Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 93 (25.11.1901)
- Date
- 1901-11-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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2048 sondere Bedeutung geben zu muffen, und wir dürften auf die Deutungen des Midrasch um so eher verzichten, wenn ste geeeignet wären, das Charaktergemälde jener Gestalten zu verdunkeln. Man gestatte uns einige Beispiele! Der Vers, setzt das abrahamitische Zelt in einen direkten Gegensatz zum Zelte Jsaak's und schreibt: „wir fühlen uns bei dem trübseligen Anblicke desselben versucht, die alte, bewährte Verheißung in Zweifel zu ziehen, daß der Väter Verdienst und Segen den Kindern Häuser baue. Welche Zustände herrschen jetzt in dem Hause Abraham's!" Na, welche Zustände denn? Woher weiß denn der Verfaffer, daß die Gatten offenbar seit langem entfremdet sind und ihre Maßnahmen gegenseitig zu durchkreuzen suchen!" Wir wissen es nicht, woher es der Verfasser weiß. Will er schon den Midrasch gelten lassen, so lagert ja über Jsaak's Zelt die schützende Wolke, ruht ja auf dem Teig der Segen, brennt ja das Licht von einer Sabbatnacht zur anderen, wir wissen nur, daß viel später selbst der Gegner zu ihm sprechen muß: „F ü r w a h r, Du bist ein Gesegneter Gotte s." Die heilige Schrift berichtet uns aus der viele Jahrzehnte langen Ehe fast nur die für das Gottesvolk so wichtige Episode des Segens und der Verf. ist mit seinem vernichtenden Urtheile über die „Zustände" im Zelte des Patriarchen fertig. „Das Leben Jsaak's," so sagt einer unserer ersten Pädagogen in seiner Erläuterung zum jüdischen Religionsunterrichte, „des fleißigen, friedliebenden Patriarchen, tritt in den Hintergrund gegen die Bedeutung Abraham's und Jakob's. Aber auch er ist ein lehrreiches Vorbild für seine Nachkommen, insofern er das Muster eines den Lehren und Ueberlieferungen seines Elternhauses treuer Sohn ist, der in Liebe und Bescheidenheit bewahrte, was er Edles und Großes empfangen und stets zu den aUen Quellen, die sein Vater gegraben, zurückkehrte, sie schützte vor böswilliger Vernichtung und in ihrer Reinheit ste zu erhalten bestrebt ist." Der Vers, sagt, Rebekka hat „dem jungen Sohne die Ueberzeugung b e i g e b r a ch t, er sei berufen, die Aufgabe des Hauses weiterzuführen an Stelle des wilden Esau, und in dieser Ueberzeugung unternimmt er es, dem Bruder die idealen Güter zu entreißen, die ihm der Zufall der Geburt in den Schoß geworfen." Jakob unternimmt überhaupt nichts, er gehorcht einfach dem strikten Befehle seiner Mutter; ob er ihr den Gehorsam hätte verweigern sollen, ist eine andere Frage. Man thäte doch aber wahrhaftig gut, die Stammmutter nicht für so thöricht zu halten, daß sie wirklich geglaubt hätte, Jakob sei nun gesegnet, weil sein Vater die Worte zu ihm gesprochen. „Der ärgste Judenfeind," schreibt S. R. H i r s ch s. A. in seinem Bibelkommentar, „wird doch Vernunft, oder wenn man lieber will, Klugheit in ihrem Verfahren suchen müssen, ja, je verschmitzter ein solcher die jüdische Stammmutter darstellen möchte, um so weniger wird er ihr die kinderhafteste Dummheit anmuthen wollen. Wie hätte ste auch glauben können, gelänge es auch, den blinden Vater, so doch Gott, den Allsehenden, durch eine erbärmliche Mummerei zu rauschen, oder glauben, der Abrahamssegen könne auf dem Wege einer List und Täuschung erschlichen werden. Sie wollte ja nur die K o - m ö d i e, um ihrem Manne, der sich von Esau täuschen ließ und das nicht zugeben mochte, ad hominem zu demonstriren, wie er getäuscht werden könne!" Will aber der Verf. diese geistvolle Erklärung nicht anerkennen, so erscheint Rebekka's Verhalten in einem noch schöneren Lichte, daß sie den Jakob zur Täuschung drängte, weil sie in zarter Schonung dem blinden Gatten nicht den sündhaften Charakter des älteren Sohnes enthüllen will. Isaak hatte schon genug Herzeleid an den heidnischen Frauen des Sohnes; noch liebt er zärtlich den Sohn, und sie will die Vaterliebe nicht vernichten. Rebekka dachte bei alledem nur an die lautere Gotteserkenntniß, die nicht untergehen soll, sie läßt den gesegneten Sohn gern mit dem bloßen Wanderstabe in die Fremde ziehen und Jakob muß sich, wie Jbn Esra so treffend es deutet, Brod zum essen und ein Gewand zum kleiden von Gott erbitten. Der Vater war zufrieden, und Gott hat den Segen erfüllt. Das Mutterherz mochte in ihrer Seelenangst die weltgeschichtliche Bedeutung des Jakobssegens geahnt haben. Das ganze Kapitel ist ein erschütterndes Seelengemälde, es zeigt uns aber nimmer, „welche Zustände jetzt im Hause Abraham's herrschen." Ich verstehe nicht, wie man die Scene, in der die Würfel fallen, ob ein Esau oder Jakob der Träger der Gotteserkenntniß in der Weltgeschichte sein soll, zu einem Zerrbilde von Zank und Täuschung herabwürdigen kann. Der Verf. schreibt, Isaak habe die „strengen Maßregeln der Zucht nie empfunden," es fehle ihm an Umsicht und Energie, weil diese Dinge nur „auf der Arena des Lebens erworben werden können." Und wenn Isaak zum Berge Moria hinaufschritt, war das keine Energie, und wenn er bereit war, sein Haupt auf den Opferaltar zu legen, war das keine Energie? Und wenn er dann um seine Mutter trauerte und allein stand mit seinem Vater in der Welt, bedurfte es da keiner Selbstzucht und innerer Kraft? Und wenn er immer von neuem die Brunnen grub, war das so große Schwäche? Der Verf. rechnet es ihm allerdings als „an Schwäche grenzende Nachgiebigkeit" an, daß er nicht wie Abraham das Schwert erhoben und für das gebeugte Recht kämpfte. Aber Abraham kämpft, um Menschen aus der Gefangenschaft zu befreien, ein Patriarch greift nicht zum Schwerte, um sich das Wasser eines Brunnens zu erzwingen. Gerade dieses friedliche Nachgeben den zankenden und neidischen Philistern gegenüber ist einer der köstlichsten Züge in dem Bilde des Patriarchen. Ihm ist es Gottes Fügung, daß er Hindernisse findet, und er preist den Herrn, da er ihm Raum geschafft. Der Verf. deutet Jsaak's „rührende Unselbstständigkeit," daß nicht er selber,