Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 95 (2.12.1901)
- Date
- 1901-12-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2089 „Guten Morgen, Ihr Leutchen!" rief sie ihnen zu, „wo ist die Großmama?" Beide sprangen ihr entgegen, indem sie den Gruß erwiederten. „Tie Großmama ist in der Küche/' fügte Selma hinzu, „de seist tuv: Fleisch." „Hör! Kinder! Jetzt eben habe ich einen Brief von meinem Tutel erhalten: gestern war er in L., und denkt Euch nur, in demselben Hause, in dem Ihr wohnt, werde ich auch wohnen." „Ach wie schön! mir schön!" jubelten die Kinder. „Großmama! Großmama!" riefen sie der eben Gintretenden entgegen. „Fräulein Jsabetta wird in L. . . auch bei uns wohnen! Nicht wahr, darüber freust Du Dich auch?" „Das ist aber nett," sagte Frau Müller, indem sie das junge Mädchen herzlichst begrüßte. „Sie können sich gar nicht denken, Frau Mütter, wie lehr ich mich darüber freue. Habe ich nicht einen lieben, prächtigen Onkel? Da will er mir durchaus nicht sagen, was für einen Plan er für mich hat, weil er nänstich nicht lvußte, ob eine Wohnung in Ihrem Haufe leer ist." ..Die erste Etage steht schon seit dreiviertel Jahren leer." „Fa, ja, mein Onkel schreibt, er habe die erste Etage für mich gemietbet und den alten Pedro beauftragt, sie einzurichten. In zwei oder drei Wochen könnte alles fertig sein und ich könnte sie beziehen, wenn es mir paßt. Ist das nicht ein köstlicher Einfall von meinem lieben Onkel? Jetzt muß ich ihm aber gleich einen großen Daulbrief schreiben. Wenn ich nur wüßte, wie ich ihm auch eine große Freude machen könnte?" „Das wissen Sie nicht? Schreiben Sie ihm, daß Sie Ihren Vetter heirathen wollen." Jsabetta lachte hell auf. „Was hätte ich dann von meiner Wohnung in Ihrem Hause?" „Nun, Sie könnten den Winter über bei uns in L. . . bleiben und im Frühling den Vetter heirathen. Ich möchte wetten, Ihr Onkel hofft Derartiges." Das junge Mädchen zog die Stirne in Falten. „Daß der Onkel Derartiges hofft, glaube ich allerdings, aber, aber — ich versichere Sie, gnädige Frau, loenn ich den Vetter nur halb so lieb hätte, wie den Onkel, so würde ich ihn heirathen, ganz gewiß, weil der Onkel es so sehr wünscht. Aber ich bin überzeugt, wir würden Beide unglücklich werden." „Wenn Sie davon überzeugt sind, dann dürfen Sie ihn nicht heirathen. Ihr beiderseitiges Unglück will doch Ihr Onkel auch nicht. —- Aber was wird nur Ihre Juanita sagen, wenn sie hört, daß Sie für die Datier unter demselben Dach mit Juden wohnen? Ihr Bedienter? Tenn >em Namen nach ist er doch auch ein Spanier —" „Freilich ist Pedro ein Spanier, daran zu zweifeln wollte ich Keinem rathen. Pedro hält aber streng auf! Disziplin, nie hätte er sich auch nur einen kritischen Ge- * danken über das Thun oder Lassen seiner Herrschaft gestattet —" „Aber Juanita —" „Wenn es ihr nicht gefällt, mag sie gehen. Sie möchte doch ohnehin heirathen und glaubt nur, bis nach meiner Heirath warten zu muffen. Aber ich weiß überhaupt noch nicht, ob ich je heirathen werde, vorläufig verspüre ich noch nicht die geringste Lust dazu, denke vielmehr ernstlich daran. Medizin zu studiren. — — Schütteln Sie nicht den Kopf, liebe Frau Müller. Ich weiß wohl, das gefällt Ihnen nicht; und bei normalen Verhältnissen mögen Sie Recht haben, daß die Frauen für die Familie und nicht für das Studium geschaffen sind. Aber ich habe ja teine Familie, für die ich leben könnte, außer meinem Onkel habe ich Niemanden —" Tie kleine Selma verstand zwar nur zur Hälfte, was Fräulein Jsabetta sagte, aber an dem leisen Beben ihrer Stimme bei den letzten Worten erkannte sie ihre Erregtheit. Sie schmiegte sich an sie und streichelte ihre Hände. „Wir haben Sie sehr, sehr lieb, Fräulein Bella, nicht wahr Viktor?" Der Knabe antwortete nichts, aber der warme Blick seiner leuchtenden Augen sagte mehr als Worte. Frau Müller hatte zivar auch die aufrichtigste Freude, das junge, elternlose Mädchen, das sich ihnen mit solcher Innigkeit angeschlossen hatte, für längere Zeit in ihrer Nähe zu behalten. Dennoch empfand sie es wie eine gewisse Verantwortlichkeit, die der Oberst durch dieses Arrangement ihr aufbürdete, der sie sich nicht vollständig gewachsen fühlte. Deutlich erinnerte sie sich, daß er sich eingehend nach dem Verkehr in ihrem Hause erkundigt hatte, ob auch Nichtjuden Zutritt bei ihnen hätten, und daß sie ein Befriedigung ausdrückendes Schmunzeln bei ihm wahrgenommen, als sie erwiedect hatte, daß außer einigen christlichen Kollegen ihres Sohnes, nur Glaubensgenossen in ihrem Hause verkehrten. Den Umgang mit diesen gönnte er seiner Nickte von Herzen, weil er es für unmöglich hielt, daß sie an einen Juden ihr Herz verlieren könnte und die paar christlichen Aerzte, die sie dort kennen lernen konnte, bah — tie würden einem Fräulein von Rauhenstein auch nicht gefährlich werden.-- Noch einige Wochen vergingen in heiterster Weise au dem freundlichen Strande der Ostsee, dann nahten die ernsten Herbstfesttage und die Familie Müller rüstete sich zur Heimkehr und, als würde es sich von selbst verstehen, auch Fräulein von Rauhenstein befahl, ihre Koffer zu packen, um gleichzeitig mit ihren Freunden die Reise nach L. . . . zurückzulegen. Juanita hatte für ihre Herrin wie gewöhnlich eine Fahrkarte erster Klasse gelöst. Isabella war jedoch im Gespräch mit Frau Müller in dasselbe Koupee, wie diese, gestiegen und nahm nun zwischen Viktor und Selma ihren Sitz ein. Als der Schaffner die Karten koupirte, bemerkte er höflich.- „Das anstoßende Koupee ist erster Klasse, wollen