Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 91 (18.11.1901)
- Date
- 1901-11-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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2006 steine stehen mehrere Koniferen wie Schildwachen, um die darauf befindlichen, lieblich-duftenden Blattgewächse zu behüten. Rechts vorm Eingang zieht sich ein Garten dahin. Er ist nicht groß, aber eine Freude für Herz und Auge. Der eiserne Staketenzaun ist von zierlichen Schlingpflanzen eingefaßt. Schöne Wege durchziehen ihn und alle laufen in der in der Mitte befindlichen Laube zusammen. Mehrere Bänke laden zum Sitzen, Beerensträucher zum Naschen, ein paar herrliche Blumenbeete zum Beschauen ein. Die Blumen haben viel Besuch von den Bienen, die in einem nach den neuesten Erfahrungen erbauten Bienenhaus untergebracht sind. Und an diesem Bienenhause steht ein noch junger Mann, aufmerksam dem Treiben des noch jungen Völkleins zuschauend. Die Hacke in der einen, das Grabscheid in der anderen Hand beweisen, daß er schon tüchtig gearbeitet hat. Kaum 200 Schritt? davon steht das zweite Schulhaus. Es ist ein zweistöckiges, im modernen Stil hergestelltes, imposantes Gebäude. Aber glühend liegt die Mittagssonne auf dem grauen Schieferdache und in den mächtigen Fenstern. Kein Bau:n, kein Strauch wehrt ihren Strahlen den Eintritt. Ungehindert können diese auch in dem Gärtchen, das sich an der Südseite hinzieht, ihre gaukelnden Spiele treiben. Der Zaun desselben ist an zwei Seiten eingebrochen. Mächtige Scherbenhaufen bezeichnen den Eingang. Brennnesseln, Wegebreiten und Kletten führen darin ein lustiges Leben und nur selten wagt ein bescheidenes Blümchen vor diesen Eindringlingen das Haupt zu erheben. Meine Herren! Eine Dorfidhtte habe ich hier entworfen, zwei Gemälde, in Heller und in dunkler Farbe, gezeichnet. Bedarf es noch weiterer Pinselstriche, um dieselben zu enträtseln? Ich glaube nicht. Sie wissen diese Gemälde zu deuten, denn sie sprechen eine deutliche Sprache. Aber fragen wollen wir uns, warum das Kolorit auf dem zweiten Bilde ein so dunkles Gepläge aufweist? Lassen Sie uns zu diesem Zwecke einen kurzen Blick in die Vergangenheit, in das Mittelalter werfen. Es ist ja nichts Neues, was ich da vorzuführen habe; es bildet aber den Schlüssel zur Erklärung der betrübenden Erscheinungen und zu der hier gestellten Aufgabe. Der Jude des Mittelalkers befindet sich außerhalb des Staatsverbandes; er hat keine Heimath in seinem Wohnort, keinen Antheil an dem Wohl und Wehe des Landes, in dem er lebt. Er befindet sich außerhalb des öffentlichen Rechts; sein Leben und sein Besitz sind nicht sein eigen; der freie Gebrauch seiner Arbeitskraft und Arbeitslast ist ihm versagt; er ist der schrankenlosen Willkür dessen preisgegeben, der das sog. Schutzrecht über ihn ausübt. Und wie außerhalb des Staates und des Rechts, so steht er auch außerhalb der Gesellschaft. Vom Ackerbau, vom Großhandel, vom Handwerk, ist er ausgeschlossen, die Annahme christlicher Arbeiter und Dienstboten iss ihm ebenso streng untersagt, wie der Eintritt in christliche Werkstätten, Kaufhäuser und Schulen. Was mußte demgemäß nach psychologischen Gesetzen aus dem Juden des Mittelalters werden? Die Stellung, die er zum Staat und zur Gesellschaft, zum öffentlichen Rechte und zum öffentlichen Leben einnahm, mußte nothwendigerweise sein Denken und Empfinden, sein Wollen und Streben beeinflussen. Die Scholle, aus der er sein Dasein unter steter Furcht zubrachte, konnte ihm nicht das beglückende Heimathsgefühl einUößen; er konnte sich nicht mit ihr verwachsen. Der Wald mit seinem imendlichen Zauber konnte ihm keinen Genuß gewähren und Vogelfang und Blüthenduft sein gebeugtes Gemüth nicht aufrichten. Auf ihn war das Wort, das dem träumenden Dichter zugerufen wird, anzuwenden: „Die Luft, der Wald, das Feld ist nicht mehr mein, Willst Du in meinem Himmel mit mir '.eben, So oft Du kommst, er soll Dir offen sein." Ja — der Jude, dem die ihn umgebende Welt eine unzugängliche Fremde war, inußte sich selbst eine Welt erbauen, die er sich zur Heimath machte — eine Welt — die, der Gegenwart entrückt, in dem Boden einer fernen Vergangenheit wurzelte und in die unbekannten Räume einer noch ferneren Zukunft hineinragte, die ihn über die trostlose Wirklichkeit mit den glänzenden Bildern der Erinnerung und Hoffnung emportrug. Der heimathlos Umhergetriebeue trug seine Heimath in sich, die ihm Niemand rauben konnte. All' sein Denken und Empfinden, all' sein Glück schlossen die düsternen Mauern seiner Wohnung und seines Gotteshauses ein: dort suchte und fand er, was ihm die Außenwelt so hartnäckig versagte. Was Wunder, daß ihm die keimende, blühende Natur ringsum ein verschlossenes Buch blieb, an der er, gehetzt und gepeinigt, „Gassenjungen zum Gespötte," so rasch als möglich vorübereiltc, von Herzen froh, wcmi er ohne größere Gefahr die geliebten Räume seines Hauses erblickte. So kam es und so mußte es kommen, daß das Mort des Altmeisters Göthc auf den Juden des Mittelalters und nach den natürlichen Entwickelungsacsetzen auch noch aut den der Neuzeit anzuwenden ist: „Habt Eures Ursprungs vergessen, Eurb zu Sklaven versessen, Euch in Häuser gemauert, Euch in Sitten vertrauert, Kennt die goldenen Zeiten mir als Märchen von weitem." Aber a n d e r s w a r es i n Israel — das sei unser Trostwort, und anders werde es, muß es werden — so laute unser Losungswort, und anders kann cs auch werden — das bilde unser Zukunstswort. „Aus der alten Zeit klingt ein Lied mir immerdar!" Idyllische Bilder steigen vor uns auf. Unter schattigen Bäumen ruhen unsere heerdentrcibendeu Patriarchen; fleißige Hände lockern den Boden, Brunnen werden gegraben; unter sternenbesätem Himmel sitzt der königliche Sänger unb oie Harmonie der Weltschöpsung entflammt ihn zu gottbegeisterten Liedern; auf stolzem Thron sitzt ein Fürst, dem die Blumen und Vögel eine so deutliche Sprache reden, der in den Bau und -Organismus aller Lebenwesen so tief ein geweiht ist, ivie kein anderer vor und nach ihm. Das keimt und svroßt, grünt und vlüht und ruft laut: „Auch der Jude kennt eine innige, sinnige Natursreude und nur der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, iss dieses Gesübl im Verlaufe trauriger Jahre in ihm zurückgedrängt worden. Und darf er diese Natursreude dann nicht kennen? O gewiß! Eine innige, sinnige Naturbetracbtung führt ja nicht von Gott, führt vielmehr hin zu ihm, dem Weltenlenker. „Wie groß und wunderbar sind Deine Werke, alle zeugen von Deiner unendlichen Weisheit." Ja, das Verwachsen mit der Natur, mit der heimathlicheu Scholle, ist nickt nur eine wirthschaftliche, sondern auch eine religiöse Forderung. In Bibel und Talmud haben wir ja die herrlichsten Aussprüche, die von der hohen Werthschätzung der Handarbeit, besonders aber der Landwirthschaft zeugen. Auch außerhalb Palästina's blieben die Juden deck produktiven Arbeit freit, so lange dieselbe ihnen gestattet wurde. Sie beschäftigten sich z. B. im Mittelalter in Griechenland mit Seidenraupen-