Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 92 (21.11.1901)
- Date
- 1901-11-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42» Jahrgang. Erste Meilage zu M 92 des „Israelit." Leitender Artikel. Weiteres vom Drcfd?grafon. Der bekannte Antisemit Graf Pückler — Kl.- Tschirne hat am Montag, den 11. dss. Monats, Abends hier in Berlin in den „Concordia-Sälen" (!) einen Vortrag gehalten, über den Folgendes berichtet wird: Graf Pückler begann, die Antisemiten dürften nicht ruhen, „bis das ganze fremde Judengesindel am Boden liegt." In Dresden habe ein Staatsanwalt gegen ihn Anklage erhoben wegen Anreizung zu Gewaltlhätigteiten „gegen das jüdische Gesindel." Als Graf Pückler die Vorladung vor Gericht einfach unbeachtet ließ, beschloß der Gerichtshof seine polizeiliche Vorführung zum nächsten Termin. Ueber diese polizeiliche Vorführung berichtete nun Graf Pückler zum Gaudium der Berliner Antisemiten: Es kamen der Amtsvorsteher von Klein-Tschirne und ein Dresdener Gerichtsdiener Morgens früh um 7 Uhr zu mir und sagten, sie müßten mich verhaften, ich sollte doch ja mitkommen und keine Schwierigkeiten machen, sonst müßten sie Gewalt anwenden. Ich war baff. Man wollte mich, einen preußischen Rittergutsbesitzer und Grafen, mir nichts dir nichts verhaften. Ra. ich ging aber doch mit und sagte zu dem Gerichtsdiener: „Hären Se, mei Kutester, bet is doch eine ko - l o s s a l e Unverschämtheit, det Se mich, den Grasen Pückler, verhaften wollen. Eigentlich müßte ich Sie jetzt nehmen und in den Schloßkeller von Klein-Tschirne sperren? Da erbleichte der Mann. Ja, sagte ich, und dann müßten Sie mal da unten so acht Tage bei meinen Mäusen und Ratten b r u m m e n. Da würde Ihnen wohl denn die Lust vergehen, einen preußischen Rittergutsbesitzer v e r h a ft c n zu wollen. Der Mann erbleichte immer mehr und sagte: Ach nee, Herr Graf, des hätten Se wohl doch nich gedahn. — Was, sagte ich, nich jethan? Männetcn. Sie duhn mir blos leid. — Ra, und dann ließ ich anspannen, und denn jondelten wir los zum Bahnhof.. Uff'en Bahnhof sage ich rund heraus: Gerichtsdiener, ich fahre erster, selbstverständlich, und Sie werden natürlich dritter Klaffe fahren, sonst fahre ich ieberhaupt nich mit. — Aber härnse, sagte er da, des geht doch gar nich, Herr Graf? — Ach was, sage ich, ob det seht. Denken Sie, ich werde mit Ihnen dritter fahren? — Ra. denn fahre ich äbm ooch erschtr, sagte der Mann. — Na, da lache ich natürlich und sage: Det siebt et nich, Mann, ich werde doch nich mit Ihnen zusammen erster fahren, als preußischer Rittergutsbesitzer. Wo denken Sie hin? — Na, er stieg denn dritter in, ich erster, und so jondelten wir los. Auf dem Bahnhof in Jörlitz, wo wir um Eins ankamen, holte ich mir denn den Mann und sagte ihm, ich würde jetzt einen j a n z energischen Fluchtversuch machen. Na, da schrie er wieder Ach und Weh, er würde seine Stellung verlieren und so — na und da bin ich denn wieder mitjefahren. Als wir in Dresden ankamen, nahm ich mir 'ne Droschke und jondelte mit ihm zum „Europäischen Hof" (dem ersten Hotel in Dresden). Da verkehre ich immer, und wie nu der Oberkellner kommt, sage ich: Ober, ick bin verhaftet, und hier steht der Mann, der mich verhaftet hat. Und der Mann erblaßte zum dritten Mal. Is das nich ne riesenhafte Frechheit, was? Mich, einen schlesischen Rittergutsbesitzer zu verhaften?! Det is doch noch nich dajewesen, daß man einen schlesischen I r a f e n so mir nichts dir nichts verhaftet. Nu können Se sich denken, was das in dem Hotel, wo sie mich seit Jahren kennen, für ne riesige Bestürzung war. Nachdem ich mich denn erholt hatte, ging ich mit meinem Gerichtsdiener zum Landgericht. Na, die Verhandlung hat mir nu jarnich jefallen. Der Präsident fragt mich gleich: Geben Sie zu, daß Sie gesagt haben: Jeder Jude soll Dresche kriegen? — Jawoll! sage ich. — Geben Sie auch zu, daß Sie gesagt haben: Man soll die Juden mit Keulen und Dreschflegeln todtschlagen, wo man sie trifft? — Jawoll, sage ich. — Und geben Sie auch zu, gesagt zu haben: Wir wollen ja die Juden nicht todtschlagen. aber Haue müssen sie haben, Keile muffen sie kriegen, ganz unbändige Keile, daß ihnen die Schwarte knackt? — Jawoll! sage ich. — Na, das genügt! sagt er. Und es jenügte ooch. Ich war zu hundert Mark Geldstrafe verurtheilt. Graf Pückler erzählte dann weiter, daß die Antisemiten in Dresden hiernach zu feige gewesen seien, eine neue Versammlung zu veranstalten. Auch in Berlin habe das Gericht einen Vorfübrungsbefehl gegen ihn erlaffen: Aber ich hatte bei Beiten davon jehört und mich dünne jemacht, und wie sie diesmal kamen, war ich längst über alle Verje. Zum Termin stellte ich mich aber vünkilich ein. Na, das war nu erst ne Verhandlung! Qede und langweilig, rein zum Verzweifeln! Der Präsident schnauzte mich jleich an, sowie die Verhandlung losjejangen war. blos weil ich den Zeugen, Polizeileutnant v. Sauden, mit den Worten: „Aber verehrter Herr Leutnant!" anjesprochen hatte. Na, wie sollte ich denn sagen? Sollte ich etwa zu ihm sagen: „Mein lieber, Verehrtester Herr!" oder ..Mein sehr lieber, guter, bester, hochverehrtester Herr!"? Ich kann das doch nicht wiffen, und so fluchte und wetterte denn der Vorsitzende in einem fort, und schließlich wurde mir sogar das Wort entzogen. Sie hielten mir vor, daß es doch bedauerlich wäre, daß ein Mann