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Der Israelit · 1901-12-02 · Heft 95 (2.12.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 95 (2.12.1901)
Date
1901-12-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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3084 Plauderstündchen nach des Tages Arbeit, als Näscherei nach dem Abendbrod erscheinen. So bleiben nur die Disluffionsabende für gebildete Menschen und die festlichen Veranstaltungen für das Volk, die indeß mit dem eigentlichen wissenschaftlichen Charakter der Vereine nichts zu thun oder zu thun haben sollten. Und die Vorträge selber? Mancher von ihnen nützte, die meisten bleiben einflußlos und viele schaden. Den größten Schaden erleiden die Vortragsabende und damit die Vereine durch die Persönlichkeiten mancher Redner und durch den Inhalt der Vorträge. Wir können uns wobl denken, daß der gediegene, durchdachte Vortrag eines beredten und gelehrten Rabbiners über eine religionswissenschaftliche Frage dauernd auf Geist und Gemüth zu wirken vermag; wir können uns denken, daß die begeisternde Rede eines Historikers oder Schriftstellers über eine Geschichtsperiode oder Persönlichkeit hinzureißen vermag, daß in einem geschickt geleiteten Diskuffionsabend manches zu lernen ist, aber diese günstigen Momente sind nicht immer vorhanden, und die Wirkung der meisten Vorträge zerfließt wie Schall und Rauch, falls sie nicht — schädlich wirken. Mir sind weit davon entfernt, zu glauben, daß gewisse Redner mehr an ihr Honorar, als an den Litteraturverein denken, aber woher kommt es, daß unseres Wissens fast kein einziger der bedeutenden Redner, einmal cat? cvb um der guten, großen Sache willen, eine größere Reise unternimmt und sich mit den Reisekosten begnügt?''') Warum denken so viele Redner meist nur an das, was es ihnen bringt und nicht an das, was sie den andern geben? Darunter leidet die Sache sehr, und es gewinnt oft den Anschein, als ob die Litteraturvereine nur da wären, um manchem Dutzendredner als Einnahmequelle zu dienen. Oder wie soll z. B. ein Mann das deutsche Judenthum fiir seinen Väterglauben begeistern, wenn er selber eine Christin zur Frau hat und seinen Sohn als Christen erzieht! Es ist das fast dieselbe Logik, als wenn man ein Werk über berühmte Juden schreibt und dann fast lauter getaufte Juden vorführt. Soll inan einem jüdischen Rinde ein solches Buch schenken, damit es der Hoffnung leben kann: „Ich laste mich auch einst taufen, dann korume ich vielleicht einmal unter die berühmten Juden des Dr. £." Ober sollen Männer für das Judenthum begeistern, die, wie man uns mittheilt, am Freitag Abend nach ihrem Vortrage sich gemütlich ihre Cigarre anstecken? Sollen Männer begeistern, die praktisch mit dem ganzen jüdischen Pflichtleben gebrochen haben und oft geradezu bewußt Aeußerungen thun, die das Gemüth des strengreligiösen Zuhörers verletzen wüsten? In der Rednerliste der Vereine figurirt ein junger Mann, ein christlicher Redakteur, der, um sich eine kleine Nebeneinnahme zu schaffen, über seine Reise nach Palästina berichtet, die er vor Jahren im Aufträge seines Blattes gemacht hat. Glaubt man wirklich, daß der Herr ein *) In unserem hiesigen Verein: „Liwias Chen" ist das > schon öfters vorgekommen. Red. dV„Jsr". I jüdisches Publikum zur Glaubenstreue entzünden wird? Dazu kommen die Themata, die mit dem Judenthum oft gar keinen Zusammenhang haben. So und so viele Redner sprechen über den „jüdischen Salon" und malen reizvoll Henriette Herz und die andere gewaltig berühmte getaufte Gesellschaft — gehört das in einen jüdischen Litteraturverein? Das schadet ja hundert Mal mehr, als es nützte. Es wird uns von einem, dem positiven Judenthume durchaus fernstehenden Arzte berichtet, daß er mit Vorliebe über Leopold Kompert spricht und mit besonderem Wohlgefallen bei der Mischehe verweilt, für die jener Dichter eintritt. Es ist überhaupt seltsam, daß oft Vorträge behandelt werden, die nicht auf Grund eigener Studien, sondern mehr auf Grund emsiger Lektüre anderer gedruckter Werke gehalten werden. Zunächst müßte doch Jeder nur d a - r ii b e r sprechen, was er studirt hat u. was er versteht: der Theologe über sein Gebiet, der Arzt und Anwalt über seine Wissenschaft, soweit sie zu Juden und Judenthum Beziehung hat, der Litterarhistoriker über den Dichter und Schriftsteller! Der Verbandsausschuß müßte daher vor allem dafür sorgen, daß die Rednerliste nur die geeigneten Namen und die geeigneten Themen aufnimmt, dann, daß in den Vereinen zunächst die e i g e n e n Kräfte in Vorträgen und Diskussionen sich üben, dann, daß mehr die Bibliotheken und die Lektüre im engeren .Kreis an bestimmten Abenden gepflegt wird, schließlich, daß möglich wenig fremde Redner berufen werden, wenn das aber der Fall ist, man auf gediegene, erstklassige Kräfte zurückgreist. Die Vorträge sind mehr Dekoration. Läßt man sie aber halten, dann lieber einen guten, als drei seichte und mittelmäßige. Die Vereine müßten ferner von eigenen befähigten Mitgliedern, sei es auch frei nach anderen Werken, einen Winter lang systematisch eine Reihe von laufenden Vorträgen über eine bestimmte Geschichisperiode des jüdischen Volkes halten lasten: das ist werthvoller, als wenn irgend ein Ereigniß oder eine Persönlichkeit aus der Geschichte herausgegriffen und in flüchtiger Stunde dargestellt wird. Vor allem aber, wie gesagt, müßten die Werke der jüdischen Litteratur in geeigneten Uebersetzungen gelesen werven. Namen und Daten vergißt man, die Lektüre hinterläßt Eindruck. Vom Stuvium des Sveisezettels wird mau nicht satt, man muß auch essen. Aber selbst wenn alle diese Bedingungen sich erfüllen. wird die Zukunft der Vereine erst dann gesichert sein, wenn sie ihre Aufgabe erweitern, wenn sie F o r tb i l d u n g s u n t e r r i ch t für Lehrlinge und Kommis einrichten, wenn sie auch das Studium der B i b e l und der Propheten im Urtext an bestimmten Abenden ermöglichen, vor allem aber, wenn cs ihnen gelingt, auf diesen verschiedenen Wegen — auch durch festliche und gemächliche Veranstaltungen — auf den religiösen Sinn zu wirken. Man kann sehr gut die jüdische Litteratur kennen und dabei taufreis sein. Wenn nicht die Liebe zur Religion das Ziel aller Vereine ist, dann ist alles, alles umsonst.

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