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Der Israelit · 1901-11-25 · Heft 93 (25.11.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 93 (25.11.1901)
Date
1901-11-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2045 Feuilleton. ilad? vierhundert Jahren. 20J Lon.Fried rich^Rott. Der Oberst rieb sich den kahlen Schädel, ob es ihm gelingen werde, den Sohn so weit zur Einsicht zu bringen. Er war ein sog. Dickschädel, sein Sohn, und ganz Unrecht konnte er seiner Nichte nicht geben, wenn dieselbe befürchtete, daß sie, das heißblütige, hochherzige Mädchen, nicht zu dem etwas beschränkten, engherzigen jungen Manne paffe, daß es zu unangenehmen Erörterungen zwischen einem so ungleichen Ehepaare kommen werde. Inzwischen ließ er sich Frau Holm's in Wirklichkeit exquisite Küche trefflich munden, um so mehr, als seine liebliche Nichte, sein Herzblättchen, wie er sie zu nennen pflegte, ihm gegenübersaß und ihn bediente. „Gehen wir zuerst hinüber zu dem Hauswirth oder hinauf zu der Familie Müller?" frug Herr von Rauhenstein, nachdem er fertiggegessen. „Wenn es Dir recht ist, Onkel, gehen wir zuerst hinauf zu der Familie Müller, sie könnte sonst fortgehen, Holm's aber treffen wir den ganzen Tag zu Hause." „Also gehen wir hinauf. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten. Fräulein von Rauhensiein?" Sie hing sich zutraulich lächelnd in seinen Arm, den er ihr mit ritterlicher Galanterie geboten hatte und beide waren im Begriff, das Zimmer zu verlaßen, als ihnen Juanita entgegentrat, um den Tisch abzuräumen. „Lege mir meine Toilette zurecht," rief ihre junge Herrin ihr zu, „wenn wir herunterkommen, werde ich mich umkleiden." Die Kammerfrau murmelte einige unverständliche Worte, dann preßte sie die schmalen Lippen aufeinander. Also schon wieder ging sie hinauf zu den Juden und der Oberst, der Freiherr von Rauhenstein, ging mit ihr! — Was war das für eine verkehrte Welt! — Inzwischen hatten Herr und Fräulein v. Rauhenstein die aufwärts führende Stiege überschritten und der Oberst pochte an die ihm von seiner Nichte bezeichnete Thüre. Ein zartes Silbcrstimmchen rief „Herein!" und Beide traten ein. „Ah, das ist ja mein liebes Herzchen!" rief Jsabella, die Kleine an sich ziehend, die neugierig zu dem cingetretenen Offizier emporschaute. „Erlaube, lieber Onkel, daß ich Dir Fräulein Selma Müller vorstelle, die die Erste war, die am Montag unser gefährdetes Boot bemerkt hat." „Dafür bin ich dem kleinen Fräulein zu großem Dank verpflichtet," entgegnete der Oberst, liebkosend das blonde Lockenköpfchen streichelnd, „ein liebes Kind! Aber wo ist denn Dein Papa und Deine Großmalua?" — „Draußen auf der Veranda," erwiederte die Kleine, „der Papa kommt schon." Doktor Müller trat in der That eben in das Zimmer. „Gestatten Sie, Herr Doktor," sprach Jsabella, „daß ich Ihnen meinen Onkel vorstelle: Herr von Rauhenstein. Herr Doktor Müller, mein Retter." Der Oberst ergriff rasch die Hand des Arztes und preßte sie zwischen seinen beiden Händen, als wollte er sie zermalmen. „Lasten Sie mich vor allem die Hand drücken, die mir meinen Liebling erhalten hat," sprach er mit merklich bewegter Stimme, „ich stehe tief, tief in Ihrer Schuld —" Der Doktor erwiederte einige höflich ablehnende Worte; der Oberst aber hielt noch immer seine Hand und blickte forschend in das intelligente Antlitz des ihm Gegenüberstehenden. „Herr Doktor Müller —" sagte er langsam, wie sich besinnend. — „Sagen Sie mal — ist Ihr Vorname nicht Leo?" „Gewiß," entgegnete der Doktor lächelnd. „Doktor Leo Müller!" rief der Oberst, „ei du meine Güte! Da sind wir ja alte Bekannte —" „Ich habe Herrn von Rauhenstein sofort wiedererkannt," erwiederte der Doktor. „Ich Sie nicht, Herr Doktor, da ich Sie ehedem nie ohne Uniform gesehen habe — aber der prüfend geistvolle Blick, mit dem Sie meinen Arm zu betrachten pflegten, der ist mir im Gedächtniß geblieben." „Wann und wo haben die Herren einander kennen gelernt?" fragte Jsabella. „Ich habe unter Herrn von Rauhenstein meiner Militärpflicht Genüge geleistet," erwiederte der Doktor. „Selbstverständlich als Militärarzt," fügte der Oberst hinzu, und Du wirst Dich erinnern, daß ich vor ungefähr dreizehn oder vierzehn Jahren bei den Manövern den Arm gebrochen hatte —" „Ick habe davon gehört —" „Mein Pferd war mit mir durchgegangen und hatte mich gegen einen Baumstamm geschleudert. Dort fanden mich meine Leute mit gebrochenem Arm. Man rief nach einem Arzt; Herr Dr. Müller war der Erste und, wie der Erfolg gezeigt hat, auch der Beste. Ich fühle mich Ihnen auch heute noch dafür verpflichtet." „Aber ich bitte sehr, dafür war ich Herrn von Rauhenstein ungleich mehr verpflichtet, denn dadurch bin ich weit rascher in die Praxis gekommen." Jsabella hatte inzwischen den Knaben, der auf der Schwelle zwischen der Veranda und dem Zimmer stand, herbei gewinkt. „Erlaube, lieber Onkel, daß ich Dir meinen liebsten Freund, Herrn Viktor Müller, vorstelle. — Herr von Rauhenstein." Der Knabe verneigte sich mit dem ihm eigen schönen Anstand und reichte dem Oberst die Hand, die derselbe freundlich drückte.

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