Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1901)
- Date
- 1901-11-28
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449235--54784-2505503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2080 das Schächten eine Thierquälerei, überlaste er Jedermanns Urthcil. Anderswo, in Feld und Wald, habe man für ein Thier einen Gnadenschuß bereit, *) hier werde es zu Tode gemartert. Er habe 10 Minuten nach erfolgtem Schächtschnitt seinen Stock den Augen des Thieres genährt und sich überzeugen müssen, daß dasselbe nock bei Bewußtsein war.-) Wenn der Magistrat Werth darauf lege, für Potsdam allein das Schächtverbot nicht befürworten zu können, so erwiedere er demselben, daß wir uns für Spandau oder einen anderen Ort doch nicht zu interessiren haben, sondern nur Herren im eigenen Hause sein wollen. Bemerkenswerth sei auch der Widerspruch, daß Dr. Friedländer die Zahl der Familien, die geschachtetes Fleisch essen, nur aus 4—5 angegeben habe, Hofschlächtermeister Müller dagegen aus 34. Er sei selbst öfter zu Juden in Beziehungen getreten und habe bei Diners wahrgenommen, daß dieselben keinerlei Fleisch zurückwiesen. Daß es sich um eine Religionssatzung handle, sei unrichtig, es handle sich vielmehr um eine Speisevorschrist. '*) Erst mag das Thier betäubt werden, dann möge man es schachten, so viel man wolle. Die vom Stadtrath Zwicker und Bürgermeister Borkastner gemachten Vorschläge verstehe er nicht, obgleich er namentlich den ersteren mehrmals durchgelesen habe. Warum könne denn die von ersterem vorgeschlagene Aushebung des ß 17 der Schlachthosordnung bei der in einigen Monaten vorzunehmenden Abänderung der Schlachthofordnung nicht sofort erfolgen. Auf den Erlaß des neuen Schlachthosgesetzes können wir noch lange warten. Er bedauere auch den Widerspruch des Magistrats, der einmal versichert, er sei kein besonderer Freund des Schächtens und andererseits den Erlaß eines Schächtverbots hartnäckig bekämpft. Schon jetzt den Bezirksausschuß anzurufen, liege noch keine Veranlassung vor, erst sollte die Entscheidung in der Angermünder ^Streitsache abgewartet werden. Auch möge immer noch die Hoffnung bestehen, daß unser gegenwärtiges Stadtoberhaupt seine Ansicht in Betreff des Schächtens ebenso ändert, wie sein Vorgänger in betreff der indirekten Steuern Er empfehle daher, mit Bedauern von der ablehnenden Haltung des Magistrats Kenntniß zu nehmen und sich eine nochmalige Anregung zu geeigneter Zeit vorzubehalten, d. h. sobald in der Angermünder Streitsache, gleichviel ob zu Gunsten oder Ungunsten, entschieden sein wird. Stadtverordneter E n d e r s trat als enragirter Gegner des Schächtens auf und vertrat den Standpunkt, daß sofort die Klage gegen den Magistrat eingeleitet werden sollte. Den Werth der in's Feld geführten Gutachten beztveifle er; die Befürworter des 1) Dtadjbem es in angeschossenem Zustande vorher Stundenlang herumgehetzt worden ist. Red. d. Jsr. 2) Also die bekannten unwillkürlichen Reflexbewegungen nimmt der Herr Referent für -Bewußtse n" und will aus Grund dieses Jrrthums das Schächten verbieten. Red. 3) Wo hat Herr Steinbach jüd. Theologie sludirt? Red. d. Jsr.! Schächten« hätten nur den Schächtungen beiwohnen sollen, die dem Ausschüsse auf dem Schlachthofe vorgeführt wurden. Dahei habe es sich noch dazu um eine „Paradeschlachtung" gehandelt, wie möge es nun erst sein, wenn wir nicht dabei sind. Er sei sonst ein friedliebender Bürger, die vorgeführten Schächtungen hätten ihn aber derart entrüstet, daß er mit erhobenen Knütteln hätte dazwischen gehen mögen, um diese Thierschinderei zu verhüten. Die Politik spiele bei dieser Frage gar keine Rolle, sondern lediglich die Moral. Wer unter uns, die wir einer Kulturnation angehören, lebt, der möge sich unfern Gewohnheiten anpassen, wer es nicht will, dem stehe es ja frei, dorthin zu gehen, wo geschachtet werden darf. Die für das Schächten eintreten, essen nicht einmal selbst geschächtetes Fleisch, so ängstlich sei es also garnicht mit der Vorschrift. Darüber, daß Potsdam jemals eine Stadt werden könne, wo Leute wohnen, die nur geschächtetes Fleisch essen, könne man unbesorgt fein, die ziehen nach Wannsee, Reubabelsberg und anderen Vororten. Er widerspreche der vom Referenten vorgeschlagenen Berzögerung der Angelegenheit und beantrage die sofortige Einleitung der Klage und namentliche Abstimmung darüber. Stadtverordneter Frölich behauptete, daß die Haltung des Magistrats in der Bürgerschaft allgemeine Entrüstung hervorgerusen habe. Man verstehe den Widerstand gegen einen Stadtverordnetenbeschluß. der fast einstimmig gefaßt sei, nicht, während der Magistrat, wie verlautet, nur mit einer Stimme dagegen gestimmt haben soll. Es wäre zu wünschen, daß unser Stadtoberhaupt nicht erst nach seiner Penstonirung anderer Meinung werde. Die Angermünder Entscheidung liege bereits zu Ungunsten der Juden vor. Daß der Magistrat sich im gemischten Ausschuß auf das Gutachten des Oekonomieratbes Plehn berufen habe, verstehe er nicht, wo doch zahlreiche andere Gutachten berühmter Autoritäten vorlicgen, auch der thierärztliche Kongreß die Schächtmethode verworfen habe. Wir wollen gleiches Recht für Alle, nicht aber, daß, wie letzthin hier vorgekommen, ein Schlächter in 10 Mk. Geldstrafe genommen werde für das, was einem andern erlaubt sei. Es sei unwahr, daß sich der deutsche Fleischertag gegen das Schächtverbot ausgesprochen habe. Derselbe habe den Gegenstand vielmehr von der Tagesordnung abgesetzt, um sich zunächst abwartend zu verhalten. An die befürchtete Schädigung Potsdams glaube er nicht, gerade wie solche auch nicht für Sachsen eingetreten sei. Es sei geradezu charakteristisch, daß der Magistrat in dieser Frage Arm in Arm mit Dr. Friedländer marschiere. Bei diesem letzteren sei es noch verständlich, beim Magistrat aber nicht. Wir wollen nicht länger die Fleischtheile essen, die der Israelit verschmäht, auch sei dargethan, daß geschächtetes Fleisch wegen des ungenügenden Ausblutens des Schlachtthieres schneller in Fäulniß übergeht, wie anderes.*) Vom Standpunkte der *) Hier bewährt sich das Wort: Sinoh mekalkeles es ha-Schuroh, denn sonst wäre es doch undenkbar, wie man die Thatsachen so auf den Kovf stellen kann. Red. d. JSr.