Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 95 (2.12.1901)
- Date
- 1901-12-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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2088 herangebildet, und in sie den Keim zur späteren Größe gelegt haben. Nach den üblichen Trauergesängen seitens des Oberkantors Adolf N e u s e l d wurden sodann die sterblichen Ueberreste des Verstorbenen dem Schoße der Erde übergeben. Amerika. Montreal, 24. Nov. Ueber eine unerhörte Gewaltthat hat der Rabbiner der hiesigen svamsch-portugiesischen Synagoge, Herr Mendoza de Sola berichtet. Es eristirt nämlich seil fast 100 Jahren in Three Rivers. halbwegs Zwischen Montreal und Driever, ein jüdischer Friedhof, dessen Grund und Boden, seiner Zeit nicht einer einzelnen Person, noch einer einzelnen Korporation, sondern sänimtlichen Israeliten der Provinz O.uebec im Allgemeinen notariell und nach allen Vorschriften der Gesetze vermacht worden ist; aus diesem Friedhofe ruhen die Pioniere des Judenthums in Ea nada, hier wurde auch der erste Jude, welcher als englischer Soldat starb, begraben. Vor einigen Monaten stellte die Stadt Three Rivers bei Gericht den Antrag, diesen Friedhof zu expropriiren und die Todten auf einen anderen Platz zu übertragen, angeblich, weil der Friedhof der Gesundheit gefährlich sei — seit 40 oder 50 Jahren ist aus demselben überhaupt Niemand mehr begraben worden — in Wirtlichkeit, weil eine gewisse Persönlichkeit den Plar; zu haben wünschte. Während die Advokaten der Montrealer Synagogen noch darüber beriethen, w i e man den Plan vereiteln könnte, „bewies'' ein Nachkomme des ursprünglichen Schenkers, daß der Platz i h m von rechtswegen gehöre und so verkaufte er ihn denn an die erwähnte Person. Die Stadtbehörden aber stellten alle weiteren Verhandlungen ein und be^ wiesen dadurch, daß sie von dem ausgeheclten Plane wohl wußten und ihm nichts in den Weg-legen wollten. Die Gebeine wurden ausgegraben und nach einem uneingeweihten Stück Land übertragen, die Montrealer Gemeinde erhielt dann einen höflichen Brief von der Stadt, in welchem mitgetheilt wurde, daß nunmehr die nothwendigen religiösen Ceremonien auf dem neuen „Friedhose" vollzogen werden könnten. Wer bürgt nun den jüdischen Gemeinden dafür, daß der Eigener des Landes, wo die Gebeine jetzt liegen, dasselbe nicht auch eines Tages verkauft? Wie es heißt, werden die Synagogen Montreal's gemeinsame Schritte unternehmen, um nicht nur eine ausreichende Sühne für das begangene schwere Unrecht, sondern auch Garantieen gegen eine Wiederholung einer solchen Gräberschändung zu erhalten. Vermischtes London. Am 12. November waren 60 Jahre verflossen. seitdem die verbreitetste jüdische Zeitung in England, „JervifhICHronicle" ihre er . e Nummer veröffentlicht hat. Feuilleton. Nach vierhundert fahren. 22] Von Friedrich Rr»tt. Jsabella war in Wirklichkeit gespannt auf den Plan des Onkels, dieser jedoch, sonst kein Geheimnißkrämcr, ließ sich nicht bewegen, ihn vor der von ihm bestimmten Zeit zu verrathen und amüsirte sich höchlichst über die Bemühungen des jungen Mädchens, ihn zu errathen.-- Die Woche verstrich in heiterster Weise und ehe sie sich desien versahen, war die Abschiedsstunde gekommen. Herr von Rauhenstein war abgereist, nachdem er Frau M'.iller wiederholt versichert hatte, es gewähre ihm eine ganz besondere Beruhigung, seine Nichte unter ihrem Schutz zu wissen und in Gesellschaft ihrer lieben Kinder, die das junge Mädchen so sehr liebte. Der Doktor war bereits früher abgereist und wurde erst gegen Ende der kommenden Woche wieder erwartet. So verbrachte Jsabella wieder nahezu ihre ganze Zeit in Gesellschaft der Familie Müller, und auch Juanita begann, sich in das Unabänderliche zu fügen, freilich noch immer nicht ohne Groll.--- Es war am Freitag Morgen; Jsabella lehnte in? geöffneten Fenster und spähte nach deni Postboten, der ihr, wie sie hoffte, Nachricht von dem Onkel bringen werde. Und ihre Erwartung hatte sie nicht getäuscht, da bog schon der Briefträger um die Ecke und schritt direkt auf die Strandvilla zu. „Haben Sie etwas für mich?" rief ihm Jsabella entgegen. Der Mann legte grüßend zwei Finger an die Kappe, dann entnahm er seiner Tasche einen Brief und las die Aufschrift: „Ihrer hochwohlgeboren Fräulein Jsabella von Rauhenstein!" „Das bin ich," sagte sie, indem sie das Schreiben in Empfang nahm. Hastig erbrach und entfaltete sie es. Kaum hatte sie die erste Seite desselben gelesen, als sie einen Freudenlaut ausstieß und spornstreichs ans dem Zimmer die Stiegen aufwärts eilte. Juanita, die eben in das Zimmer getreten war, blickte ihr kopfschüttelnd nach. „Schon wieder zu den Juden, imiuer zu den Juden, die haben es ihr angethan. Unser Eins kommt gar nicht mehr in Betracht. Möchte wissen, was ne hat. Der Oberst muß ihr ganz was Besonderes geschrieben haben, das sic den Juden so geschwind mittheilen muß. D i e werden es schon wissen." — Diese wußten es in der That schon. Jsabella, in ihrer freudigen Erregtheit, hatte die Thürs des zur Veranda führenden Zimmers geöffnet, ohne anzuklopfen, — das Zimmer war leer. Die Kinder waren draußen auf dem Balkon.