Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 95 (2.12.1901)
- Date
- 1901-12-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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208$ Die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur in Deutschland machen jetzt eine Krisis durch, nachdem eine gewisse Ermüdung sich eingestellt hat. Die Vereine werden diese Zeit nur dann überwinden, wenn sie nicht nur mit geschichtlicher, sondern auch mit religiöser Begeisterung sich erfüllen und ihre tausende Mitglieder nicht nur zum Anhören von Vorträgen sechsmal im Winter veranlassen, sondern sie aus dem Wege der jüdischen Geschichte und Litteratur zum praktischen religiösen P s! i ch t l e b e n hin -• führen. Zeitungsnachrichten unv «Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 26. Nov. Die an den hiesigen jiidischen Rcligionsschulen amtirenden Lehrer, welche keine facultas docendi besitzen, sind von der hiesigen städtischen Schuldepulition aufgefordert worden, sich an das Provinzialschulkollegium behufs Bewilligung eines llnterrichtserlaubnißscheines zu wenden. Wie nun aus zuverlässiger Quelle bekannt wird, ist dies zurückzusühren aut Veranlassung der Großen Jüdischen Gemeinde zu Berlin, deren Vorstand um diese Maßregel nachgesucht haben soll, weil es häufig vorgekommen, daß Unbesähigte lKausleute und Handwerker) an Privatreligionsschulcn unterrichtet haben. Hamburg, 28. Nov. Eines der angesehensten Mitglieder unserer Gemeinde, Herr Hirsch B. Cohn, beging dieser Tage in geistiger und körperlicher Frische das seltene Fest des neunzigsten Geburtstages. Der Jubilar, ein Schüler des unvergeßlichen Ehacham Isaak Bernays s. A.. zu dem er mit beispielloser Verehrung aussah, hat sich um die Förderung des Talmudstudiums in unserer Stadt unvergängliche Verdienste erworben. Als vor jetzt wohl 52 Jahren Isaak Bernaus der Hamburger Gemeinde durch einen plötzlichen Tod viel zu früh entrissen wurde, setzte Hirsch Cohn seinem Lehrer ein unsterbliches Denkmal durch Begründung des Vereins „Qhel Jizchak," der seinen Zweck, das Thorastudium zu heben und das geistige Leben in der Gemeinde im Sinne des Heimgegangenen großen Meisters zu fördern, großartig erfüllt hat, denn derselbe zählt zu den bedeutendsten Lehrvereinen der Gemeinde: noch heute hält hier unser allverehrter Herr Dr. S. P Nathan seine berühmten Vorträge. Aber auch sonst stand der Jubilar, wo es galt, für die Interessen des gesetzestreuen Judenthums einzutreten, in erster Reihe. Durch seine Wohlthatigkeit und seinen unverwüstlichen Humor gehört er zu den stadtbekannten Personen. Dem wackeren Greis, dem es vor drei Jahren vergönnt war, mit seiner Gattin das Fest der Diamant-Hochzeit zu begehen, wurden an seinem Ehrentage aus allen Kreisen herzliche Ovationen bereitet. Möge ihm an der Seite j seiner Gattin noch ein langer, schöner Lebensabend be j schieden sein! j Hamburg, 28. Nov. Unter überaus reger Betheij ligung fand heute Vormittag lOf/o Uhr die Beerdigung des nach kurzem Krankenlager im 68. Lebensjahre verstorbenen Herrn Moses W e i n h e i m s. A. statt. Der Verstorbene hatte als Mitglied des Israelit. Armenkollegiums unter Uebernahme der Fremdenpflege sich vollständig diesem Zweige der öffentlichen Wohlthätigkeit in durchaus uneigennütziger Weise gewidmet und auf diesem Gebiete so Hervorragendes geleistet, daß es schwer sein dürste, einen passenden Ersatz für ihn zu finden. Erst unlängst war Herr Weinheim auf der bekannten Repatriirungs-Konserenz in Breslau als Hamburgischer Vertreter anwesend, woselbst er mit seinen bedeutenden Erfahrungen werthvolle Dienste leistete. Man muß die Hamburgischen Verhältnisse auf dem Gebiete der Fremdenpflege kennen, oder braucht nur zunächst an den transatlantischen Schiffsverkehr zu denken, um die Thätigkeit eines Mannes zu würdigen, der fortwährend von durchreisenden Hilfsbedürftigen und Verlassenen belagert wird und diesen — zuweilen gar mit erschöpfter Kasse — Unterstützung und Hilfe bieten soll, und wie hat er seine schwierige Aufgabe ersaßt?, geradezu ideal, d. h. in weiser Ausübung des göttlichen Geleites T» ntt onsnsi* Als jüngster Sohn des vor länger als fünfzig Jahren verstorbenen Hamburgischen Dajans und Klausrabbiners pSi mna nnctpaa burt entstammt er einem edlen Hause, und so war auch sein Wirken ein edles. In der Leichenhalle des jüdischen Krankenhauses hielt Se. Ehrw. der Herr Qberrabbiner dem Dahingeschiedenen die wohlverdiente Trauerrede, ihn in Anlehnung an den Wochenabschnitt mit irax apy1 vergleichend. Dann sprach des Verstorbenen Nesse, Herr Rabb. Dr. I a - c o b s o h n , Gnesen, Namens der Familie tief empfundene Klageworts, schließend mit dem Nachrufe: "bni “jp-tt -ps*?. Aus dem alten nnapn n - zu Wandsbeck, woselbst seine leider früh (1871) verstorbene Gattin Lea geb. Hirsch begraben liegt nu? ri« vnap ran bat man auch ihn gebettet. rraaun. H. B. Ttettin, 18. Nov. (Pfarrer Krösell- Kloxin wegen Hausfriedensbruchs vor Gericht.) Der Pfarrer Krösell aus Kloxin, der als antisemitischer Wanderredner, besonders in Sachen des bekannten Konitzer Mordes, sowie als Veranstalter antisemitischer Versammlungen in der Provinz Pommern und darüber hinaus von sich reden gemacht, hatte sich am 1. d. Mts. vor der 1. Strafkammer des kgl. Landgerichts hier als Berufungsinstanz in bekannter Hausfriedensbruchs-Affaire zu verantworten. Zur näheren Orientirung sei der der Anklage zu Grunde liegende Thatbestand noch einmal kurz rekapitulirt: „Krösell war am 30. Januar im Dorfe Woltersdorf im Greifenhagener Kreise des Abends in das Haus eines ihm bekannten Herrn Sp. gekommen, uni dort Quartier für die Nacht zu finden. Er hatte bei dieser Gelegenheit — wie er angibt, um zu bestellen.