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Der Israelit · 1901-12-02 · Heft 95 (2.12.1901) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 95 (2.12.1901)
Date
1901-12-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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42. Jahrgang. M 05 Der Israelit. Ein Kenlrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Xxhxii ann in Utaittf. Air on 1 ag, den 2. Dezember 5662 Leitender Artikel. Die jüdischen Litteraturvereine. Berlin, 27. November. Die Saison der Theaterpremieren, Konzerte und Litteraturvereine hat begonnen. Die Herren aus den offiziellen Rednerlisten rüsten sich zur Reise, in Berlin wie in der Provinz beginnen die „öffentlichen Vorträge" und die „Diskussions-Abende," und es wird viel in jüdischer Geschichte und Litteratur geredet. Es verlohnte vielleicht einmal, Erwägungen darüber anzustellen, ob die Litteraturvereine, die ja schon die Zahl Hundert weit überschritten haben, einen größeren Einfluß oder einen Einfluß überhaupt auf das religiöse Leben der deutschen Juden und auf ihre Treue zum Väterglauben ausgeübt haben, und ob sie wirklich eine ernstere Bedeutung in den geistigen Strömungen der deutschen Judenheit beanspruchen dürfen. Es ist ganz fraglos, daß Herr Dr. Gustav K arge l e s , als er die Idee der in Frankfurt a. M. und anderswo schon vorhanden gewesenen Litteraturvereine über ganz Deutschland auszubreiten begann, von den besten Absichten beseelt war, und daß er freudig Zeit und Kraft noch heute der Sache weiht. Der Begründer wollte offenbar das Cbeder des Ostens und das entschwindende Talmud-Thorastudium in Deutschland durch diese Geschichtsvereine ersetzen, er wollte in weiteren gebildeten Kreisen, die gleichgiltig dem Judenthum gegenüberstanden und vielleicht nie das Gotteshaus betraten, Begeisterung wecken, er wollte den religiösen, aber weniger gebildeten Kreisen Wissen geben, er veranstaltete hier Vortragsryklen bei bedeutsamen geschichtlichen Ereignissen, regte an Chanuka und Purim-festliche Veranstaltungen an und gab ein litterarisches Jahrbuch heraus, das zumeist aus gehaltenen Vorträgen bestand. Ja, er wollte! Das alles war überaus rühmenswerth, und wird ein Verdienst des Mannes bleiben. Ob aber die Litteraturvereine in ihrer bisherigen Arbeit dauernde Wirkungen hervorgerufen haben? Das ist leider zu bezweifeln. Ein bekannter jüdischer Gelehrter, der gleichzeitig Dozent an einer jüdisch-theologischen Anstalt war, sagte einmal, als man ihn um seine Ansicht über die Vereine fragte: ,.Es herrscht im Himmel mehr Freude über einen Jehudi, der täglich seine Tefillin legt, als über hundert jüdische Litteraturvereine." Nun ist ja der Einfluß dieser Vereine auf das praktische, religiöse Leben thatsächlich ein verschwindend geringer, und das kann ja auch nicht anders sein, da religiöse Momente, schon um Streitigkeiten zu vermeiden, ohne weiteres aus den Debatten ausscheiden. Es soll mehr das geschichtliche Bewußtsein wachgerufen werden, indem man die Vergangenheit des jüdischen Stammes vorführt, und die Zuhörer mit den literarischen Schätzen des Judenthums bekannt macht. Das wäre ja auch schließlich ein treffliches Verdienst, wenn diese Aufgabe so leicht sich erfüllen ließe, und man auf diesem Wege zur Verehrung der jüdischen Religion gelangte. Der „Israelit" bringt ja so manchen Bericht über glaubensvolle, begeisternde Vorträge, die allerdings ebensogut ohne die feste Form des Vereins gehalten werden und gehalten sein könnten. Jndeß die große dauernde Wirkung eines Vortrages gehört zu den Seltenheiten. Der radikale Jude, der nicksts hält, an nichts als an Darwin und an seinen Geldbeutel glaubt, und bisher allem Jüdischen sernblieb, wird zumeist auch dem jüdischen Litteraturvereine fernbleiben und ihn vielmehr, natürlich fälschlicherweise, als ein störendes, konfessionelles Moment betrachten, das ihn immer, schon in dem Namen des Vereins, an seine Abstammung erinnert. Es wäre interessant, einmal sestzustellen, wie viele jüdische Richter den Vereinen als zahlende oder gar als thätige Mitglieder angehören. Unkenntniß und Feigheit aller Orten. Dem religiösen Glaubensgenossen aber werden alle, oder wenigstens die meisten Vorträge nur als ein

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