Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 93 (25.11.1901)
- Date
- 1901-11-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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mmm 4S. Jahrgang. ZKeilage zu jv° 93 des „Israelit". Leitender Artikel. Klimrcht vor iiem Pidtlilisrt. tzillk frinfdjc Sfnöic ,;n allen Vschtnnbschnittt» i»ts Mm. Von Nablv Dr. Glumentstal—Rat i b o r. Ihr geschätztes Blatt brachte in der ersten Beilage der Nummer 90 einen Aufsatz über den Stammvater JsacL, welcher nicht unwidersprochen bleiben darf und mich zu einigen Worten der Entgegnung zwingt. Es handelt sich meines Erachtens nicht gerade um Isaaks sondern um das Prinzip, und vor allem um die Frage, in welcher Form und bis zu welcher Grenze die Kritik des jüdischen Lehrers an die vorbildlichen Gestalten der heiligen Schrift hcrantreten darf. Ich erinnere mich eines Wortes, das vor langen Jahren einmal Prof. Sachau in Berlin, der Direktor des orientalischen Seminars, in einer Universitätsvorlesung sagte: „Da wird nun über die Bibel und ihre Persönlichleiten loslritisirt, da werden Dinge vermuthet, die nie geschehen, Personen abfällig beurtheilt für Sachen, die sie nie gethan haben, da werden ganze Romane hinzugedichtet und Lücken durch die Phantasie ergänzt, und man vergißt bei alledem, daß doch nur ein verschwindend geringer Bruchtheil des hebräischen Sprachgutes uns überliefert ist, und daß es sehr bedenklich erscheint, aus den winzigen Ueberresten Thatsachen und Urtheile zu lonstruiren, welche die Ehrfurcht vor jener Jahrtausende alten Ueberlieferung nimmer erlauben darf. Ich bitte Sie, meine Herren, wenn Sie an die Bibelforschung herantreten, um etwas mehr Ehrfurcht!" So denkt der Christ über die wistenschaftliche Bibelforschung, wie soll nun der jüdische Lehrer seinen Schülern jene Gestalten vorführen? Wir sind die Letzten, welche etwa Schönfärberei treiben wollten. Das ist ja die Große des Bibelwortes. daß sie uns auch die Schwächen ihrer großen Gestalten vorführt und uns dainit zeigt, daß „Mose die Wahrheit und seine Thora die Wahrheit ist." Aber jene Gestalten bleiben ja trotz aller Schwächen groß und vorbildlich. Etwas anders aber ist es, ob wir ihnen ungünstige Eharakier.zügc andichten sollen, die gar nicht vorhanden sind, oder nicht vielmehr bemüht sein müssen, die vorhandenen Schwächen aus den Verhältnissen zu erklären, um so das Gesammtbild jener Persönlichkeiten nicht zu trüben. Auch der Schatten gehört zu einem vollendeten Gemälde. Oder glaubt man wirklich, daß der christliche Lehrer, wenn er auf Charakterschwächen des Stifters seiner Religion oder der Apostel oder Kirchenväter stößt, daß er aus diesen eine Zerrbild der Gesammtpersönlichkeiten schaffen wird? Wird er nicht vielmehr ängstlich bemüht sein, zu entschuldigen, begreiflich zu machen, zu versöhnen? Ich denke, die Bemühungen, Jakob als Betrüger und Schacherer hinzustellen, wie das so häufig von jüdischer Seite geschieht, und ähnliche Deuiungsversuche, überlasten wir am besten den Gelehrten der „Staatsbürgerzeitung." Wir dürfen nie vergessen, daß die Bibel uns heilig ist, daß sie als unsere religiöse Quelle sich uns darstellt, und daß es ja ein Trir des modernen Judenhasses ist, die Bibel und ihre Gestalten der Welt zu vergraulen, und damit die große Ehrfurcht vor jenen Gestalten im christlichen Volke zu untergraben. Nietzsche sagt einmal in seiner schwärmerischen Verehrung des alten Testamentes, „das seien doch große Menschen, bezwingende Gestalten, vor denen wir uns beugen müssen," und dann werden nicht selten in jüdischen Religionsstunden jene Gestalten behandelt und abgethan, als ob es Schcrufpielfiguren von Hauptmann oder .Hartleben wären, als ob wir eines Abraham, Isaak und Jakob nicht täglich in den heiligsten Augenblicken in unseren Gebeten gedächten! Ich spreche nur allgemein, aber was sagt, um nur ein Beispiel anzuführen, der Herr Berfaster vom zweiten Patriarchen in seiner pädagogischen Studie: „Die Gatten sind sich offenbar seit langem entfremdet, sie suchen ihre Maßnahmen gegenseitig zu durchkreuzen, es mangelt Isaak an der U m s i ch t, an der Pflege des Selbstgefühls, es wird ihm an Schwäche grenzende Nachgiebigkeit nachgesagt, er bringt es nur zu t h a t e n l o s e r Klage, er hat die strengen Maßregeln der Z u ch t nie empfunden u. s. w.". Glaubt der Berfaster, mit einer solchen Eharakterisirung das Kind oder den weniger gebildeten Glaubensgenossen mit besonderer Verehrung vor jener Gestalt und vor dem Bibelworte zu erfüllen? Soll das begeistern? Kann das erfreuen? Dazu kommt aber, daß fast alle Anklagen ohne thatsächlichen Hintergrund sind. Wohl ist es wahr, daß der Midrasch und nach ihm Zuweilen Raschi und andere Vibelerklärer, das Bild Isaaks ungünstig malen, aber das hat seinen Grund. Die Lehrer des Midrasch mußten unwillkürlich in ihren Predigten vor der Volksmenge das Bild Jsaal's etwas trüben, weil er doch auch den Esau gesegnet, jenen Esau. dessen Enkel, das mächtige Rom, sie jetzt so grausam bedrängte. Hätte Isaak den Stammvater Edoms nicht gesegnet, Israel wäre grpß und frei und glücklich — so glaubten die Prediger des zweiten Jahrhunderts in der jüdischen Volksseele zu lesen, und darum übertrugen sie ihren Schmerz auf das Charakterbild des Patriarchen. Aber dieses Moment fällt heute fort. Wir lesen heute vielleicht klarer und nüchterner die Erzählungen, ohne jedem Worte eine be-