Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1901)
- Date
- 1901-11-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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9064 Wirksamkeit entfaltet und seine der hilflosen Jugend gewidmeten Wohlthätigkeitsanstalten heute in zehn verschiedenen Stadttheilen wieder eröffnet hat, findet sein Tischpublikum sogar fast ausschließlich in der atmen, christlichen Kinderwelt. Daß durch diese interkonfeffionelle Handhabung praktischer Wohlthätigkeit die Augen unserer christlichen Mitbürger, was jüdisches Denken und Handeln betrifft, zur richtigen Sehschärfe geklärt und so den erbärmlichen Machinationen der Antisemiten ein gut Stück Boden entzogen wird, bedarf wohl keines besonderen Hinweises. Die Frequenz der Volksküche in den verschiedenen Betriebsperioden hat sich auf ziemlich gleicher Durchschnittshöhe gehalten. Sie ist natürlich von den Fluctuationen des allgemeinen Geschäftsganges und Arbeitsmarktes abhängig und wird durch den Charakter jener vermindert oder gesteigert. Eine annähernde Vorstellung von der Leistungshöhe der Küche ergeben die Thatsachen, daß in den vergangenen neun Betriebsjahren fast fünf Millionen Portionen — wovon ca. 50,000 völlig unentgeldlich — in ihr verabreicht wurden und der Brödchenkonsum zwischen 150,000 u. 189,000 Stück variirt. Mit dem Verein für Arbeitsnachweis steht die Volksküche in freundschaftlicher Beziehung und hat sich zwischen den beiden Instituten eine Art von Reprocitatsverhältniß gebildet. Den hungernden Arbeitswilligen des Arbeitsnachweisvereins steht der Volksküchentisch bis zu erlangter Beschäftigung frei und die Volksküche sendet ihre Arbeitsuchenden zum Bureau des Arbeitsnachweis. Möge die neue Vereinsorganisation des vortrefflichen Instituts — wir wünschen es nochmals — Herz und Hand unserer begüterten Mitbürger in warmer Gebensfreude stets geöffnet finden und die Vereinsmitglieder von Tag zu Tag sich erhöhen und steigern. Die sozialpolitischen, direkten und indirekten Wirkungen der Anstalt sind so vielseitig und bedeutsam, daß auch die städtische Verwaltung alle Ursache hätte, ihrem Ausbau nicht nur eine vorübergehende Unterstützung (1892 spendete die Stadt Berlin aus ihrem Nothstandsfonds 1500 Mark), sondern einen dauernden, der Bedeutung unserer Metropole entsprechenden, regelmäßigen Jahreszuschuß zu gewähren. Inzwischen wünschen wir aber der Israelitischen Volksküche zu ihrem Jubiläum hiermit noch einmal von ganzem Herzen alles Gute und ihr wie dem Streben ihrer Protektoren und Dereinsmitglieder ein kräftiges, inniges „Vivat, floieat crescat!“ Zeitungsnachrichten nnv Korrespondenzen. Deutschland. Frankfurt a. 'JW. (Jüdisches Frauenstift zu Frankfurt a. MO Die Erben des verstorbenen Baron Wilhelm v. Rothschild s. A. haben den hochherzigen Entschluß gefaßt, das ihnen auf der Zeil gelegene zugeft.llene Wohnhaus in ein 24 Insassen fassendes Stift für Frauen umzuwandeln. Durch diese Stiftung wird alleinstehenden Damen (Wittwen und älteren Fräulein) gegen ein mäßiges Entgelt möglich, ein Heim sich aufzusuchen, in dem sie ruhig leben können, und in dem ihnen alle Annehmlichkeiten eines sorgenlosen Daseins geboten werden. Wie wir hören, wird dieses Stift bald eröffnet werden, und Interessenten dürfte zu rathen sein, ihre Bewerbungen baldmöglichst einzureichen. Herr Michael M. Mainz hier, der mit der Ordnung dieser Angelegenheit seitens der Familie betraut worden ist, ist gern crbötig, auf Ansragen Auskunft zu geben und die näheren Bedingungen mitzutheilen. Alle jüdischen Blätter werden um Aufnahme dieser Notiz gebeten. Memel, im Nov. Im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hielt vor einigen Tagen der hier als Redner bereits rühmlichst bekannte Rabbiner Dr. Veermann aus Insterburg einen Vortrag über den „Einfluß des Judenthums auf die griechisch-römische Kultur." Nach einer warmen Begrüßung durch den ersten Vorsitzenden, Herrn Rabbiner Dr. Earlebach, führte Redner in packenden Worten aus, welchen Einfluß die jüdische Kultur auf die in Verfall begriffene, entsittlichte römische Welt ausgeübt hat. Hauptsächlich seien es die Gebildeten und Edlen des Volkes gewesen, die die jüdische Lehre annahmen, denn das niedere Volk sei noch nicht reif gewesen für das Erfassen des Gedankens an einen einzigen rein geistigen Gott. Natürlich hätte es, wie zu allen Zeiten, an Feinden dem Judenthume nicht gefehlt, so stand z. B. Cicero der jüdischen Lehre gleichgültig, Apion gehässig und feindselig gegenüber. Dagegen waren ihr Männer günstig wie Tacitus, Darro, Diocasmus, Philo u. a., die im Judenthume geradezu die Religion der Zukunft sahen. Proselytenmachen sei nie die Sache des Judenthums gewesen. Im Gegentheil, mit äußerster Rigorosität sei alle Zeit darauf geachtet worden, daß nur in das Judenthum aufgenominen werde, wer aus tiefinnerster Ueberzeugung zu ihm übertreten wollte. Trotz alledeni sei im Laufe weniger Jahrhunderte über eine Million Römer und Griechen zum Judenthume übergetreten. Besonders Frauen aus den vornehmen Kreisen Roms hätten sich zum Judenthume bekannt. Die Gattin Neros, Pomponia Graecinia, die Gattin des Britanniens und viele andere werden von den römischen Chroniken genannt. Diese Erfolge hätte das Judenthum erstens dem Umstande verdankt, daß viele gelehrte und angesehene Juden an den Höfen und bei der höchsten Aristokratie verkehrten und dort Gelegenheit hatten, ihre Lehre zu verkündigen. Zweitens die Propaganda, die unbeabsichtigt die zahlreichen jüdischen Familien machten, in deren Leben die Römer Einblick erhielten. Die würdige Stellung der jüdischen Gattin, die Eltern- und Kinderliebe, wie sie dort herrschte, mußte edle Naturen mächtig zum Judenthume hinziehen.