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Der Israelit · 1901-11-18 · Heft 91 (18.11.1901) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 91 (18.11.1901)
Date
1901-11-18
Page
– (sequence 21)
Language
German
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W«M 2007 zucht und Seidenspinnerei, in Frankreich mit Weinbau, in Meißen betrieben sie Garten- und Feldbau, bis im Anfang des 13. Jahrhunderts die zu ihrem Wohnsitze gehörigen landwirthschaftlichen Grundstücke christliches Eigenthum wurden. Diese alten Zeiten müssen wir wieder hervorzuzaubern tuchen, denn gebieterisch erheischt es die Gegenwart und wohl auch die nächste Zukunft. Die Mauern aus Stein, die unsere Vorfahren dahin drängten, wo nicht Licht und Luft ihrer lachte, sind zwar geschwunden, aber eine unsichtbare Mauer, zusammengesetzt aus Vorurtheil, anerzogenem Haß und Egoismus, ist dafür um uns aufgethürmt. Wir stehen auf einein Vulkane. Unter uns braust und gährt es. der giftige Auswurf bespritzt unsere Füße und mit ollen Kräften müssen wir deßhalb dahin trachten, dieser glühenden Lava gehörige Abzugskanäle zu verschaffen. Verschiedene Wege sind nun eingeschlagen worden, um die sich täglich verschlimmernde Lage zu verbessern. Durch Hinweis auf die Vorzüglichkeit der jüdischen Religion. durch Anschluß an die liberalen Parteien oder die Sozialdemokratie suchte man anfangs seine Stellung zu wahren; cs half nichts. Der Antisemitismus wuchs trotz alledem und zwar nicht nur der Zahl seiner Anhänger nach, er wurde auch intensiver und gefährlicher. Daß aber die Grundlage altes gesellschaftlichen Zusammenlebens die ökonomischen Verhältnisse sind, daß das Börne'sche Wort: „Man haßt die Juden nicht, weil sie es verdienen, sondern weil sie verdienen," nur zu sehr der Wahrheit entspricht, tvenn es auch heutzutage auf einen großen Theil unserer Judenheit eine Parodie ist, diesen Satz — der sonst auf allen Gebieten, von allen Parteien anerkannt wird — wir haben dieses soziale Axiom unbeachtet gelassen, nie aus ibm die nothwendigen Konsequenzen gezogen und diese llnterlassungssünde hat sich nur allzu bitter gerächt. Fragen wir nun: Wo ist der Krankheitsherd in unserem wirthschaftlichen Drganismus, aus welchem die antisemitische Eiterbeule ihre Säfte zieht? Es ist nichr gar so schwer, ihn im Siechthum unseres Mittelstandes zu suchen. Der Stand der kleineren und mittleren Kaufleute — ich rechne hierher auch den Stand der Viehhändler — verliert durch die außerordentliche Verbilligung der Verkehrsmittel, durch das Emporsprießen der großen Waarenhäuser, der Riesenbazare, durch die immer weitere Kreise ziehende Bewegung der Konsum- und anderer Vereine, viel oon seiner Bedeutung; seine vermitteliibc Thätigkeit wird zwar nicht überflüssig gemacht, aber doch erheblich eingeschränkt. Es ist nun naturgemäß, daß das absterbende Glied sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft gegen den ihm drohenden Untergang wehrt, und deßhalb rönt das Geschrei aui der ganzen Linie: „Es gibt zuviel Kaufleute, der Stand ernährt nicht die ungeheure Menge. Werfen wir die Juden hinaus, entledigen wir uns dieser lästigen Konkurrenz, dann wird es uns besser gehen!" Ist dieses Argument vom menschlichen Standpunkte aus so unverständlich und müßten wir nicht die nothwendigen Konsequenzen hieraus ziehen? Gewiß! Bei ruhiger Ueberlegung müßten wir einseben, daß das, womit die Antisemiten unseren wirthschaftlichen Ruin herbeiführen wollen, in Wirklichkeit unser Glück, unser Kulturfortschrikt wäre. Ja — die Antisemiten haben recht — wir müssen hinaus aus dem Kaufmannsstande, zu dem ich — ich betone es zum zweiten Male — auch den Viehhändlerstand rechne, denn lveitaus die größte Majorität gehört diesen an. Nach einer im Jahre 1897 aufgestellten statistischen Berechnung ergab es sich, daß in sämmtlichen Handelsgewerben 62,4 pCt. Juden beschäftigt waren, während auf die Landwirthschaft nur 1,6 pEt. entfielen. Und doch müßten nach Analogie der übrigen deutschen Bevölkerung ungefähr 40 pCt. in derselben verwendet werden. Das ist das Ziel, das fortwährend im Auge behalten werden muß, ein entferntes, wohl nie zu erreichendes, aber ein desto höheres Ziel. Gewiß gibt es unter unseren Kausleuten viele, die auf den Höhen des wirthschaftlichen LebenS wandeln, aber wo sich eine gewisse glänzende Außenseite zeigt, wird dies meistens um die Ruhe des Gemüthes. um jede geistige Erholung, mit der Entfremdung vom Familienleben erkauft. Und sehen wir uns dock die kaufmännischen „kleinen Leute", die Viehhändler an. Müssen diese unter den heutigen Zuständen nicht zu katilinarischen Existenzen auswachsen. ja, sind sic es nicht schon zum großen Theil? DaS wirthschaftlichc Losungswort eines großen Theils der deutschen Judenheit müßte also lauten: „Esmuß anders werden!" Los vom Kaufmannsstande! und hineingesprungen in solche Berufe, die nach reiflicher Ueberlegung uns noch offen sieben, die zwar keine goldenen Berge verheißen, nicht Träume voll Glanzes verwirklichen, aber dafür — was gar nicht hoch genug angeschlagen werden kann — an geordnete, nicht wie bisher „sprungweise" Thätigkeit gewöhnen und wenn auch eine bescheidene, aber sichere, sorgenfreie Existenz gewähren, und das sind: Handwerk und Landwirthschaft. Ja — es muß anders werden und es kann auch anders werden, wenn der in erster Linie hierzu Berufene, der jüdische Lehrer, seine Aufgabe richtig erfaßt. Aber — eine Frage sehe ich jetzt aufsteigen. Was und wie könnten wir Lehrer denn zur Lösung dieser Aufgabe beitragen, wie könnten wir Verhältnisse ändern, denen die Zeit selbst ihren Stempel aufgedrückt hat. Bei dem ersterwähnten Berufe sind uns allerdings die Hände so ziemlich gebunden. Da können wir mir das mahnende, watnenbe Gewissen sein, das unaufhörlich in der Schule, besonders im Religionsunterrichte, im vertraulichen Gespräche mit Erwachsenen, in Vorträgen von der Kanzel herab, in Schiurim, vielleicht auch in besonders zu veranstaltenden Eltern- und Diskussionsabenden das Thema variirt: „Handwerk hat auch heute noch einen goldenen Bode n," das keine Gelegenheit vorübergehen läßt, die ehrwürdigen Gestalten unserer Weisen und ihre zahlreichen, herrlichen Aeußerungen über die Werthschätzung der Arbeit bei Jung und Alt wieder aufleben zu lassen und als nachahmenswerthe Vorbilder vor Augen zu führen. Vielleicht gelingt es durch solche fortgesetzte, intensive Belehrung die offensive zu erareifen und die Elternherzen allmäblig auch für die Einführung des Handfertigkeitsunterrichts zu erwärmen, wahrlich, ein Ziel auf's innigste zu wünschen, denn der Handfertigkeitsunterricht, nach pädagogischen Grundsätzen ertheilt, gewährt unserer Jugend in hervorragendem Maße das, was ihr zunächst Noth thnt, den sicheren Blick und die geschickte Hand, er ist zugleich ein mächtiger Bildungsfaktor und ein wichtiges Erziehungsmittel. Aber ein ungleich weiteres Feld liegt zur Bearbeitung vor uns, tvenn roir den zweiten der ungezogenen Berufe in's Auge fassen. Da tritt das Wort: üxompln trapunt in seine Rechte. Da kann und muß unser eigenes Beispiel die Feuersätile werden, der ein großer Theil unserer Judenheit

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