Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1901)
- Date
- 1901-11-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42* Jahrgang. Krlke Anlage zu Jfs 94 des „Israelit." leitender Artikel. Eine Berliner Volksküche. Zur Gründung, Durchführung und Aufrechterhaltung bedeutender Unternehmungen gehört, einem populären Gemeinplatz zufolge, in erster Linie Geld. Man braucht die bekannte Unentbehrlichkeit des uervus i'nnuu gi eren darum durchaus nicht in Abrede zu stellen. Daß aber in erster Linie für jenen Zweck nicht Geld, sondern organisatorisches Talent,. Sachkenntnis, Energie und Ausdauer erforderlich sind, und diese Eigenschaften, je nach der Größe und Ausdauer der tlnternehmungen, in immer gesteigerterer Potenz verlangt werden, geht aus der Genesis aller größeren öffentlichen Institute und Gründungen klar hervor. Auch die Israelitische Volksküche, die bekannte humane Schöpfung des Herrn Herrmann Abraham, die am 30. Nov. d. I. den „zehnjährigen Gedenktag" ihrer Gründung begeht, dient für diese Thatsache als glänzendes Beweismittel. Als im Jahre 1862 die russische Judenverfolgung Hunderttausende hungernder Israeliten über die russischen Grenzen trieb, eilte Herr Abraham mit seiner Gemahlin im Aufträge eines Berliner Hilfskomitees nach Krakau. Auf's Tiefste erschüttert durch den Anblick des hier vor seinen Augen sich abspielenden Elends, veranstaltet er sofort eine täglich wiederholte Speisung der Armen, und regt den Gedanken zur Gründung einer Volksküche an, die nach seiner Abreise in ersprießliche, allgemein anerkannte Aktion tritt. Zurückgekehrt nach Berlin, erfährt er bei einem Besuche der Israelitischen Armenverwaltung, daß auch hier ein Nothstand unter der Bevölkerung herrscht und namentlich den durchreisenden jüdischen Armen die Anschaffung rituell zubereiteter Speisen oft zur Unmöglichkeit wird. Der erste Anstoß zur Gründung einer Israelitischen Volksküche ist also gegeben. Die Verwirklichung der Idee läßt nicht lange aus sich warten, wenn auch Herr Abraham bei seinem Vorgehen der Devise von Molike: „Erst wägen, dann wagen!" folgt. Eine in den siebziger Jahren an der Spandauer Brücke etablirte, durch einen Verein gegründete und geleitete israelitische Volksküche ist nach kurzem Bestehen eingegangen. Um dem Odium einer neuen verfehlten Vereinsgründung zu entgehen und der Erprobung des alten tot eapifa tut sensu*!'; nicht ausgesetzt zu sein, schreitet Herr Abraham mit einem aus eigenen Mitteln gegebenen Kapitale von 6'W) Mk. zur selbstständigen, persönlichen Gründung der Küche vor. Und das schwierige, mit unendlichen Mühen verbundene Werk glückt. Auf festem Fundamente steht das segensreiche Institut in den hübschen Räumen des Israelitischen Heimathhauses, Gormannstraße 3, nachdem es die ersten Jahre seiner Existenz in Miethlokalen verbracht hatte, deren Weiterbenutzung und Ersetzung durch andere unmöglich war, nun unter eigenem Dach und Fach. Die rationelle Leitung und Bewirthschaftung des Gründers haben im Verein mit der Förderung des Unternehmens durch wohlwollende Gönner, die auf dem Heimathhause ruhende Schuldenlast heute zum Theil schon amortisirt, so daß der Begriff eines eigenen Heims für die Israelitische Volksküche gegenwärtig kein illusorischer mehr ist. Der Reiter ist in den Sattel gehoben, die junge, zarte Pflanze zum kräftigen Stamm entwickelt. Und nun, wo das Institut beruhigten Sinnes in die Zukunft schauen kann, übergibt der Gründer die Leitung desselben, wie früher schon diejenige des ebenfalls durch seine Initiative in's Leben gerufenen Kindergartens und Kinderhorts, einem unter seinem Rathe und Beistände wirkenden Verein, der hoffentlich mit demselben Erfolge und mit derselben nachhaltigen, aufopfernden Unterstützung der Jnstitutsgönner wirken wird, wie seine Vorgänger im Verwaltungsrath. lieber das gegenwärtige, wirthschastliche Betriebsentwickelungsftadium der Küche läßt sich nur das Erfreulichste sagen. Die innere Einrichtung ist geradezu musterhaft, die Qualität und Zubereitung der verabreichten Speisen über allen Tadel erhaben, die Bedienung der armen Gäste stets die gleich aufmerksame, liebevolle und saubere. Rur eine, durch ihre Zartsinnigkeit und innere Berechtigung doppelt angenehm berührende Unterscheidung wird in der Verwaltung gemacht: den armen Studenten, die hier ihre Mahlzeiten einnehmen, wird an weißgedeckten Tischen servirt, eine Ehrung, die dem religiösen jüdischen Bewußtsein auf's Schönste entspricht. Heißt es doch im Talmud: „Der Weise hat den Rang vor dem König." Und Weise wollen die jungen, armen Studenten ja alle werden. Die Armuth soll ja bekanntlich, manchen Hyperklugen zufolge, sogar eine Vorschule der Weisheit sein. Sei dem jedoch, wie ihm wolle — sicher ist, daß die Israelitische Volksküche neben ihrer rein praktischen, menschenfreundlichen Jnstitutsthätigkeit, auch noch eine andere, nicht hoch genug zu veranschlagende ideelle, eine gleichsam prophylaktische Wirkung ausübt, eine ganz eminente Aufklärungs- und Abwehrthätigkeit, welche dadurch entsteht, daß sie, der Jnteniion ihres edlen Gründers gemäß, ihre Wohlthaten auch christlichen Armen zu Gute kommen läßt. Der Mitgliedreiche, weitverzweigte, bekanntlich durch die Israelit. Volks küche zum Leben erweckte Verein der Kindervolksküchen, der während der Wintermonate eine äußerst segensreiche