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Der Israelit · 1901-11-18 · Heft 91 (18.11.1901) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 91 (18.11.1901)
Date
1901-11-18
Page
– (sequence 22)
Language
German
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2008 folgen soll durch die allerdings mühseligen Gange und Irr- Wege unserer neuen Thätigkeit, bis das Terrain eben und frei vor uns liegt. Denn — das verkenne ich nicht — es ist ein gar steiniger, steriler Boden, den wir da bebauen »vollen. Hindernisse aller Art werden sich uns in den Weg stellen. Der eine wird uns entgegenhalten — ich will nur einige Beispiele herausgreifen — die Landwirtschaft sei unrentabel, man lese ja täglich von der sprichwörtlich gewordenen Noth der Landwirthe. Doch kann man mit vollem Recht betonen, daß dies der Wahrheit nicht entspricht, und wer von uns Landlehrern die Augen offen hat, kann sehen, wie der Bauer täglich vorwärts kommt. Der andere wird teltc^töfe Bedenken in's Treffen führen. Auch diesem Einsprüche kann man begegnen, wenn wir auf die gewiß strengreligiösen, ackerbautreibenden Juden in Rußland Hinweisen, wenn wir aufmerksam machen, daß es auch in Deutschland Großgrundbesitzer und andere Landleute giebt, die den rituellen Anforderungen vollkommen entsprechen, die Sache also keinesfalls schlechter, eher besser, als beim Kaufmannsstande liege. Uns Lehrer aber dürfen solche Einwände keineswegs entmuthigen, klar und fest muß uns das hohe Ziel vor Augen schweben; wir müssen erkennen, daß es nicht nur wirthschaftliche, sondern auch soziale, ethische unb hygienische Interessen sind, die hier mitspielen. Uns muß das Dichterwort vorschwcbcu: „Willst Gutes Du und Schönes schassen. Das lebensvoll das Leben mehre, Mußt Du Dich recht zusammenraffen Und darfst nicht scheu'n der Arbeit Schwere." Ja. meine Herren, wollen wir Pfadfinder auf dem neuen Wege werden, so müssen wir uns erst zusammenraffen. bei uns selbst anfangen. Wir kennen ja die pädagogischen Grundsätze: „Wer erziehen will, muß selbst erzogen sein" und: „Nur Liebe erzeugt Gegenliebe." Gewiß — zwischen den vier Wänden unseres Schulzimmers — das darf ich ruhig sagen — erfüllen wir wohl alle eifrig, oft nur allzueisrig, unsere Pflicht. Aber das ist ja eben das Nerkehrte, daß wir zu viel „Stubenweisheit" treiben, zu sehr in und an den Stoffmassen hängen, dem Prüsungsgespenst zu viel Einfluß in unserem ganzen Schul-- betrieb einräumen. „Worte, Worte, nichts als Worte" könnte uns Shakespeare, aber: „Mehr Geist von meinen, Geiste" sollte uns Pestalozzi zurufen. Der israelitische Lehrer, der nicht bloß Lehrer, sondern auch Erzieher sein will, dergestalt bildend, ja oft wieder umbildend auf die spätere Lebensführung der ihm anvertrauten Jugend wirken soll, darf die Schulstube nicht mehr als sein abgegrenztes Wirkungsfeld betrachten; er bat heutzutage an der Erreichung noch ganz anderer Ziele mitzuarbeiten. Er muß den durch die Stürme der Zeiten zurückgedämmten, s a st erstorbenen Natursinn wieder beleben Helsen, seine ganze Kraft e i n s e tz e n , daß die alten, goldenen Zeiten nicht mehr als Märchen von Weitem erscheinen, sondern wieder Blut und Farbe gewinnen. Das kann er aber nur, wenn dieser Natursinn zuerst bei ihm seinen Einzug hält. „Die Natur steht vor Dir in ihrer großeir Ruhe, in ihrer naiven Schönheit, in ihrer kindlichen Unschuld und Einfalt, verweile gern bei diesem Bilde" 'agt Schiller. Laß sie also reden zu Dir, lausche ilmn Orn,, > barungen, denn überall spricht sie mit tausend Stimmen zu dem, der ihre Sprache versteht. Ein Stimmungsbild, das ich neulich in einer jüdischen Zeitschrift las, illustrirt das eben Gesagte auf's Beste „Er — der israelitische Lehrer nänllich —- war der Erste, welcher die grünen Blattspitzen an den Baumen entdeckte, der Erste, welcher das Lied der Lerche hoch oben im Blau des Frühlingshimmels vernahm; er wurde nicht müde, die Stare beim Nestbau zu beobachte,,; er freute sich wie ein Kind über die ersten Frühlingsblumen, die in dem Gärtlein vor dem Hause wuchsen. Ja — das ist eben der Lohn, den uns die Natur reicht; sie erhält Geist und Sinn frisch bis in's hohe Alter hinein; sie smeucht die Falten der kleinlichen Sorge von unserem Antlitz; sie führt uns über uns selbst hinaus zu dein Höchsten, wozu der Mensch gelangen kann. Sie erfüllt unser Herz mit Zufriedenheit, die wir bei der Enge unserer Verhältnisse so nöthig haben, gießt in unsere Brust Begeisterung für den schweren Beruf und diese Sonne der Begeisterung wird daun mic Naturgetoalt ihre Strahlen in die tvcichen Kinderherzen senten und wie der Strom, der aus der Erde hervorging, nach allen Seiten hin belebend und befruchtend wirken. Haben wir uns nur erst selbst gewonnen, dann gewinnen w,r, nein, dann haben wir auch unsere K'nder gewonnen und haben wir diese, dann glüht die Morgenröthe besserer Tage, denn ewig wahr bleibt der Ausspruch unserer Weisen: „Die Welt besteht durch den Hauch der Kinder in der Schule." Wie aber, meine Herren, soll sich nun diese unsere Na liirfreudigkeit nach außen hin dokumircn? Durch zwei in die Defsentkichkeit tretende Erscheinungen können wir bezeugen, daß ivir unserem Interesse für die Nalnr auch greifbare Gestalt zu geben gewillt sind: Durch Absol v i r u n g n o n G arte n b a u - und L) b st b a u m f u r ) e n n n d d u r ch A n l e g n n g v o „ S eh ul g arte n. „Ilm Deinen Schüler zuin Meister zu machen, sei selbst Lehrling und verlaß Dich d'rauf, daß eine Stunde Arbeit ihn mehr Dinge lehren wird, als er aus einer tagelangen Auseinandersetzung lernen würde", sagt Rousseau. Dieser Ausspruch sollte uns Rieht- und Zielpunkt sein. Denn ,nit Worten läßt sich zwar trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten, aber mit Worten allein ist noch nie eine lebensvolle nnd lebensfähige Thal in die Er scheinnng getreten. Ich hatte mich auch der Hoffnung hingegeben, die Herren nicht voin grünen Tisch aus zu unterhalten, sondern mit einem f '.it ncncnnpli überraschen zu können. Ich hatte geglaubt, in, Verein mit einem gleichgesinnten Kollegen der Versammlung von hier ans als Quintessenz meines ganzen Vortrages die zwei inhaltsschweren Worte zurnsen zu können: M a ch i's nach! Nur besondere Zwischenfälle haben uns für dieses Jahr verhindert, als Lehrlinge auszutreten, aber in unserem Vorhaben nicht cnimuthigt. Ich kann nur nochmals betonen, wollen wir unserseits an der Erweckung des Interesses für Bodenkultur beitragen, so dürfen wir Meister in der Schule uns nicht scheuen, wieder als Lehrlinge in der Natur auszutreten. Zwar hätten Präparandcnschule und Seminar die Aufgabe, nach dieser Rickitung hin ihre Thätigkeit zu entfalten: wie aber die Verhältnisse nun einmal gelagert sind, ist ein segensreicher Erfolg IN,'- von bcgeisterungsfreudigen, schon im Amte stehenden > Lehrern zu erwarten, obwohl wir unserseits unablässig bestrebt sein sollten, die jüdischen Lehrerbildungsanstalten zu

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