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Der Israelit · 1901-11-21 · Heft 92 (21.11.1901) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 92 (21.11.1901)
Date
1901-11-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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2030 von aristokratischem Namen so zum Demagogen würde. Aber ich sage: Wir brauchen die aristokratischen Herren höchst nothwendig, damit sie hinuntersteigen und die Massen wieder sammeln. Wenn das demagogisch ist, so will ich es gern sein. Wer soll das Volk denn sonst sammeln und vaterlandsliebend machen? Aber trotzdem haben sie mich verurtheilt. Na, ich werde mich ja nicht dabei beruhigen. „Diese Handlungsweise gegenüber einem Aristokraten und Patrioten ist einfach unerhört, inkorrekt und unstatthaft, und werde ich mich an geeigneter Stelle über die mir zu Theil gewordene Behandlung energisch beschweren. Wie man mit mir umgegangen ist, das ist einfach doll, und die janze Verhandlung machte einen kläglichen und jammervollen Eindruck. Die wissen ja nicht mal, wie sie die Leute behandeln sollen. „Ich verlange als preußischer Rittergutsbesitzer, Graf und Patriot Respekt und Achtung, und der Deubel soll mir den holen, der mir diese Achtung nicht entjejenbringt!" (Stürmischer Beifall.) Zum Donnerwetter, der preußische Adel hat doch noch seine Verdienste! Unsere Väter haben die Regimenter anjeführt, die uns das Vaterland jeschafsen haben in blutijen Kriegen, und da können wir woll verlangen, daß so was anerkannt wird, ooch von einem preußischen Jerichtshofe, und wenn Unsereiner dann auch auf der Anklagebank sitzt, so soll man it/n doch respektiren und so behandeln, wie es Einem zukommt. Aber, wie jesagt, nun ist es jenug. Jetzt fange ich an, mich zu beschweren. Ich habe nu jenug davon. Ich bin von den Behörden jenug jeschunden, schikanirt und jeschunden mehr als zu viel. Ich stehe jetzt auf dem Standpunkt, daß man unseren Behörden und nainentlich den Herren am jrünen Tisch, energisch und barbarisch die Wahrheit geigen muß, so geigen, daß die Kerle auf den Rücken fallen. Nich wahr, das wäre ein famoser Anblick, wenn die Leute da in Moabit unterm Tische lägen, und ich stolz wie ein Spanier den Saal verließe? In diesem Augenblick erhebt sich der überwachende Polizeileutnant und bemerkt dem Redner: Ich muß dringend ersuchen, eine andere Tonart anzuschlagen. Ich habe lange genug Geduld gehabt. — Graf Pückler (fortfahrend): Ja, so ist es mir also in Moabit ergangen. Und weßhalb? Blos weil ich hier in Berlin in einer Versammlung wie dieser, gesagt habe, man sollte die ganze Judenbande aus dem Lande schmeißen und einige Salven auf sie abgeben, daß sie wie die Hasen davonlaufen. Das sei doch selbstverständlich nur humoristisch gemeint gewesen. Aber das kann ich Ihnen sagen, wenn ich in Klein-Tschirne zu befehlen hätte, so würde ich dekretiren: § 1. Jeder Jude kann durchgehauen werden. 8 2. Jeder Jude kann rausge schmissen und mit Dreschflegeln verdroschen werden. § 3. Jeder sehr freche Jude kann sogar aufgehangen werden. Na sehen Sie, das fassen Sie doch auch scherzhaft auf. Eigentlich müßte man auch so über mein Urtheil lachen, wenn es nicht so traurig wäre, daß sich darin wieder die Furcht vor den Juden zeigt. Unsere Behörden laufen eben wie toll und verrückt hinter den Juden her und.(der überwachende Polizeileutnant setzt den Helm aus, ruft: Silentium! und erklärt die Versammlung für aufgelöst). Das hiesige Antisemitenorgan ist sehr entrüstet über die Auflösung und droht für einen neuen, bereits angesetzten Vortragsabend, mH Gegenmaßregeln. Die Herren scheinen also anzunehmen, daß sie nicht unter der Herrschaft der Gesetze stehen. AeitrrngKnachrichle» und Eorrespondeuzeu. Deutschland. Mainz, 20. Nov. Trübe und finster, wie die regnerischen, nebelvollen, immer kürzer werdenden Tage des Kislew, waren auch die Ereignisse dieser Woche für unfere Religionsgesellschaft. Wir haben zwei Mitglieder in diesen Tagen verloren, beide gleich werth und thener Allen, die sie näher kannten. Am Sonntag verschied Herr Kaufmann Leo Schlessinger, seit Jahrzehnten Leiter unseres Synagogenchors, u. gestern trat unser Soser, Herr Julius H o l z m a n n , den Weg in ein besseres Jenseits an. Wegen seines geraden, biederen Wesens, wegen der Lanterkeit seines Charatiers, wegen seiner großen Frömmigkeit und seinen liebenswürdigen Umgangsformen, war Herr Leo Schlessinger in allen Kreisen und Schichten der hiesigen Bevölkerung eine gern gesehene Persönlichkeit. Die wenige Zeit, die dem fleißigen und unermüdlichen Manne seine geschäftliche Thätigkeit übrig ließ, widmete er der Tonkunst, und er leistete auch auf diesem Gebiete Tüchtiges. Die Vokal- und Instrumentalmusik wurden von ihm in gleicher Weise gepflegt und die Melodie, Harmonie und den Rythmus beherrschte er mit Meisterschaft. Mit einer wundervollen Baßstimme begabt, war es namentlich der mehrstimmige Männergesang, den er im Verein mit Freunden bevorzugte. Seine schöne Gabe stellte er in den Dienst Desjenigen, der sie ihm verliehen, und während eines Menschenalters verherrlichte er den Gottesdienst durch seinen wundervollen Gesang. Auch bei den Festlichkeiten der Chewra erfreute er die Theilnehmer durch musikalische Vorträge, Concerte und Kantaten, und es wird schwer sein, die Lücke, die er in den Kreisen unserer Gesellschaft hinterläßt, auszufüllen. Möge der Allgütige der trauernden Gattin und deren Kindern Seinen Trost spenden. Herr Julius H'olzmann war geradezu ein idealer Sofer. Alle Eigenschaften, die ein Mann in diesem Amte besitzen muß, befaß dieser in hohem Grade. Mit welcher Peinlichkeit er daraus bedacht war, sich der ihm in Auftrag gegebenen Herstellung der heiligen Schriftwerke zu entledigen, wie er es sich angelegen sein

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