Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1901)
- Date
- 1901-11-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449235--54760-2505479- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2056 raschend ihn auch die Nachricht getroffen, und so sehr er die Ehre nicht verkannte, die ihm erwiesen worden, hätte er doch lange geschwankt, ob er dem Rufe folgen dürfte, weil das, was er von Westfalen und seinen religiösen Verhältnissen gehört hatte, die Ausgabe so schwierig erscheinen lies;. Gute Freunde und treue Berather haben ihn damals ermuthigt, und das ausschlaggebende Moment bei den Ueberlegungen sei gewesen, das; schon der Umstand allein Bürgschaft für einen guten Erfolg der hehren Sache böte, das; in allen Gegenden Westfalens sich ernste Jehudim zusammengethan, um wieder neues Leben in die niBcvi rrcx>, in dem dem wahren Judenthum scheinbar erstorbenen Körper der westfälischen Judenheit zu erwecken. Es sei solche Verblendung nicht zum ersten Male in Jsrael's Geschichte zu Tage getreten, als pnr: etcx könnten sie wohl irren, aber niemals ganz den Zusammenhang mit der Vergangenheit verlieren, io daß sie nicht zu ihr zurückkehren könnten. Es sei so wie mit den nrx2, den Wasserbrunnen, die Abraham gegraben, die Philister hätten sie verschüttel, daß die Quellen nicht zu Tage treten konnten, aber die Quellen waren deßhalb nicht verstopft, sondern sie sammelten sich unter dem Hindernis; zu neuer Stärke, nur harrend auf den Moment, da dieses beseitigt würde, um wieder hervorzusprudeln. Wenn auch dieses Bild nicht Gegenstand der Erwägung gewesen wäre," so ungefähr drückte sich Redner aus, „als er sich damals zu einem „Ja" entschloß, so habe der Gedanke, den es klar machen sollte, ihm damals, wie in seiner ganzen Amtszeit vorgeschwebt. Die Quellen wahrer Begeisterung für das überlieferte Judenthun». könnten nirgends, also auch in Westfalen, ganz versiegt sein, nur falsch-' Anschauungen tonnten es gewesen sein, die sie zurückgedämmt, es bedurfte also nur der Aufklärung über das, was Judenthum ist, und was es von feinen Bekennern fordert, tim die Quelle echter, ^aufrichtiger Begeisterung und ernster Hingabe an die Thora wieder hervorströmen zu lassen. Wie die Philister Jizchak den Kamps aufdrängen wollten, so würde auch ihm in diesem Bestreben der Kampf nicht erspart werden, aber gesucht dürfe er nie, sondern er müsse nach Möglichkeit vermieden werden, ja, man müsse ihm oft aus dem Weg gehen, wo es nur irgend ginge, selbst wenn er angeboten würde, denn es käme uns so sicher, wie einst dem Jizchak, eine Zeit der mrm. der Freiheit, die unser friedliches Streben mit Erfolg krönen werde. So hatte ich mir damals gesagt," fuhr Redner inhaltlich fort, „und wenn ich nach vier Jahren mich gefragt hätte, ob ich richtig gedacht und die Verhältnisse richtig beurtheilt hätte, so hätte ich zu meiner Freude mit „N e i n" und „I a" anworten dürfen. Mit „nein," denn so schlimm, wie man außerhalb Westfalens meint, sind die religiösen Verhältnisse dort nicht gewesen; mit „i a", denn meine Hoffnungen sind nicht enttäuscht worden. Deßhalb sei es vor Jahresfrist, als die ehrenvolle Berufung nach Frankfurt a. M. ihn (Redner) traf, ihm noch schwerer geworden, als vor fünf Jahren, seinen Wirkungskreis zu verlassen, denn das Feld für seine Arbeit sei ihm theuer und lieb geworden, weil er es erst recht kennen gelernt, und weil seine Hoffnungen, die er aus es gesetzt, sich erfüllt hätten. Theuer und lieb sei es ihm auch geblieben, und er werde nicht aufhören, ihm sein Interesse zuzuwenden. Stolz würde es ihn machen, wenn er auch von Westfalen ein liebes Gedenken erwarten dürfe, weil es ein Zeichen sei, daß man, wenn auch sein Können nicht ausgereicht habe, doch seinem Wollen Anerkennung zolle. „In dieser Hoffnung," so schloß der Redner, „scheide ich offiziell aus meinem Amte und spreche den Wunsch aus '121 dj?j th. daß das Werk, das ja nie abgeschlossen sein könnte, noch lange Jahre durch die, welche sich ihm bisher geweiht hätten, gefördert werden möge, bis es groß dastände zum Heil der Judenheit Westfalens." Innigen Widerhall fanden diese Worte in den Herzen aller Anwesenden und herzliche Dankesgefühle für den aus ihrer Mitte scheidenden Herrn Rabbiner rangen bei allen Betheiligten um Ausdruck, als Herr Lewertoff sich zum beredten Dolmetscher dieser Empfindungen machte und in feurigen Worten dem Herrn Direktor Dr. Lange der innigsten Anerkennung und des heißesten Dankes für das hingebungsvolle Wirken, welches er als Rabbiner entfaltet, versicherte und ihn als dauerndes Zeichen der Hochachtung, Verehrung und Liebe, welche er sich beim Vereine erworben hat, zu dessen Ehrenmitglied proklamirtc. Zu allgemeiner Bewunderung riß die sich hieran reihende Rede des Herrn Rabbiners Dr. Wolf aus Köln hin, welcher das Vereins-Rabbinat interimistisch seit dem 'Ausscheiden des Herrn Direktors Dr. Lange, vom Mai d. I. ab, verwaltet hatte. Denn die Anwesenden lernten in dem noch so jugendlichen Herrn einen Redner von bedeutender Begabung kennen und schätzen. Seine herrlichen, durch tiefsinnige Midraschstellen prächtig geschmückten Worte entzückten die Zuhörer iviederum in enthusiastischer Weise. Wir sind nur in der Lage, den bloßen Gedankengang der Rede wiederzugeben, welche die Versammlung dreiviertel Stunden lang in spannender Aufmerksamkeit gefesselt hielt, bedauern es aber unendlich, nicht wörtlich berichten zu können. Inhaltlich sagte Herr Dr. Wolf folgendes: Die Neubesetzung der Stelle, welche den Betbeiligten so große Sorge gemacht hätte, sei thatsächlich gar nicht so schwer gewesen, weil auf der vorziiglichen Grundlage, die Herr Direktor Dr. Lange gelegt, ein Weilerwirken sehr erleichtert sei. Es handle sich darum, die Anschauungen, für welche der Platz erobert sei, nunmehr überall zur Geltung zu bringen. Die Ovferfreudigleii, welche Herr Dr. Marx bereits bewiesen, bürge für das Gelingen der von ihm übernommenen Ausgabe. Daß die Gemeinden bereit seien, mitzuwirken, beweise die große Anzahl der Mitglieder des Vereins und ihr zahlreiches Erscheinen. Aus den kleinen Anfängen habe sich jetzt schon Großes entwickelt, wenn man bedenkt, daß auf dem Felde des größten Ab-