Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 93 (25.11.1901)
- Date
- 1901-11-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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2044 bezahle, sondern nur solche von seinem Geschäft. In dieser Sache wird die Entscheidung ausgesetzt. Leipzig, 19. Nov. Das Landgericht in Berlin hat am 17. September den Verlagsbuchhändler Gustav Adolf Dewald wegen Beschimpfung der jüdischen Re ligionsgesellschafi in zwei Fällen zu einer Gesammtstrafe von sechs Monaten Gefängnis; verurtheilt. Der Angeklagte, der ein Verlags- und Sortimentgeschäst insbesondere für antisemitische Litteratur betreibt, lief; im März d. I. eine Ansichtspostkarte erscheinen, welche die Ermordung des Gvmnasiasten Winter in Könitz darstellte, im Mai ließ er dann eine weitere Karte folgen, aus der die Ermordung der Agnes Ruscha zu Polna abgebildet war. Diese Karten wurden in den Zeitungen angekündigt und kamen auch in den Handel. Wer der Autor der beiden Karten ist, tonnte vom Gericht nicht festgestellt werden, es wurde deßhalb nur gegen Herrn Dewed als Verleger Anklage erhoben. Die von dem Verurtheilten eingelegte Revision wurde heute vom Reichsgericht verworfen. Darmstadt, 20. Rov. Heute befaßte sich die Zweite Kammer mit der Vorstellung einer Anzahl Bekenner des jüdischen Glaubens, betr. die Anstellung von Juden als Richter. Die Kammer nahm nicht stillschweigend den bereits mitgetheilten Ausschußantrag an, sondern es knüpfte sich vielmehr eine eingehende Debatte daran. Abg. Ulrich trat den Tiraden von Köhler-Langsdorf, die auch von ultramontaner Seite energische Ablehnung erfuhren, entschieden entgegen und interpretirte den Ausschußantrag in völlig zutreffender Weise. Der nationalliberale Abg. Köhler-Darmitadt und vor allem der freisinnige Abg. Dr. Gutfleisch glaubten aus dem Antrag des Ausschusses ein Mißtrauensvotum gegen das Justizministerium herauslesen zu sollen und beantragten, die Resolution in der Weise zu amendiren, daß sie das Wort „prinzipiell" streichen und das Wort „bleibt" durch „wird" ersetzen wollten. Danach lautete dann der Antrag: „Hohe Zweite Kammer spricht die Erwartung aus, daß bei Anstellung der Beamten der Standpunkt der religiösen Gleichberechtigung gewahrt w i r d." Diese Neufassung wurde gegen eine ansehnliche Minorität, darunter die Abgeordneten von Darmstadt, Mainz, Gießen, Offenbach, Worms, allerdings abgelehnt, die Auslegung aber, die die Antisemiten dem Antrag zu geben suchten, wurde von den Nationalliberalen nicht gebilligt. Die Ultramontanen konnten sich, wohl im Hinblick aus die Stadtverordnetenwahlen in Mainz, mit Ausnahme des Abg. Dr. Schmitt, nicht versagen, den Antrag Gutsleisch-Köhler abzulehnen. Sie werden sich dadurch die Chancen in Mainz kaum verbeffert haben. Der Abgeordnete Wolfs wird vielleicht von seiner Furcht, daß jüdische Richter nicht unparteiisch sein könnten, geheilt, wenn er die Verhältnisse in anderen Bundesstaaten studirt. In Preußen, Bauern, Württemberg, Baden u. s. w., sogar in Sachsen sind jüdische Richter angestellt. Sie bewähren sich dort vorzüglich und machen dem Vertrauen, das man in sie setzt, alle Ebre. Das interessier auch vielleicht den Herrn Justizminister. Sonderbarer Weise griff dieser gar nicht in die Debatte ein: man wird ihm aber schon Gelegenheit geben, das Versäumte nachzuholen. Oesterreich. Wien, 20. Nov. lP r o f. D r. M a s a r y k über den Antisemitismus.) Die „Eeskocidovske Listy" veröffentlich einen Bericht über eine in Prag stattgehabte Vereinsversammlung, welche der Besprechung des Themas galt: „Sind die Juden ein zersetzendes Element?" Abg. Prof. Dr. Masaryk führte aus, die Aversion gegen das Judenthum sei eine Folge der klerikalen Erziehung, sowie des Aberglaubens. Dieses Vorurtheil wurde beim Volke noch dadurch gestärkt, daß es bei uns seltener einen Juden bei schwerer Arbeit sehe. Und doch sei diese Annahme ganz hinfällig, wie er sich selbst anläßlich seiner Reisen in Rußland wiederholt zu überzeugen in der Lage war, wo er viele tausende von Juden in Noth und Elend bei Verrichtung der schwersten Arbeiten zu bewundern Gelegenheit hatte. Die Ausführungen Dr. Masaryk's wurden von den Anwesenden mit stürmischem Beifalle ausgenommen. Brünn, 20. Nov. Verflossenen Sabbat hielt hier Herr Rabbiner Dr. Back, ein Sohn des Lissaer Rabbiner und Neffe des Landesrabbiners Dr. Platschek und diese Woche Herr Rabbiner Dr. Hoff mann aus Reichenberg in Böhmen Probepredigt. Frankreich. Nizza. Seit ca. zehn Jahren besteht hier ein „Israelitisches Sanatorium," zu welchem der kürzlich verstorbene Jacob Plaut den Grundstein gelegt hat. dessen Existenz in Deutschland unbekannt sein dürfte. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß dieses unter Leitung des Herrn Grand-Rabbin Holonel M e i ß stehende Institut für Kranke schon des vorzüglichen Klimas wegen empfehlenswerth ist, umsomehr, als ein erfahrener Arzt die medizinische Leitung innehat. Im äußersten Südosten der Stadt, in der waldreichsten, gesundesten Lage, im Villenviertel Cimiez, ungefähr eine halbe Stunde von der Stadt und IV, Stunde von der bekannten Spielhölle Monte-Carlo entfernt, erhebt sich das „Sanatorium Villa Jacob" für Brust- und Lungenleidende, welches zehn Zimmer — außer Speise- und Unterhaltungssaal — beherbergt und demnächst noch vergrößert werden soll. Das Komitee dieses Sanatoriums bringt nur einen äußerst geringen Kostansatz in Anspruch (3 Frcs. täglich). Die Pflege ist eine vorzügliche und ist die Leiterin, Madame Levy, bemüht, allen Wünschen der Patienten gerecht zu werden. Im Sanatorium herrscht ein familiärer Ton, und empfindet man dort die Unannehmlichkeit der Fremde nicht. Wir heben noch hervor, daß das Sanatorium rituelle Kost verabreicht. Ein dankbarer Patient: I. B.