Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-12-09 · Heft 97 (9.12.1901) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 97 (9.12.1901)
Date
1901-12-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449238--54860-2505582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3145 das dieses ihr zum Kuffe bot, und drängte dann die .Binder, dem an sie ergangenen Rufe Folge zu leisten. „Aber morgen werden Sie doch zu uns kommen, Fräulein Jsabella?" „Gewiß, gewiß das — heißt, wenn ich sicher sein werde, die Großinama nicht zu stören." „Sie stören die Großmama nicht, das weiß ich ganz bestimmt, denn ich weiß, daß die Großmama Sie auch sehr liebt hat. Aber morgen Früh werde ich die Großmama noch extra fragen und dann herunterkominen und es Ihnen ausrichten." „Thut das, liebe Kinder. Jetzt aber eilet, daß Ihr hinaufkommt und grüßet die Großmama von mir. Gute Rächt!" „Gute Nacht, liebes Fräulein, gute Nacht!" Fort rannten sie und der alte Pedro blickte ihnen kopfschüttelnd nach. Diese Intimität seiner Herrin, der Enkelin eines spanischen Granden, mit Judenkindern, hätte er doch nicht für möglich gehalten. Er erlaubte sich aber doch nicht die leiseste Meinungsäußerung über Vie semitischen Lieblinge der Fräulein von Rauhenstein, kräuselte vielmehr die schmalen Lippen zu einer Art liebevollem Schmunzeln, als er ihren Befehl entgegennahm, wenn die Kinder kommen sollten, sie jeder Zeit zu ihr zu führen. „Zu Befehl, gnädiges Fräulein! ES sind aber auch selten liebe, schöne Kinder. Der junge Herr sieht aus wie ein echter Hidalgo." „Finden Sie? — Das kann ich nicht beurtheilen. Ich glaube, er sieht seinem Vater t>s,r ähnlich." „Dem Herrn Doktor, der oben wohnt? — Ja, das mag wohl sein — ist auch ein schöner Herr —" „Ob er schön ist, weiß ich nicht," sagte Fräulein von Rauhenstein tief erröthend, „aber er ist ein wackerer Mann, dem sowohl Juanita, als auch ich die Rettung unseres Lebens verdanken." „Ah, so ist's? —- ja, ich erinnere mich, der Herr Oberst hat auch davon gesprochen. — Na, jetzt begreife ich alles, nur nicht das undankbare Gebühren der Juanita." Das Fräulein nickte ihm anerkennend zu. „Es macht Ihnen Ehre, Pedro, diese Ansicht. Man kann eine ganz fromme Katholikin sein, ohne das Gute zu bemäkeln, das Andersgläubige uns erwiesen haben." „Gewiß, gewiß, gnädiges Fräulein." „Was ich Ihnen noch sagen wollte, Pedro. Im Ganzen bin ich sehr mit der Wohnung und der Einrichtung zufrieden, - alles schön und elegant und am richtigen Platz. Nur den Flügel, den Sie in das Erkerzimmer haben stellen lassen, wünschte ich hier zu haben. Zwischen den Fenstern dort wäre genügend Raum." „Wie das gnädige Fräulein befehlen. Das heißt, ob heute noch Arbeiter zu haben sind, die ihn herübertragen könnten —" „Es eilt nicht, wollen Sie nur dafür sorgen, daß es morgen im Laufe des Tages geschieht." „Gleich in reu frühen Morgenstunden, das gnädige Fräulein können sich darauf verlassen. — Dürfte ich mir vielleicht gestatten, die Gasflammen anzustecken?" „Bitte." Pedro zündete die Flammen am Gaslüster an und blickte dann wie triumphirend in dem schönen Raume umher, denn das Helle Licht, in dem das Zimmer nun erstrahlte, gab demselben ein doppelt anheimelndes Aussehen. Jsabella nickte ihm anerkennend zu. „Sehr schön, mein guter Pedro, wirklich schön, und wenn der Flügel erst dort stehen wird, dann wird es hier noch traulicher sein." Pedro entfernte sich nach tiefer Verneigung. Jsabella trat zu dem offenstehenden Fenster und lehnte hinuas. Unten auf der Straße fluthete noch das rege Leben der Großstadt,- in einer Laterne nach der andern flammte das Helle Gaslicht auf, während hoch oben am Firmament leuchtende Blitze sich kreuzten, ohne daß jedoch der rollende Donner ein Unwetter angekündigt hätte. Es war nur ein Wetterleuchten, wie der Volksmund es nennt. Sie fühlte sich in diesem Augenblick überaus Zufrieden, sowohl mit sich, als mit der Welt. Zwar war sie allein in einer ihr vollständig fremden Stadt, aber im selben Hause wußte sie die Menschen, die sie in den jüngst verflossenen Wochen so lieb gewonnen hatte, daß sie in dem Verkehr mit ihnen alle ihre bisherigen Bekanntschaften nicht vermißte. Doch in welchem Maße sie ihr lieb geworden waren, darüber war sie selbst noch nicht klar. — Sie maß mit den Blicken den Raum zwischen den Fenstern, wo, ihrer Angabe nach, der beste Platz für das Klavier war. Nun ja, es konnte dort stehen, zweifelsohne würde es aber dort besser stehen, als im Erkerzimmer, wo es sich jetzt befand. Wieder zuckte ein Lächeln um ihre feingesvalteneu Lippen. — Was wohl Pedro gesagt hätte, wenn sie ihm erklärt, das Klavier müsse herüber, weil sse von den Kindern erfahren, daß über ihrem Erkerzimmer der Doktor sein Sprechzimmer hatte und daß sse daher fürchtete, ihn durch ihr Spiel zu belästigen. Das aber wollte sie um keinen Preis, lieber hätte sie nie wieder eine Taste angerührt, so sehr sie auch die Musik liebte Und wie sie das nochmals und abermals überdachte, stieg ihr abermals das Blut in die Wangen und wiederum klopfte ihr Herz rascher. Als am anderen Morgen ihre kleinen Freunde wieder zu ihr kamen und sie versicherten, die Großmama habe gesagt, Fräulein von Rauhenstein störe sse nie und sie werde sich immer freuen, dieselbe bei sich zu sehen, da forschte sie doch, ohne daß die Kinder es merkten, diese erst aus, wann sie sicher war, den Doktor nicht zu Hause zu treffen und daun erst gab sie ihren Bitten nach und ging mit ihnen hinauf. Und so hielt Jsabella es fortan Tag für Tag. Die Zeit, zu der Dr. Müller seine Krankenbesuche machte, verbrachte sie zum größten Theile in seiner Wohnung bei seiner Familie-, war er jedoch zu Hause, so ließ sie sich selten oben sehen, doch kamen zu dieser Zeit die Kinder oft zu ihr und auch Frau Müller besuchte sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.