feldherrn wird in jenem Gebete genannt, Judith tödtet den syrischen Feldherrn Holofernes und Israel ist gerettet. Diese Heldenthat der Judith finden wir in zwei sogenannten kleinen Midraschim (Cod. Natic. 285 u. Biblioth. heb. Vodlej. 3446), die nach einer Handschrift der Leipziger Raths-Bibliothek vor wenigen Jahren zum ersten Male in hebräischer Sprache ver-